Sport : "Ich habe gedacht, hier springe ich nie runter"

Herr Schmitt[haben Sie schon ein Haus gebaut?]

Martin Schmitt (23) hat das Skispringen in Deutschland zum Massen- und Fernsehspektakel gemacht. Sein Heimatort Furtwangen hat ihm bereits eine Straße gewidmet. Schon als 19-Jähriger trat Schmitt erstmals bei der Vierschanzentournee an und holte seine ersten Weltcup-Punkte. 1998 gewann er bei den Olympischen Spielen in Nagano Silber mit der Mannschaft und wurde in den folgenden Jahren vier Mal Weltmeister. Derzeit ist Schmitt in einer Formkrise. Den Anschluss an den Polen Adam Malysz, den großen Favoriten für die heute mit der Qualifikation in Oberstdorf beginnende 50. Vierschanzentournee, hat Martin Schmitt erst einmal verloren.

Herr Schmitt, haben Sie schon ein Haus gebaut?

Nein.

Ein Kind gezeugt?

Auch nicht.

Wenigstens einen Baum gepflanzt?

Ich muss Sie enttäuschen, die sprichwörtlichen Pflichten des Mannseins habe ich noch nicht erfüllt. Ich bin jung, aber immerhin habe ich schon eine eigene Straße.

Die Martin-Schmitt-Straße in Furtwangen, das ist nicht gerade ein Prachtboulevard

Aber eine wichtige Umgehungsstraße. Ich habe mich sehr gefreut, die Straßenbenennung war eine nette Geste meiner Heimatgemeinde nach meinem Gewinn der Weltmeisterschaft. Natürlich kann ich mir von einer Straße allein nichts kaufen, und stolz ist man ohnehin eher auf die sportlichen Leistungen und die Erfolge. Aber witzig war es schon, wie damals mir zu Ehren das Namensschild geändert wurde.

Damit haben Sie es geschafft: Auch wenn Sie derzeit nicht vorne mitspringen, sind Sie wegen ihrer Erfolge eine der herausragenden Persönlichkeiten Deutschlands - nicht schlecht für einen 23-Jährigen.

Was habe ich geschafft? Ich bin ein erfolgreicher Athlet in einer Wintersportart, in einer Sportart, die noch vor kurzem nur zur Jahreswende wie an diesem Wochenende durch die Vierschanzentournee wahrgenommen wurde. Allerdings haben wir Skispringer in den letzten Jahren schon ein enormes Medieninteresse erreicht. Und im Sport ist es heute eben so, dass die Person, die einigermaßen erfolgreich ist, auch im Mittelpunkt und extrem in der Öffentlichkeit steht.

Sie können nicht mehr unbehelligt auf die Straße gehen?

Sagen wir so, ich verursache keine Staus oder Massenhysterie, aber angesprochen werde ich schon.

Das klingt, als sei es Ihnen unangenehm. Sie gelten als schüchtern.

Es hat Phasen gegeben, in denen ich darüber nachgedacht habe, was eigentlich passiert ist mit mir in recht kurzer Zeit. Plötzlich war ich Sportler des Jahres und auf einmal eine von den Personen, die ich kurz zuvor noch bewundert habe. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, es wird zur Normalität. Geholfen hat sicherlich, dass ich Anschauungsunterricht hatte bei Dieter Thoma und bei Sven Hannawald. Da sieht man schon, was nach dem Springen alles passiert. Da habe ich gelernt, wo man vorsichtig sein muss.

Wo muss man denn aufpassen?

Man muss einfach aufpassen, dass man nicht Gefahr läuft, sich von den Medien verheizen zu lassen, sondern sich auf das konzentriert, was mir wichtig ist - und das ist immer noch der Sport.

Herr Schmitt, Sie sind 23 Jahre alt, Sie sind ein Star, Sie üben einen waghalsigen Sport aus, und Sie wohnen bei Muttern. Wir wollen mit Ihnen über das Erwachsenwerden reden.

Wenn ich hier im Schwarzwald bin, dann wohne ich tatsächlich daheim. Bin ich deswegen weniger erwachsen? Wenn es darum geht, in Freiburg habe ich auch eine eigene Wohnung, zusammen mit meinem Bruder. Wann ist man denn erwachsen?

Was meinen Sie?

Vielleicht, wenn man selber über sein Leben bestimmt.

Und, tun Sie es?

Die Wäsche wäscht Mutter, aber das ist wohl nicht gemeint. Ich denke, im Großen und Ganzen bestimme ich schon über mein Leben. Ich bin Sportler von klein auf, da lernt man früh Selbstständigkeit.

