Sport : „Ich habe immer Angst“

Bayern Münchens Trainer Felix Magath über Beziehungen, Disziplin und sein erstes Jahr in München

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Herr Magath, vor kurzem haben Sie uns an den Herrn Ackermann von der Deutschen Bank erinnert. Sie saßen im geöffneten Cabrio, wurden nach der Übergabe der Meisterschale zum Marienplatz kutschiert und formten mit beiden Händen das VictoryZeichen. Da können wir uns ja auf einiges gefasst machen, wenn Sie am Samstag auch noch den DFB-Pokal holen.

Naja, nach der Meisterschaft macht man schon mal so was. Die Stimmung hat angesteckt, die Spieler waren ausgelassen. Für mich war es seit langem der erste Titel, und der erste überhaupt als Trainer.

War er auch Ihre größte Leistung als Trainer?

Schwer zu sagen. Vor fünf Jahren habe ich Eintracht Frankfurt zum Klassenerhalt geführt, obwohl die Mannschaft nach der Hinrunde nur elf Punkte hatte. Diese Saison hier in München war sehr schön, aber wenn ich das Jahr in Frankfurt im Vergleich sehe, war das die bessere Trainerleistung. Da habe ich prozentual mehr aus den einzelnen Spielern rausgeholt.

Hätten Sie also so effizient gearbeitet wie in Frankfurt, dann wäre Ihre Mannschaft nicht im Viertelfinale der Champions League an Chelsea gescheitert.

Dann wären wir am Mittwoch im Finale gewesen und jetzt vielleicht Champions-League-Sieger.

Es lief nicht immer so gut mit Ihnen und den Bayern. Oliver Kahn sagte auf der Meisterfeier, es habe eine Zeit lang gedauert, bis die Spieler von den Methoden des neuen Trainers überzeugt waren.

Jeder Trainer hat seine Auffassung von Fußball. Wenn hier ein Trainer sechs Jahre lang gearbeitet hat, dann hat der Spieler diese Sichtweise übernommen. Und ein Spieler, der so eine Arbeitsweise kennen gelernt hat und damit auch noch sehr erfolgreich war, der fragt sich halt: ‚Mmh, warum machen wir das jetzt so?’

Nach dem dritten Spieltag, nach einer 1:4-Niederlage in Leverkusen, wurden öffentlich erste Zweifel an der Verbindung Magath/Bayern laut. War Ihnen da die Möglichkeit des Scheiterns bewusst?

Ach, wissen Sie, ich bin doch nicht so blauäugig. Es garantiert einem niemand, dass alles so abläuft, wie es jetzt gekommen ist. Aber es war für mich überhaupt nicht überraschend, dass es zu Beginn der Saison ein paar Probleme gab. Vieles war neu, für mich und die Spieler.

In Leverkusen haben Sie damals Ihren brasilianischen Weltmeister Lucio ausgewechselt. Er hat sich danach lautstark beschwert, so etwas sei ihm noch nie passiert.

Wir haben uns später darüber unterhalten, und er hat danach eine sehr gute Saison gespielt. Ich musste ihn nicht mehr auswechseln. Ich habe erkannt, dass Spieler, die aus anderen Regionen der Welt andere Mentalitäten mitbringen, anders reagieren. Gerade Lucio ist aber ein Spieler, der sehr professionell mit sich umgeht, der oft eine halbe Stunde vor dem Training da ist. Das kriegen die anderen Spieler ja auch mit. Mir geht’s darum zu sehen, was verkraftet die Mannschaft und was nicht. Ich halte mich für einen ziemlich toleranten Menschen.

Weiter mit der Kritik: Michael Ballack hat nach jenem 1:4 in Leverkusen gesagt, die Mannschaft sei wegen Ihres harten Trainings nicht fit.

Kann schon sein, dass damals ein paar Spieler müde vom Training waren. Aber so etwas kann ich nicht ändern. Wenn im Juni eine Europameisterschaft stattfindet und die Spieler deswegen erst drei Wochen vor Saisonbeginn hier ankommen, muss man die Konditionsarbeit eben in der Saison weiterführen, genau wie von mir vorher gesagt. Für uns ging es darum, Anfang September, zum Start der Champions League in einem optimalen Zustand zu sein und eben nicht in den ersten zwei, drei Saisonspielen.

