Sport : "Ich bin nicht der brave Rudi"

Albert Schweitzer hat einmal gesagt: Der Zufall is

Rudi Völler (41) war nach der missratenen Europameisterschaft 2000 ein Glücksfall für den deutschen Fußball, als er für den noch an Bayer Leverkusen gebundenen Christoph Daum als Teamchef einsprang. Der Weltmeister von 1990 gab der Nationalmannschaft mit seiner Popularität den Rückhalt für einen Neuanfang. Nachdem Daum wegen einer Kokainaffaire verzichten musste, wurde aus der Übergangs- eine Dauerlösung. Völler führte die Deutschen zur WM 2002 und verlängerte seinen Vertrag bis 2006.

Albert Schweitzer hat einmal gesagt: Der Zufall ist das Pseudonym, das Gott wählt, wenn er unerkannt bleiben will. Demnach haben wir den Teamchef Rudi Völler einer göttlichen Eingebung zu verdanken.

Das ist aber eine schöne Umschreibung. Ich will versuchen, Ihnen eine ganz sachliche Antwort zu geben: Dass ich vor eineinhalb Jahren Teamchef wurde, war nicht nur ein Zufall, das war schon eine ganze Kette von Zufällen. Ich wollte eigentlich nie Trainer werden. Und ganz bestimmt nicht bei der Nationalmannschaft. Wenn ich jetzt zurückblicke auf den Sommer 2000, auf die misslungene Europameisterschaft, den Rücktritt von Erich Ribbeck und die Suche nach einem Nachfolger, dann war das mit mir sicherlich eine überraschende, eine zufällige Lösung. Es war aber auch eine vernünftige Lösung.

So zufällig wie Sie ist wohl noch niemand in ein so bedeutendes Amt gekommen. Als die Spitzen des deutschen Fußballs damals in Köln eine Übergangslösung für den designierten Bundestrainer Christoph Daum suchten ...

da stand ich zufällig in der Runde, alle haben mich angeschaut, und der brave Rudi konnte mal wieder nicht nein sagen. Das wollten Sie doch sagen, oder?

So lautet die Legende.

Jetzt werde ich Ihnen mal was erzählen. Erst mal: Ich bin nicht der brave Junge, der zu allem ja und amen sagt. Im Gegenteil, ich kann ein richtiger Trotzkopf sein. 1987 habe ich nach meinem letzten Spiel in Bremen die Ehrenrunde verweigert, weil ein paar Fans gepfiffen haben. Alle haben mich zu überreden versucht, aber ich war beleidigt und bin sofort in die Kabine gerannt. Das nehmen mir bestimmt heute noch ein paar Leute übel.

Aber als vor eineinhalb Jahren ein Übergangs-Teamchef gesucht wurde, hat niemand gepfiffen. Deutschlands wichtigste Fußball-Macher haben Sie umgarnt.

Wenn ich nicht gewollt hätte, hätte ich es auch nicht gemacht. Das war eine komplizierte Situation für meinen damaligen Arbeitgeber Bayer Leverkusen. Der DFB war sich nach Ribbecks Rücktritt mit Christoph Daum einig, aber der stand noch in Leverkusen unter Vertrag, und irgendwie musste es dort ja weitergehen. Bayer hat sich ja nicht verweigert, wollte aber eine Lösung, mit der alle leben konnten. Es wurde einer gesucht, der die Sache bei der Nationalmannschaft in Christophs Sinn für ein Jahr macht, also einer, der schon mal mit ihm zusammengearbeitet hat. Da kamen nicht so viele infrage.

Also war Ihre Berufung doch kein Zufall?

Doch, doch. Diese Thematik haben wir erst vor Ort in Köln diskutiert. Glauben Sie mir: Als ich zu dieser ominösen Sitzung gefahren bin, war ich mit Leib und Seele Sportdirektor von Bayer Leverkusen, und ich habe nie im Leben daran gedacht, als Teamchef der Nationalmannschaft nach Hause zu fahren.

Wie haben Sie denn das Ihrer Frau und Ihrer Familie klargemacht?

Na, die waren alle genauso überrascht wie ich. Da ändert sich von heute auf morgen fast alles. Der Teamchef der Nationalmannschaft steht in der Öffentlichkeit ja sehr viel stärker unter Beobachtung als der Sportdirektor von Bayer Leverkusen. Aber ich wollte das ja nur für eine gewisse Zeit machen. Nun bin ich halt Teamchef bis 2006.

Und das alles nur, weil sie am 2. Juli 2000 zufällig bei einer Sitzung in Köln dabei waren. Was wäre denn passiert, wenn Sie aus irgendeinem Zufall verhindert gewesen wären. Ihre Frau hat Geburtstag, die Kinder sind krank, so was kann ja alles vorkommen.

Diese Frage habe ich mir auch öfter gestellt. Der Calli ...

