Sport : „Ich bin nicht der Guru“

Fedcup-Chef Eberhard über die Krise des deutschen Damentennis und Steffi Graf

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Herr Eberhard, waren Sie enttäuscht, dass Marlene Weingärtner bei den German Open gegen Conchita Martinez gewonnen hat?

Enttäuscht? Ich wüsste nicht, warum.

Wenn Weingärtner so vor zwei Wochen im FedCup gegen die Slowakei gespielt hätte, wären Sie in die nächste Runde eingezogen.

Das stimmt nicht ganz. Sie hat gegen Daniela Hantuchova ein sehr gutes Spiel gemacht und erst im dritten Satz den Tie-Break durch zwei unglückliche Bälle verloren. Aber Sie meinen wohl das Match gegen Cervanova…

…in dem Weingärtner ganze drei Spiele gewonnen hat…

… klar, das verdeckt ihre gute Leistung, die sie gegen die Hantuchova gebracht hat.

Ist das typisch, dass die guten Leistungen von den eher schlechteren überdeckt werden?

Das ist im Sport generell so: Wenn man gewinnt, ist alles in Ordnung. Wir waren nah dran, hätten den Vorjahressieger 3:0 schlagen können. Aber das geht dann eben unter.

Sie waren also ganz zufrieden mit dem Spiel?

Zufrieden ist man, wenn man gewinnt. Aber ich bin absolut nicht enttäuscht.

Patrick Kühnen, ihr Pendant bei den Männern, glaubt, dass über den Daviscup wieder nationale Begeisterung fürs deutsche Tennis entstehen kann. Müssten sich die Damen auch stärker auf den Fed-Cup konzentrieren?

Was sind die Highlights beim Tennis? Die Nationalmannschaft und die Grand-Slam-Turniere. Bei Rainer Schüttler hat man doch gesehen, wie groß das Medieninteresse war, als er in Melbourne ins Finale kam.

Bei den Damen ist so etwas im Moment nicht sehr realistisch.

Gerade deshalb ist der Mannschaftswettbewerb so wichtig. Bestes Beispiel ist Barbara Rittner, die im vergangenen Jahr beim 3:2 gegen Russland drei Matches gewonnen hat. Das hat ihr einige Resonanz verschafft.

Patrick Kühnen versucht, im Daviscup-Team das Gemeinschaftsgefühl zu stärken, etwa durch gemeinsame Auftritte der Spieler. Kann so etwas auch bei den Damen funktionieren?

Grundsätzlich ist das wünschenswert. Wenn wir eine Woche vor dem Fed-Cup zusammen trainieren, profitieren die Spielerinnen davon. Man könnte auch mal zwei oder drei jüngere Talente dazunehmen. So etwas schwebt mir für die nähere Zukunft vor.

Könnte das am Widerstand der Spielerinnen scheitern?

Das glaube ich nicht. Für die ist das eine willkommene Sache. Das Schwierige ist der Termin. Vielleicht geht es im Herbst oder im Frühjahr, bevor die Freiluftsaison anfängt.

Vielleicht fehlt im deutschen Damentennis ein bisschen die Geduld. Anca Barna, Deutschlands beste Spielerin, hat sich in der Weltrangliste nach oben gearbeitet, aber weil sie schon 25 ist, heißt es: Das wird wohl nichts mehr.

Bei den Damen treten die Erfolge ein, zwei oder drei Jahre früher ein als bei den Männern. Ein 16-jähriges Mädchen hat eher die Möglichkeit, hoch auf der Rangliste zu stehen als ein 16-jähriger Junge. Trotzdem gibt es auch bei den Frauen Späteinsteiger. Angelika Roesch aus Berlin ist ein gutes Beispiel. Oder auch Anca Barna.

Sie sehen noch Potenzial?

Unsere aktuellen Spielerinnen haben noch nicht ihren Leistungszenit erreicht. Martina Müller ist gerade 20. Vor zwei Jahren hat sie eine sehr gute Saison gehabt; jetzt ist sie weit davon entfernt. Wenn wir es schaffen, diese Gruppe von Spielerinnen in der Weltrangliste auf Positionen zwischen 20 und 50 zu bringen, wäre das ein großer Erfolg. Dann hätten wir auch wieder Leben in der Bude.

Marlene Weingärtner haben viele den Sprung nach ganz oben zugetraut. Jetzt scheint sie in ihrer Entwicklung zu stagnieren.

Überhaupt nicht. Marlene hat seit Januar 500 Punkte geholt. Wenn man das aufs ganze Jahr hoch rechnet, wären das 1500. Damit wäre sie unter den Top 20. Natürlich ist das eine mathematische Rechnung, aber selbst wenn sie jetzt aufhört, liegt sie am Ende des Jahres um Platz 70.

Vor einem Jahr stand sie auf Platz 36.

Richtig, da hat sie ein Finale erreicht. Dieses Jahr hat sie ihre Punkte bei mehreren Turnieren geholt, das ist eine breitere Basis. Ihre Leistungen sind konstanter geworden.

Trotzdem müssen Sie sich seit Ihrem Amtsantritt vermutlich immer wieder anhören, dass das deutsche Tennis in der Krise steckt.

In Bezug auf die Weltklasse stimmt das ja auch. Wir haben im Moment keine Weltklassespielerin, und dann spricht man von Krise.

Sie haben kein Problem damit?

Es nervt schon ein bisschen. Aber ich fühle mich nicht persönlich als Hauptschuldiger.

Trotzdem erwarten alle Erfolge. Wann wären Sie selbst zufrieden mit Ihrer Arbeit?

Ich will die Spielerinnen auf höheres Niveau bringen. Von den Profis sollte es eine unter die ersten 50 schaffen und eine Nachwuchsspielerin in den nächsten beiden Jahren in die Top 100 kommen. Aber ich bin nicht der alleinige Guru, der das schaffen kann.

Wenn man Wege aus der Krise sucht, fällt immer wieder der Name Steffi Graf. Könnte sie dem Deutschen Tennis-Bund helfen?

Es wäre schön, wenn sie das täte. Sie würde uns schon helfen, wenn sie mit den Mädchen mal essen ginge. Aber sie hat sich ja eigentlich immer recht klar geäußert, dass sie in Amerika einfach zu weit weg ist.

Ist es nicht enttäuschend, dass von Graf nichts zurückkommt. Immerhin hat sie auch vom DTB profitiert?

Ich weiß nicht, was wir ihr gegeben haben, sicherlich auch etwas; aber ich glaube, dass sie schon sehr viel zurückgegeben hat. Allein, dass Tennis in Deutschland so groß geworden ist, haben wir ihr zu verdanken.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Benedikt Voigt.

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