Ist in den letzten Tage auch mal ein Spieler zu Ihnen gekommen und hat gesagt: ‚Danke, Trainer, das hat mir zwar keinen Spaß gemacht mit den Medizinbällen und den Waldläufen, aber jetzt sehe ich, dass es mir sehr gut getan hat’?

So hat das keiner gemacht, aber mittlerweile merke ich das im täglichen Umgang schon. Vor ein paar Tagen, als sie noch mal Hügelläufe machen mussten, kam ab und zu so ein Satz: ‚Hey Trainer, ich dachte, wir sind schon Meister’. Sie wissen das schon einzuschätzen, ohne dass sie mir gleich um den Hals fallen.

Mit Blick auf die Anfangsprobleme haben Sie einmal gesagt, Sie hätten auf die Mannschaft zugehen müssen. Wo und wie sind Sie denn auf die Mannschaft zugegangen?

Die Beziehung zwischen Trainer und Spielern lebt immer davon, wie man miteinander umgeht. Wie in der Ehe: Sie können mir dann hinterher nicht erzählen, wenn sie geschieden ist: Der hat Schuld, oder der hat Schuld. Es ist immer so, dass beide nicht genug aufeinander zugegangen sind und das Verhältnis deshalb nicht gehalten hat. Und genau so ist das mit dem Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft. Als ich anfing, war nur die Hälfte der Mannschaft da, die anderen kamen erst nach drei Wochen. Ich musste mir aber erst mal ein Bild machen, was kann man umsetzen, was kann man durchsetzen, und wo ist irgendwann Ende. Das war es, was die Spieler bei mir erkennen mussten. Und ich bei ihnen.

Ihr Vorgänger Ottmar Hitzfeld sprach selbst in guten Zeiten häufig davon, wie schnell die Existenz gefährdet sei. Offenbar trieb ihn diese latente Angst an. Gibt es so etwas in Ihrem beruflichen Alltag nicht?

Ich habe immer Angst, auch jetzt, weil ich weiß, wie schnell sich in einer Mannschaft die Situation verändert. Man ist ja auch abhängig davon, was bei einem Spieler privat los ist. Wenn einen die Freundin verlässt, kriegen Sie das erst dann mit, wenn es den Spieler schon längst beschäftigt hat. Der kommt ja nicht an und sagt: ‚Trainer, ich hab ein Problem mit meiner Freundin.’ Deswegen versäume ich nie ein Training, weil ich immer dabei sein muss, sehen muss, spüren muss, was ist mit der Mannschaft los. Die Angst ist mein ständiger Begleiter.

Ein wertvolles Korrektiv?

Natürlich. Die Natur hat uns die Angst mitgegeben, damit wir nicht so naiv sind. Dafür ist die Angst ja da, mit der man leben muss, die nichts Schlechtes ist.

Ottmar Hitzfeld glaubte man die Magengeschwüre in seinen Gesichtsfalten ansehen zu können. Bei Ihnen hat man den Eindruck, Sie würden nie welche bekommen. An Ihnen perlt alles ab.

Das ist falsch. Ich habe Stress und spüre ihn, auch wenn ich deswegen noch keine Magengeschwüre hatte. Ich lebe entsprechend. Ich trinke keinen Alkohol – nicht, weil ich nicht gern mal ein Bier oder einen Wein trinke, sondern weil es meine Leistungsfähigkeit vermindert. Wenn Sie nicht von vornherein sagen, ich trinke nichts, kommen Sie immer wieder in Situationen, wo aus einem schnell vier, fünf Gläser werden. Dann sind Sie am nächsten Tag nicht so frisch. Deswegen lebe ich diesem Stress bewusst entgegen.

Hatten Sie als Spieler auch so eine eiserne Selbstdisziplin?

Nein. Ich habe als Spieler schon mal was getrunken und geraucht. Mit dem Rauchen hab ich 1982 aufgehört, ich weiß noch das Datum, es war der 22. Februar. Da wurde ich am Knie operiert. Ohne die Operation hätte ich wahrscheinlich weitergelebt wie davor. Als Sportler bist du so: Du trainierst, bist ein bisschen kaputt, gehst unter die Dusche, und dann könntest du schon wieder von vorn anfangen.

Hätte der Spieler Felix Magath Spaß unter dem Trainer Felix Magath gehabt?

