Sport : „Ich hab’ Schrammen abbekommen“

Lance Armstrong über ein hartes Jahr und seinen erneuten Triumph

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Lance Armstrong, haben Sie die Tour gewonnen oder überlebt?

Beides. Das war das absolut schwerste Jahr für mich. Und weil es so schwer war, ist dieser Sieg schöner als die meisten anderen. Vielleicht sogar schöner als alle Siege.

Es ist Ihr wertvollster Sieg?

So empfinde ich das. Denn ich hatte das Spiel nicht immer im Griff. Ich hab’ einige Schrammen abbekommen.

Wie lange müssen Sie sich davon erholen?

In den früheren Jahre habe ich gesagt, dass die Vorbereitung auf die nächste Tour am Montag nach der Tour anfängt. Dieses Jahr brauche ich erst mal eine Pause. Aber ich werde wiederkommen – und zwar nicht, um zu verlieren oder um Zweiter zu werden. Ich werde hoffentlich mit der Form wiederkommen, die ich in den vergangenen vier Jahren gehabt habe. In diesem Jahr habe ich diese Form nicht gehabt. Mein Niveau war diesmal nicht akzeptabel.

Was ging schief?

Ich hatte vor der Tour schon körperliche Probleme. Ich hatte eine MagenDarm-Grippe direkt vor dem Start. Dann der Sturz in Meaux. Ich habe mich auf dem Rad nicht wohl gefühlt. Dann kamen auch noch Fehler dazu: Ich habe beim ersten Zeitfahren zu wenig getrunken. In L’Alpe d’Huez haben wir taktische Fehler gemacht, da hätten wir Ullrich drei Minuten abnehmen müssen. Wir haben aber seine Schwäche nicht ausgenutzt.

Sie klingen gestresst.

Ja, es war ein hartes Jahr. Als wir zu Beginn der Tour nach Paris gefahren sind, war unser Sonnendach offen, und da hat ein Vogel etwas auf die Hose unseres Mannschaftsleiters Johan Bruyneel fallen lassen. Mein Mannschaftskollege Pavel Padrnos hat gesagt, das bringt Unglück. Er hatte Recht.

Man sah in diesem Jahr mehr amerikanische Fahnen am Straßenrand als je zuvor. Fühlen Sie sich wie ein Star?

Weiß ich nicht. Wissen Sie, mir ist etwas anderes wichtig. In Zeiten franko-amerikanischer Spannungen ist es schön, wenn viele Amerikaner nach Frankreich kommen. Sie wohnen in französischen Hotels, essen in französischen Restaurants, kaufen in französischen Geschäften ein. Es ist mir egal, ob sie ein amerikanisches T-Shirt oder ein französisches tragen. Hauptsache, sie kommen.

Hatten Sie Momente während der Tour, in denen Sie sich alt gefühlt haben?

Glauben Sie mir, ich hatte viele solcher Momente. Aber ernsthaft, ich glaube nicht, dass man mit 31 für unseren Sport zu alt ist. Auch nicht mit 32, 33 oder 34. Ich habe immer gesagt, dass ich aufhören möchte, solange ich an der Spitze stehe. Und ich hoffe, dass ich den richtigen Moment erwischen werde.

Was sagen Sie zu Jan Ullrich?

Ich habe von Anfang an gesagt, dass er mein schwerster Gegner sein wird. Er hat uns sehr viele Probleme bereitet. Er ist so stark wie in seinen besten Jahren, vielleicht sogar stärker. Ich bin zum dritten Mal gegen ihn gefahren, aber in diesem Jahr hat er mich zum ersten Mal schlecht schlafen lassen. Es gibt keinen Fahrer, der mich so motiviert wie Jan Ullrich. Vielleicht liegt das daran, dass er mir sympathisch ist. Ich halte ihn für einen großen Champion.

Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Jahr?

Es war gut für mich, einmal angreifbar zu sein. Wenn man immer mit fünf oder sechs Minuten Vorsprung gewinnt, fängt man an, das für selbstverständlich zu halten. Jetzt weiß ich, dass meine Gegner echt sind, dass ich sie ernst nehmen muss.

Sie stehen jetzt auf einer Stufe mit großen Radfahrern wie Jacques Anquetil, Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain. Was bedeutet das für Sie?

Nach dem Zeitfahren hat mir Hinault bei der Siegerehrung die Hand geschüttelt und mir gesagt: willkommen im Club. Das hat mich sehr berührt, das war eine große Ehre. Aber trotzdem noch nicht das Gefühl dazuzugehören. Vielleicht müssen Sie mir diese Frage in 20 Jahren noch einmal stellen.

Aufgezeichnet von Rainer Guareschil.

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