Sport : "Ich bin wie eine Katze"

FRAGE: Macht Ihnen Ihre Arbeit noch Spaß, Herr Pesic?

PESIC: Die Frage sollte man nicht mir stellen, sondern den Leuten, die unser Programm verlassen haben.Ich habe immer Spaß und übrigens, mir bleibt nichts anderes als Basketball.Auch in dieser Situation, die für mich nicht neu ist, aber für den Verein.Und vor allem für die Öffentlichkeit, die von Alba immer eine gewisse Entwicklung erwartet.Erklärungen kommen nur vom Coach.Alle anderen versuchen, sich zu rechtfertigen.Es gibt überhaupt keinen Grund dafür, daß wir uns rechtfertigen, weil wir jetzt eine Bilanz von 0:6 in der Europaliga haben.

FRAGE: Wen meinen Sie, wer hat das "Programm Alba" verlassen?

PESIC: Wir haben Leute, die den Verein verlassen haben in dem Moment, in dem wir eine Basis gelegt haben.Also, wenn man anfängt, über die Vergangenheit zu reden, dann ist es vorbei.Man kann sie höchstens betrachten, um sich neue Ziele zu setzen.Der einzige Grund für mich, 1993 zu Alba zu gehen, war, daß ich gesehen habe, dieser Verein will in Europa etwas bewegen.In den ersten drei Jahren ging es darum, Punkte zu sammeln, um in die Europaliga zu kommen.Dann kamen die nächsten drei Jahre: erst Europaliga-Achtelfinale, dann Viertelfinale, und jetzt kommt das Final Four in München.Persönlich habe ich erwartet, daß wir dabeisind.Ich bin hiergeblieben, weil es für mich logisch war, erst einmal eine Etappe zu beenden und dann etwas Neues anfangen.

FRAGE: Dann kam aber alles anders.

PESIC: Wir wissen, was passiert ist.Alle anderen Mannschaften in unserer Europaligagruppe haben sich qualitativ verbessert, nur wir nicht.Henning Harnisch sollte weiterspielen, Wassili Karassew Spielmacher bleiben, Marco Baldi Manager.Wenn man unser Konzept betrachtet, haben wir hier quasi versagt, aus unterschiedlichen Gründen.Einige haben nicht geglaubt, daß sich der Verein weiter entwickeln kann.Oder private Gründe haben den Ausschlag gegeben.

FRAGE: Waren Sie da sehr enttäuscht?

PESIC: Ich bin immer noch enttäuscht, daß wir nicht in der Lage waren, eine gute Chance zu nutzen.Aber ich bin wie eine Katze, die von oben heruntergeworfen wird und doch auf die Beine fällt.Ziel bleibt irgendwann das Final Four, aber jetzt müssen wir eine Weile abwarten.Diesmal werden wir nicht wieder fünf Jahre warten müssen, weil wir jetzt eine Basis haben, die wir vor fünf Jahren nicht hatten: Respekt in Europa, Image des Vereins, talentierte Mannschaft.Die Leute, die nicht weiter motiviert sind, die nicht diesen Ehrgeiz haben, die sollen uns nicht stören.Wenn wir vorher gewußt hätten, daß einige nicht in dieser Saison mitspielen oder mitarbeiten wollen, hätten wir uns dann besser darauf einstellen können.Die hätten das vorher sagen sollen.Aber wie gesagt, wie eine Katze muß man jetzt reagieren und attackieren.Ich befinde mich nicht zum ersten Mal in einer solchen Situation, wo ich von vorne anfangen muß.Wir haben eine Mannschaft mit Potential.

FRAGE: Das Publikum will nach den letzten Jahren aber jetzt schon Siege sehen.

PESIC: Man merkt in der Stadt: Die Leute vertrauen der Mannschaft nicht.Sie identifizieren sich nur mit den Erfolgen der vergangenen zwei Jahre.Sie vergleichen die jetzige Mannschaft nur mit der Mannschaft vom letzten Jahr.

FRAGE: Mit der Zahl der Niederlagen wächst natürlich die Zahl der Kritiker.Man hat den Eindruck, Sie reagieren darauf jetzt dünnhäutiger.

PESIC: Es kommt darauf an, wer die kritischen Fragen stellt.Geht es dem Frager wirklich darum, eine Erklärung zu erhalten oder darum, eine Stimmung zu erzeugen? Da wird auch gelogen und beleidigt.Und darauf reagiere ich.Direkt und offen.Der Verein sagt ja dazu gar nichts.Ich schon.

FRAGE: Das Final Four in München diese Saison ist abgehakt - haben Sie sich schon ein neues Ziel für die Zukunft gesetzt?

PESIC: Unser Ziel muß ein Final Four bleiben.Doch manchmal ist es vielleicht auch ganz gut, einmal zu verlieren, damit man weiß, wie schön Erfolg ist.An diese Situation muß man sich erstmal gewöhnen, daß wir nicht immer gewinnen können.Vielleicht ist es auch gut, daß wir jetzt in eine solche Situation gekommen sind, damit wir früher mit dem Aufbauprozeß einer neuen Mannschaft beginnen können.Wir bauen die neue Basis jetzt.

FRAGE: Was fehlt der Mannschaft?

PESIC: Am besten wäre es, wenn die Mannschaft sich entwickeln könnte mit dem Erfolg.Wenn man trainiert, trainiert, trainiert und nicht gewinnt, verliert man den Glauben an sein Konzept.Für unser Selbstvertrauen fehlt uns der eine oder andere Sieg in der Europaliga.Wir hätten eines der beiden ersten Spiele gegen Moskau oder Piräus gewinnen müssen.Aber dafür waren wir nicht gut und fit genug.Wir hatten Verletzungen, und dann kam unser neuer Spielmacher Kiwane Garris erst, als die Vorbereitung vorbei war.Ein Amerikaner kommt nach Europa, wo er nie gespielt hat.Er weiß gar nicht, wo er ist.

FRAGE: Hätte man nicht einen anderen Spielmacher holen sollen, der mehr Erfahrung in Europa hat?

PESIC: Auf jeden Fall.Wahrscheinlich wäre das im Juni noch möglich gewesen.Da haben wir noch damit gerechnet, daß Karassew wiederkommt.Sicher auch später, aber wir haben kein Geld gehabt! Wir wollten unbedingt einen erfahrenen Spielmacher haben, der Resultate stabilisiert und der gleichzeitig unseren jungen Leuten wie Bogojevic oder meinem Sohn Marko hilft.Wir haben zwei Spieler, die dazu in der Lage sind, von ihrer eigenen Qualität Resultate zu sichern und gleichzeitig die Entwicklung eines jungen Spielers zu fördern und ihnen zu helfen: Henrik Rödl und Wendell Alexis.Garris aber ist selbst ein junger Spieler, der Hilfe braucht.

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