Sport : „Ich habe meinen Traum gelebt“

Thomas Doll über seine Wandlung vom Individualisten auf dem Fußballplatz zum Erfolgstrainer beim Hamburger SV

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Herr Doll, Sie waren ein außergewöhnlicher Fußballspieler, ein Dribbelkünstler und Individualist, aber alles andere als ein Stratege. Wenn man Sie vor zehn Jahren gefragt hätte, ob Sie mal Trainer werden …

… hätte ich laut gelacht. Früher war ich, nun ja, ein wenig anders. Ich hatte eine ganz schöne Matte, also lange Haare, hier und da auch einen Ohrring. Aber das Schöne ist ja, dass du dich als Mensch entwickelst, wenn du an dir arbeitest.

Was unterscheidet den jungen Spieler Thomas Doll vom jungen Trainer?

Der Trainer denkt mehr. Ich habe damals viele, viele Fehler gemacht. