Sport : Ich bin zwei Fußballer

Im Spiel gegen die Bayern zeigt Leverkusens Abwehrchef Lucio bisher vermisste Führungsqualitäten

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Von Erik Eggers

Leverkusen. Wenn in der Welt des modernen Fußballs tatsächlich so etwas wie ein perfektes Spiel existiert – Lucimar Ferreira da Silva, genannt Lucio, hatte es beim 2:1-Sieg Bayer Leverkusens gegen den Tabellenführer Bayern München auf den Rasen gezaubert. Dabei geriet das wichtige Führungstor des brasilianischen Innenverteidigers, dieses Freistoßgeschoss aus 26 Metern, das Leverkusen „taktisch in die Karten spielte“ (Ottmar Hitzfeld), fast zur Randnotiz. Denn im Anschluss daran steigerte sich Lucio wahrlich in einen Rausch: Er, den immer noch eine Innenbanddehnung im Knie plagt, verlor nicht einen wichtigen Zweikampf, nicht einmal die schweren Kopfballduelle gegen Michael Ballack. Er beruhigte seinen Keeper Jörg Butt, wenn dieser zur Hektik neigte, und sein Stellungsspiel war geradezu grandios.

Vor vielen Jahren gab es diese einprägsame Werbung ns „Ich bin zwei Öltanks“. Lucio hätte sich während des Spiels ohne jede Überheblichkeit ein „Ich bin zwei Fußballer“ mit einem schwarzen Edding auf die Stirn schreiben lassen können. So enorm war die von ihm ausgestrahlte physische Präsenz, dass sie fast vergessen ließ, dass Leverkusen nach dem Platzverweis für Brdaric nur noch mit zehn Mann auf dem Rasen stand. Am Ende der letzten Saison ist die Mannschaft als „Vizekusen“, „Loserkusen“ oder „Schmusekusen“ tituliert worden. Dieser Name greift nun nicht mehr. Seit Samstag darf Leverkusen allenfalls noch „Bayer Luciokusen“ heißen.

Seit Januar 2000 steht Lucio in Leverkusen unter Vertrag, und seitdem hat er sich kontinuierlich verbessert. Schon damals zeichnete ihn eine brutale Athletik aus und auch die seinem Ehrgeiz geschuldete, zuweilen überbordende Cholerik. Immer noch wirkt Lucio stark beleidigt, wenn sich irgendein Gegenspieler tatsächlich erdreistet, ihm den Ball wegzunehmen – so wie ein kleines Kind, das mit allen Mitteln sein Eis verteidigt. Was Lucio aber gelernt hat in den letzten Jahren, ist der kluge Blick für die Situation, das taktische Verständnis.

Die archaischen Szenen, in denen er wie ein wilder Stier in die andere Hälfte stürmte, sie kommen kaum noch vor. Auch Blackouts wie beim Champions-League-Finale in Glasgow, als er vor dem 0:1 durch Raul einen Einwurf verschlief, scheinen endgültig Vergangenheit. Die „Frankfurter Rundschau“ hat ihn vergangene Saison noch als „Weltklasse-Chaot“ bezeichnet. Das „Chaot“ ist fortan zu streichen.

Der Weltmeister ist peu à peu zu dem gereift, was Leverkusen fehlt nach den Abgängen von Ze Roberto und Ballack: zu einer Führungsfigur. Sein Mitspieler Oliver Neuville zeigte sich fast irritiert darüber, dass „der jeden Zweikampf gewinnt“, Mittelfeldakteur Hanno Balitsch findet es „angenehm und beruhigend, vor einem solchen Mann zu spielen“. Und Trainer Toppmöller nannte Lucio am Samstag nach dem Sieg gegen die Bayern „einen vorbildlichen Jungen, der immer mit großem Herzblut an die Sache herangeht“. Besonders aber gefällt ihm die Einstellung: „Lucio will immer ein Leader sein.“

Der Gerühmte verfiel indes in nicht gespielte Bescheidenheit. Er war nur glücklich, das Tor zur 1:0-Führung für seine Mannschaft geschossen zu haben, und hofft nun nach den schwierigen Wochen für Bayer Leverkusen, „dass es wieder aufwärts geht“. Auch habe die Mannschaft „viele Leader, und ich freue mich, einer von ihnen zu sein“. Gleich anschließend folgte ein Satz, der klar macht, über welch großes Selbstbewusstsein der Weltmeister aus Brasilien verfügt. „Ich hoffe, hier den jungen Spielern helfen zu können.“ Lucio selbst ist gerade einmal 24 Jahre alt.

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