Ihr Sport ist nicht ungefährlich. Gab es keinen familiären Streit, als Sie damit anfingen?

Skispringen ist hier im Schwarzwald so ungewöhnlich ja nicht. Sicher gab es und gibt es Momente, in denen meine Mutter Angst hat. Aber unsere Eltern haben mich und meinen Bruder immer unterstützt.

Wann sind Sie das erste Mal von einer Schanze gesprungen.

Ich habe mit sechs Jahren angefangen.

Und das hat Ihre Mutter zugelassen?

Es hat darüber nie eine Diskussion gegeben. Das hat sich einfach so ergeben. Meine Vater war im Skiklub, und so mit fünf habe ich auf Skiern gestanden. Zusammen mit meinem Bruder, der war da sieben, sind wir die Berge runtergedüst und auch schon mal über selbstgebaute Schneehügel gesprungen. Dann ist mein Vater mit ihm zu einer Sprungschanze gegangen, so fing mein Bruder an. Und als er einmal bei einem Wettkampf war, fuhr ich mit meiner Mutter den Alpinhang neben der Schanze runter. Im Wettkampf fehlte einer, und ich bin eingesprungen.

Mit Alpinski und ohne Haltungsnoten?

Natürlich mit Alpinski. Ich bin einfach runtergesprungen, so 10, 11 Meter vielleicht. Das war ein Wettkampf für Achtjährige, und ich bin Zweiter geworden. Selbst wenn meine Mutter etwas dagegen gehabt hätte, danach hätte sie wohl keine Chance mehr gehabt. Aber sie hat nur kurz überlegt und ist dann mit mir zum Anlauf gegangen.

Demnach waren Sie ein sehr mutiges Kind.

Ich war ein Kind, das Spaß haben wollte. Sie müssen sich das so vorstellen: Im Schwimmbad klettert man auf den Zehnmeterturm und hat zwei Möglichkeiten. Runter ins Wasser springen und stolz sein oder wieder runterklettern und sich ärgern. Der erste Sprung kostet Überwindung. Auf der Schanze auch.

Herr Schmitt, wenn man ins Wasser stürzt, holt man sich vielleicht blaue Flecken. Beim Sturz von der Schanze aber Knochenbrüche.

Daran denkt man doch als Kind nicht, als Kind springt man unbekümmert. Man macht sich keine Gedanken und hüpft einfach. Von der kleinsten Schanze auf etwa 20 Meter, dann kommt irgendwann die nächste, und man kann 40 Meter weit fliegen. Ich meine, das ist schon ganz schön weit, das kostet dann wieder neue Überwindung.

Wie haben Sie diese Herausforderung gemeistert?

Ich war sieben, als mein Bruder von dieser 40-Meter-Schanze gesprungen ist. Die hatte einen ziemlich hohen Holzturm. Ich bin hochgelaufen und habe gedacht, hier springe ich nie runter. Aber ich wusste, wenn ich wieder runtergehe, muss ich laufen, mit den Ski auf dem Buckel, das wollte ich auch nicht. Also bin ich gesprungen, in dem Alter funktioniert das noch sehr spielerisch.

Und wann ist Ihnen erstmals bewusst geworden, dass man nach dem Flug auch böse auf die Nase fallen kann?

Mit 12 Jahren habe ich mir mal den Fuß gebrochen. Am Anfang war das unangenehm, da habe ich schon mal überlegt, ob ich nicht aufhören soll. Aber eigentlich war es klar, dass ich weitermache, in dem Fall bedurfte es keiner großen Überredungskünste.

In dem Fall nicht? Und sonst? Mussten Sie von Ihren Trainern zum Sprung überredet werden?

Zum Springen nie. Bei mir war es nur so und ist es noch immer, dass man mich zum Rauflaufen drängen muss. Ich bin im Training immer sehr wenig gesprungen, weil ich beim Hochgehen gerne getrödelt habe. Die Skier sind so schwer, die waren ja auch damals schon 2,10 Meter oder 2,20 Meter lang. Und dann habe ich mir überlegt, wenn ich schnell hochlaufe, springe ich und muss wieder hoch. Manchmal waren die Trainer schon recht verzweifelt.

Für die Mühen dürfte man reichlich entlohnt werden. Der Held der Lüfte war doch sicherlich in der Schule auch der Schwarm der Mädchen.

Ach, das war nichts Besonderes, Skispringer gibt es hier eben viele. Ich habe mich kaum von meinen Mitschülern unterschieden, außer dass ich öfter unterwegs war und abends beim Training. Und später, im Skiinternat war mein Sport auch nicht außergewöhnlich, da haben ja viele irgendeinen Sport gemacht.