Bayer Leverkusens Manager Reiner Calmund ...

hat mir mal gesagt: Wenn ich damals nicht dich, sondern unseren Finanzgeschäftsführer Wolfgang Holzhäuser mit zu dieser Sitzung genommen hätte, würde der jetzt als Teamchef mit der Nationalmannschaft zur WM fahren. Es gibt halt solche Zufälle im Leben, die dann über deinen Weg entscheiden. So ähnlich wie damals bei Franz Beckenbauer. Der ist 1984 Teamchef geworden, weil der VfB Stuttgart seinen Trainer Helmut Benthaus nicht freigeben wollte. Für den sollte der Franz ja auch erst mal nur eine Übergangslösung sein.

Warum wollten Sie denn nie Trainer werden?

Ich hatte einfach andere Interessen. Schon zu meiner aktiven Zeit habe ich ganz gern ins Management reingeschnuppert. Bei Olympique Marseille, vor allem aber bei AS Rom habe ich an dem einen oder anderen Transfer so ein bisschen mitgearbeitet. Das hört sich jetzt unwahrscheinlich wichtig an, aber im Prinzip hat sich die Sache auf ein paar Telefonate beschränkt. Ich habe aber immer versucht, ein bisschen über den Tellerrand zu gucken, deshalb war ja dann auch das Angebot, als Sportdirektor in Leverkusen zu arbeiten, so interessant. Das war für mich eine Riesenerfahrung, auch diesen Aufschwung mitnehmen zu dürfen. Leverkusen war ja eine graue Maus, trotz Bernd Schuster, trotz Rudi Völler, die zur Verbesserung des Images geholt wurden, obwohl wir beide schon in den letzten Atemzügen unserer Karriere waren.

Aber der richtige Aufschwung kam erst mit dem Mann, der für Sie Schicksal gespielt hat: Christoph Daum.

Da haben Sie völlig Recht. Im Sommer 1996, ich hatte gerade meine Karriere als Spieler beendet, rief Reiner Calmund mich im Urlaub an: Du, wir haben die Möglichkeit, den Christoph Daum zu kriegen, was meinst du denn? Na klar, habe ich gesagt, den müssen wir holen. Wenn wir mal alles beiseite lassen, was es jetzt an Problemen gab: Mit Christoph Daum kam der Aufschwung nach Leverkusen. Und er hat für mich noch immer Anteil an den großen Erfolgen von heute, weil er damals ein paar Dinge umgekrempelt hat auf seine Art und Weise, wie er es halt so macht. Das war schon super.

Auch Christoph Daum verdankt es einem kleinen Zufall, dass es so weit gekommen ist. Bayer wäre in der Saison vor Daum abgestiegen, wenn ein gewisser Markus Münch nicht kurz vor Schluss im letzten Saisonspiel eines seiner seltenen Bundesligatore geschossen hätte.

Oh ja, das wäre eine ganz bittere Pille gewesen, auch für mich. Stellen Sie sich das mal vor: 1990 Weltmeister, und sechs Jahre später im letzten Spiel überhaupt abgestiegen, mit einer Mannschaft, die eigentlich in den Uefa-Cup wollte.

Das liest sich schlecht im Lebenslauf.

Ich hatte damals den Kopf voll damit, mein Abschiedsspiel zu organisieren, und zur selben Zeit rutschten wir immer weiter nach unten. Es war eine ganz schwierige Zeit für mich, da habe ich sehr gelitten. Ich war sehr angespannt und hatte auch schon ein komisches Gefühl in der Magengegend, dass das letzte Spiel der Bundesliga auch ein Abschiedsspiel sein kann. Dann liegen wir gegen den 1. FC Kaiserslautern 0:1 hinten, sind fast abgestiegen, und plötzlich schießt der Markus Münch dieses sensationelle Tor. Wissen Sie, wir haben in Leverkusen hinter dem Stadion ein Hotel. Und für den Markus Münch, für den wird in Leverkusen immer ein Zimmer frei sein.

Beinahe hätten Sie ja selbst mit Ihrer Familie ins Hotel ziehen müssen.

Sie meinen wegen des Brandes in unserer Villa kurz vor Silvester? Nein, wir wohnen ja noch in unserem alten Haus und wollten erst Ende Januar umziehen. Aber über dieses Thema möchte ich eigentlich nicht mehr reden. Lassen Sie uns doch lieber bei Markus Münch bleiben.

Bitteschön.

Markus hatte damals schon einen Vertrag bei Bayern München in der Tasche, und er musste dringend an der Leiste operiert werden. Er konnte aber nicht mehr trainieren, nur noch mit Spritzen, und hat dann trotzdem gespielt. Er hat sich dann nach dem letzten Spiel operieren lassen und dadurch die Vorbereitung bei den Bayern nicht richtig mitmachen können. Aber er hat dieses Tor geschossen und ist damit bei Bayer Leverkusen in die Geschichte eingegangen. Wenn Bayer irgendwann mal einen großen Titel gewinnt, dann wird es auch immer mit ein Verdienst des Markus Münch sein.

Das Tor von Münch und Ihre Berufung zum Teamchef sind zwei positive Zufälle. Können Sie sich auch an negative erinnern?

