Sport : "Ich bin im Anflug, aber noch in der Warteschleife"

Martin Hägele

Wird der Ex-Bundestrainer eine Vereinsmannschaft coachen?Martin Hägele

Lieber wäre es Berti Vogts, das Gespräch zu verschieben, weil "die Geschichte in ein paar Tagen oder in ein, zwei Wochen doch eine ganz andere ist". Es nähert sich das Comeback des früheren Bundestrainers, auch wenn er seine Bestimmung ziemlich verklausuliert: "Ich befinde mich im Anflug, allerdings noch in der Warteschleife. Aber das Okay vom Tower kann schnell kommen." Die Tendenz gehe zu einer Vereinsmannschaft.

November. Um diese Zeit ist er früher aus Deutschland geflohen, fort von den spätherbstlichen Depressionen nach New York. Nicht nur für den deutschen Fußball, auch im Leben des Mannes, der eine kleine Ewigkeit dessen wichtigster Repräsentant war, hat sich viel verändert, seit Berti Vogts am 7. September 1998 zurücktrat. Aufgab. Nicht mehr weiterkämpfen wollte. Einer musste geopfert werden, so sah er sich. Auch dass er keine Chance hatte gegen seine Jäger. Berti sei schuld an der Krise und habe die Nationalelf so weit nach unten gebracht. Das stempelte der Boulevard unter sein Urteil.

Inzwischen steht nicht mehr oft Berti in den Schlagzeilen, es sind eher kleinere Artikel, und darin heißt er wieder häufiger Vogts. Um seinen inneren Frieden zu finden, hat sich Vogts mit alten Gegnern versöhnt. Mit Schalkes Manager Rudi Assauer etwa, der den Bundestrainer im Parkstadion zur persona non grata erklärt hatte. Oder mit "Sportbild", wo kurz vor der WM sein Gehaltszettel abgebildet worden war. Ein Jahr später stellte der Experte Vogts dort die Bundesligaklubs der Saison 1999/2000 vor, uneigennützig, wie er betont, "das Honorar reicht der Jugendabteilung meines Stammklubs VfB Büttgen als Budget für zwei Jahre".

Der Bundestrainer Vogts ist nicht nur dank der Resultate seines Nachfolgers Erich Ribbeck teilweise rehabilitiert worden in der Öffentlichkeit. Geholfen haben ihm auch viele Briefe und Entschuldigungen. Wie jener Kameramann, der Vogts bei der ARD-Gala anlässlich der deutschen WM-Bewerbung 2006 um Verzeihung gebeten hat, "dass ich damals auch ihr Haus angeleuchtet habe". Zwei Tage und Nächte lang ist der Mozartweg von Korschenbroich der Times Square von Deutschland gewesen, mit Infrarot wurde alles registriert, was sich hinter dem Zaun tat. "Ich musste die Polizei rufen, Justin konnte nicht zur Schule gehen, bis heute sind das die zwei einzigen Tage, die unser Sohn gefehlt hat." Wenn er darüber spricht, hebt sich seine Stimme. Diese Wunde ist noch nicht vernarbt.

Er hat sein Golfhandicap verbessert und Englisch-Kurse belegt, zwei Dinge, die im modernen Fußball-Business immer wichtiger geworden sind. "Ich habe wieder ein positives Denken zum Fußball bekommen", sagt er und erzählt von einem längeren Aufenthalt bei Manchester United. Bei seinem alten Freund Alex Ferguson hat er entdeckt, wie normal und nur auf den Sport orientiert dort gearbeitet wird, obwohl der Champions-League-Sieger das merkantile Kultprodukt schlechthin verkörpert. "Ich kam total euphorisch zurück. Gott sei dank lag da kein Angebot. Ich hätte es angenommen".

Das war im März. Mittlerweile zieht der fünfzehnte Monat ins Land, und Berti Vogts pausiert noch immer. Will da einer mit 52 Jahren und beim vorletzten oder letzten Job kein Risiko mehr gehen? Vogts verneint. Wie man im Fall Ribbeck gesehen habe, könne man noch mit 62 zum DFB zurück. Bei seinem nächsten Arbeitsplatz müsse das Umfeld stimmen. Es sollten vernünftige Perspektiven vorhanden sein, bevor er sich auf etwas einlässt. Dabei darf er keine Fehler machen. Es gibt genügend Kollegen, die darauf warten. Auch solche, die den einstigen Vordenker mal gern im Alltag sähen und sagen: "Wir wünschen Berti Vogts nur einen ganz normalen Bundesliga-Verein." Diese sollten nicht überrascht sein, antwortet er dann, "wenn ich auf einmal auf der anderen Seite der Bank sitze."

Früher hat sich Berti Vogts mit den Siegen seiner Mannschaften gegen Häme gewehrt. Momentan kann er nicht mal das. Manchmal scheint es, als seien sogar die Angebote aus Arabien, Südafrika, Österreich und weißgottwo dazu da, um Vogts zu ärgern. Auf der "MS Deutschland" hat ihm Passagier zwischen Mombai und Larnaka gratuliert: "Ich hab grad Deutsche Welle gehört, du bist jetzt Bundestrainer von Österreich." Das ZDF filmte schon mal die Villa, in der Südafrikas Nationalcoach wohnen sollte. Bis auf Katar, wo die Verträge für sein Trainer-Team (unter anderem Pierre Littbarski) unterschriftsreif vorlagen, habe er mit niemandem verhandelt, betont er. Dass er damals im Sheraton von Doha plötzlich zurückzog, habe allein mit persönlichen Gründen zu tun, über die er nicht sprechen will.

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