Was für eine schreckliche Jugend, in der sich alles nur um den Sport dreht.

Man muss natürlich auf einiges verzichten. Aber man hat auch ganz andere Freiheiten. Man reist viel und ist viel ohne Aufsicht mit Gleichaltrigen zusammen.

Die auch nur den Sport im Kopf haben.

Von wegen. Sie brauchen sich nicht vorstellen, dass im Trainingslager um Acht das Licht ausging, damit wir rechtzeitig einschlafen, um morgens wieder fit zu sein. Wir waren doch weg von zu Hause, die Trainer sind nicht die Eltern, und da geht man abends eben auch schon mal in die Disco und trinkt mit den Jungs ein Bierchen. Ich vermisse nichts aus meiner Jugend.

Gar nichts? Skispringen ist ein reiner Männersport.

Der aber nicht isoliert im Winter ausgeübt wird. Unsere Trainingslager fanden oft zusammen mit den Langläufern statt, und bei denen gibt es Mädchen. Wir wussten uns schon zu helfen. Eingeschlossen haben wir uns auf jeden Fall nicht, es war nicht immer so, dass wir nur im Wald gewohnt haben. Der Wintersport hat ja auch den Vorteil, dass er meist in kleineren Orten stattfindet, da läuft man sich über den Weg. Ich glaube, ich habe durch den Sport mehr erlebt und eine intensivere Jugend gehabt als andere.

Das sagt auch Franziska van Almsick, die Schwimmerin: Sie habe schon so viel erlebt in ihrem jungen Leben, dass sie sich viel älter fühle als sie es ist mit ihren 23 Jahren.

Die Situation bei ihr war eine ganz andere. Sie war mit 14 Jahren in der Weltspitze und ständig mit Erwachsenen zusammen. Ich war 19, als ich das erste Mal bei einer Weltmeisterschaft mitgesprungen bin.

Nochmal Frau van Almsick, die ihre rebellische Phase später nachgeholt hat ...

ich brauche nichts nachzuholen. Das bisschen Rebellentum, das ich habe, habe ich ausgelebt.

Wir hören.

Da gibt es nicht viel. Ich war ein ganz normaler Schüler, ich habe auch nur gelesen, was Pflicht war in der Schule, also Homo Faber und so und die Leiden des jungen Werther, ich habe auch mal ein Stündle ausfallen lassen, abgeschrieben und Spickzettel benutzt.

Ist ja furchtbar aufregend.

Ich habe mich auch mal gegen Trainer aufgelehnt, die mir sagen wollten, was gut für mich sei und mich bei einem Mannschaftsspringen rauslassen wollten. Denen habe ich dann mitgeteilt, was ich davon halte.

Und, haben Sie sich durchgesetzt?

Nein, da kann man sich nicht durchsetzen, aber immerhin habe ich ein bisschen Trouble gemacht. Alles in allem, Sie haben schon recht, so eine richtige rebellische Phase hatte ich nie.

Von einem Mann, der sich traut, über hundert Meter durch die Luft zu segeln, hatten wir Spektakuläreres erwartet.

Damit kann ich nicht dienen, ich bin bodenständig und damit zufrieden.

Und jetzt wollen Sie uns auch noch erzählen, dass Sie wie weiland Jörgl Thoma aus Hinterzarten kilometerweit mit Skiern durch den rauhen Schwarzwald zur Schule mussten?

Ja genau, ich aber barfuß. Im Ernst, ich kann weder mit Abenteuertum noch mit Sozialromantik aufwarten. Meine Entwicklung verlief geradlinig und bodenständig.

Erwachsen mit 18, als der Führerschein kam?

Ob erwachsen, weiß ich nicht. Das geht ja nicht von gestern auf heute. Den Führerschein aber habe ich tatsächlich mit 18 gemacht ...

und wie üblich auf dem Land sind Sie mit sechzehn schon Auto gefahren ...

genau, nicht auf der Straße, aber auf einer Wiese, mit dem Auto meines Bruders.

Und dann, drei Jahre später, war plötzlich Schluss mit der Beschaulichkeit.

Das kann man so sehen. Mit 21 hatte ich meine erste wirklich erfolgreiche Saison. Das Besondere daran für die Öffentlichkeit war wohl, dass man mich vorher nicht kannte. In der Skiszene war ich sicher schon bekannt, und ich selber habe eigentlich immer an meine Leistungsmöglichkeiten geglaubt. Irgendwann fragte mich mal ein Mitschüler, ob es überhaupt Sinn machen würde, dass ich weiterspringe. Ich habe mir diese Frage allerdings nie gestellt.