Das kommt darauf an, wie man den Begriff Zufall interpretiert. Wenn Sie intuitive Entscheidungen meinen, dann habe ich in meiner Karriere eigentlich immer richtig gelegen. Ich habe mich für Bremen als Bundesligaklub entschieden, weil Otto Rehhagel der beste Trainer für mich war. Ich bin zum richtigen Zeitpunkt nach Italien gegangen, als ich die nötige Reife und das Stehvermögen hatte. Ich hatte traumhafte fünf Jahre in Rom. Vielleicht bin ich ein Jahr zu lange in Marseille geblieben. Sie wissen schon, diese Bestechungsaffäre um Marseilles Präsidenten Tapie ... Wir waren im Trainingslager, plötzlich kommt die Polizei und nimmt uns mit aufs Präsidium. Das war schon sehr chaotisch.

Im Chaos liegt die Summe aller Zufälle. Nach dieser Definition könnte man Fußball ein wenig böswillig als organisiertes Chaos bezeichnen. Was ist planbar im Fußball, und was wird immer Zufall bleiben.

Misserfolge und Erfolge kann man ja nicht planen. Du kannst darauf hinarbeiten, Erfolg zu haben. Ob jetzt mit der Nationalmannschaft oder mit dem Verein. 1996 wollten wir mit Bayer Leverkusen in den Uefa-Cup und sind beinahe abgestiegen. Das zu dem Begriff "planbar".

Rudi Völler singt ein Hohelied auf den Zufall.

Nein, ich will dem Zufall nicht ein zu großes Gewicht geben. Natürlich bist du als Trainer abhängig von deinen Spielern. Wie setzen sie die Dinge um, wie sind sie drauf, in welcher Verfassung sind die, wie kriegen sie das mental gebacken? Aber gute Mannschaften gewinnen öfter als schlechte. Egal, wie viele Zufälle es gibt

Sie hatten sehr viele gute Trainer. Können Sie sich an Theoretiker erinnern, die die Disziplin Fußball als Planwirtschaft betrachtet haben?

Ich bin vor allem durch drei Persönlichkeiten geprägt worden: Otto Rehhagel, Franz Beckenbauer und Christoph Daum, auch wenn ich dessen Arbeit nicht als Spieler, sondern als Sportdirektor verfolgt habe. Das waren alles Praktiker, jeden Tag, jede Minute. Wenn du solche Leute denn mal kennen gelernt hast und mit denen gearbeitet hast, das färbt dann natürlich ab auf den eigenen beruflichen Alltag.

Kevin Keegan hatte in England eine ähnliche Popularität wie Sie, bis er ausgerechnet das letzte Spiel im legendären Wembleystadion verloren hat, und das auch noch gegen den Erzrivalen Deutschland. Seitdem spricht in England niemand mehr von Kevin Keegan. Haben Sie sich mal Gedanken gemacht, ob Ihnen so etwas hätte auch passieren können? Wenn Sie sich nicht für die WM qualifiziert hätten?

Ich bin Realist und kann das schon gut einschätzen. Heute bist du noch der gefeierte Held und ein paar Tage später der große Trottel. Das muss man wissen, wenn man diesen Job annimmt, dann muss man damit leben können. Natürlich auch da nur bis zu einem gewissen Punkt. Also, wenn ich dann das Gefühl habe, jetzt wird es zu extrem oder es wird jetzt ungerecht, dann muss man sich natürlich auch ein bisschen dagegen wehren.

Aber bisher waren Sie noch nie der Trottel, nicht einmal nach dem 1:5 im Rückspiel gegen England oder dem 0:0 gegen Finnland. Kritik trifft ausschließlich die Mannschaft. Von solchen Zuständen hätte Ihr Vorgänger Erich Ribbeck geträumt.

Ich empfinde Kritik an meinen Spielern auch als Kritik an mir. Meine Aufgabe kann ja nicht nur sein, zu entscheiden, mit Dreier- oder Viererkette zu spielen. Ich muss auch Dinge regeln, die im Umfeld zu verbessern sind. Ich hatte durch meine Popularität einen gewissen Kredit, und der hat mir geholfen, die eine oder andere Schwierigkeit zu überstehen. Der Rest ist harte Arbeit, nicht höhere Macht.

Lesen Sie eigentlich Ihr Horoskop?

Nein. Meine Frau macht das hin und wieder, aber ich weiß nicht mal, ob sie meines liest. Selbst wenn sie es lesen würde, würde es mich nicht interessieren, weil ich nicht dran glaube.

Hm, Sie enttäuschen uns. Spielen Sie wenigstens Lotto?

Nein. Das heißt, früher habe ich hin und wieder mal gespielt, in einer Tippgemeinschaft. Zu meiner Bremer Zeit hat mal ein Spieler einen ganz guten Gewinn gemacht. Um Ihre nächste Frage gleich vorwegzunehmen: Es war nicht Michael Kutzop, der damals gegen Bayern München den Elfmeter verschossen hat, der uns die Deutsche Meisterschaft gekostet hat.

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