Großen Spaß. Aber ich hatte das Glück, zwei der besten Trainer überhaupt zu haben, Branco Zebec und Ernst Happel. Es hieß ja immer, ich wäre nicht gern gelaufen. Das ist Blödsinn! Ich war beim HSV einer der Lauffreudigsten, bei sämtlichen Konditionseinheiten waren es immer dieselben Spieler, die vorne waren, und ich kann ihnen versichern: Ich war dabei. Ich weiß genau, wie viel ich selbst trainiert habe, ich weiß genau, wie viel ich jetzt trainieren lasse – und, glauben Sie: Es ist viel weniger, als ich als Spieler selbst trainiert habe. Ernst Happel hat immer gesagt, dass ich zu viel laufe. Er hatte wahrscheinlich Recht.

Sie haben schon vor ein paar Jahren gesagt, Sie würden lieber im Ausland arbeiten, zum Beispiel in England, da werde noch mehr Wert auf den Sport gelegt.

Dass ich ins Ausland wollte, war eine rein persönliche Sache: Weil ich gerne mal im Ausland gelebt, eine Sprache gelernt hätte, und ich glaube, dass mich das auch als Trainer weitergebracht hätte. Es wird immer der Mentalität der Leute entsprechend Fußball gespielt, und hier in Mitteleuropa sehe ich halt die Tendenz, dass das Sportliche immer mehr in den Hintergrund gedrängt und das Geschäft in den Vordergrund gerückt wird. Und in England ist das eben noch anders.

Hat das mit einer anderen Fußball-Ethik zu tun?

So ist es. Da fällt mir eine Szene ein: Ich war irgendwann mal ohne Job, da war ich in England und habe mir das Spiel Leeds gegen Liverpool angeschaut. Da war gerade der Kalle Riedle von Dortmund nach Liverpool gewechselt. Irgendwo im Mittelfeld kommt ein so genannter Mörderball, Riedle und sein Gegenspieler gehen hin. Der Gegner geht mit der Sohle voll rein, und Riedle, der das nicht gewohnt ist, wird getroffen, fällt um. Er will liegen bleiben. Aber dann fällt ihm auf einmal ein: Hoppla, ich spiele ja nicht mehr in der Bundesliga. Er steht auf und macht weiter. Wunderbar!

Warum ist das nicht auf Deutschland übertragbar?

Hier haben die Schiedsrichter zu viel und die Trainer zu wenig Einfluss. Es traut sich doch keiner mehr, richtig in einen Zweikampf zu gehen, weil sofort alles abgepfiffen wird. Wenn solche Entwicklungen besprochen werden, fragt der Verband bei allen nach: bei den Schiedsrichtern, den Vorsitzenden der Klubs, den Managern – nur nicht bei uns Trainern.

Das betrifft auch den Konföderationen-Pokal, bei dem Sie mit Bundestrainer Jürgen Klinsmann über Kreuz liegen. Sie befürchten eine zu starke Belastung Ihrer Spieler.

Das hat nichts mit einem Streit zwischen mir und Klinsmann zu tun. Nach der WM 2002, als Klinsmann noch in Kalifornien unter der Sonne lag, habe ich gesagt: Wenn ein Spieler von 2004 bis 2006 jedes Jahr im Sommer im Einsatz ist und danach nicht genug Zeit zur Regeneration hat, dann kann er nach dieser Tortur bei der WM 2006 keine Höchstleistung bringen. Ein junger Spieler vielleicht, aber die meisten nicht. Wir hatten Trainersitzungen zu diesem Thema. Aber uns fragt niemand.

Wäre es dann nicht Aufgabe des Bundestrainers, auch im eigenen Interesse, zu sagen: Der Konföderationen-Pokal ist nicht so wichtig, wichtig ist erst die WM im nächsten Jahr?

Nein, da habe ich schon Verständnis für den Bundestrainer, er kann ja schlecht seinem Arbeitgeber in den Rücken fallen, und sagen: ‚Das ist alles Mist, was ihr da mit eurer Planung gemacht habt!’

Haben Sie auch Verständnis für seinen Hauptwohnsitz Kalifornien? Ihr Manager Uli Hoeneß hält davon recht wenig.

Lassen Sie mich das so sagen: Ich persönlich wollte keinen Job haben, der viel weiter weg ist, als dass ich ihn in einer halben Stunde mit dem Auto erreichen könnte. Damit hätte ich ein Problem.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Daniel Pontzen.

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