Das muss dennoch ein ziemlicher Schock gewesen sein: von Furtwangen im Schwarzwald auf die Weltbühne der Sportshow.

Allerdings. Plötzlich kamen Anfragen, Werbeangebote, Schulterklopfer. Ich habe da schon genau hingucken müssen.

Das hatten Sie doch gar nicht gelernt?

Ich habe aber schnell erfahren, was meine Eltern mir immer gesagt haben, nämlich, dass gesundes Misstrauen hilfreich ist und man wirklich nicht zu jedem freundlich sein muss. Ich will nicht schroff wirken, es aber jedermann Recht machen, das geht gar nicht.

Seitdem Skispringen so ein Medienereignis ist, reißen sich auch Manager um die Skispringer.

Das war auch so eine Sache. Man muss jemanden finden, der Ahnung vom Geschäft hat und dem man vertrauen kann. Ahnung vom Geschäft, das glauben viele zu haben, oder zumindest behaupten sie das.

Sie meinen Erich März, ehemals glückloser Manager beim Fußball-Bundesligisten 1860 München und auch mit Ihnen nicht gerade erfolgreich. Es kam zum Prozess.

Ja, aber mittlerweile haben wir uns geeinigt.

Jetzt fühlen Sie sich in guten Händen?

Ja, meine jetzige Agentur wird geleitet von einem ehemaligen Wintersportler. Der hat eine ganz andere Beziehung zum Skisport und kann sich selber in meine Lage versetzen.

Das scheint zu funktionieren, Sie sind ein reicher, junger Mann.

Na ja, reich, ich muss das ja alles auch erst einmal versteuern, so viel bleibt da auch nicht.

Sollen wir sammeln gehen?

So schlimm ist es nicht. Um beim Thema zu bleiben, dem Erwachsenwerden, durchs Geld bin ich sicherlich reifer geworden. Reif meine ich im Sinne von unabhängig und selbstständig. Ich bin nicht mehr auf meine Eltern angewiesen und kann mir die Sachen leisten, die ich mir leisten möchte.

Bei jungen Menschen führt das oft zu Leichtsinn.

Da war ich nie anfällig. Ich kann mir einen Ferrari leisten, wüsste aber nicht, was ich damit soll. Das meiste Geld liegt eigentlich sicher auf der Seite. Eines lernt man allerdings dennoch schnell: Man kriegt nichts geschenkt. Wenn man einen Sponsorenvertrag hat, erwartet der Partner eine entsprechende Leistung, da reicht es nicht alleine, mit einem Stirnband rumzulaufen, da kommen noch andere Verpflichtungen hinzu. Grundlage aber ist der sportliche Erfolg. Und deshalb kann ich eigentlich auf keinen Vertrag verzichten, weil eine Verletzung schnell kommen kann, und dann ist die sportliche Grundlage nicht mehr gegeben.

Verletzt waren Sie nicht, aber krank in den vergangenen Wochen und nicht besonders gut in Form. Machen Sie sich Sorgen um Ihr Abschneiden bei der Vierschanzentournee?

Nein, ich hoffe nach wie vor, vorne mitzuspringen. Das Skispringen ist aber zu komplex, als dass wir uns gezielt auf einen bestimmten Höhepunkt der Saison vorbereiten können. Das Wichtigste ist jetzt, eine stabile Form und ein hohes Niveau zu schaffen, um dann bei den Highlights mit einem letzten Quentchen Glück vielleicht auf dem Podest stehen zu können. Ich denke, dass ich mich nach den ruhigen Weihnachtstagen in einer ordentlichen Form vorstellen werde. Ich will eine gute Tournee springen, aber ich bin momentan nicht in der Lage, locker und leicht um den Sieg mitspringen zu können. Ich muss mir alles hart erarbeiten. Diesmal ist Adam Malysz in der Favoritenrolle. Ich will für eine Überraschung sorgen.

Sie werden auch bei schlechtem Abschneiden Ihren Status als Sportprominenz behalten.

Ich bin kein Boris Becker oder Michael Schumacher. Und ehrlich gesagt, bin ich auch froh darüber. Ich denke, noch habe ich den Rummel ganz gut gemeistert, noch komme ich damit klar. Aber eigentlich bin ich doch nur Sportler, und wenn ich nachts um zwei in einer Disko rumstehe und eigentlich nur einen lustigen Abend haben will und nicht ständig angesprochen werden möchte, dann nervt die Bekanntheit schon mal.

Das passiert öfter?

Immer öfter. Damit muss ich leben. Oder dahin fliegen, wo mich wirklich keiner kennt.

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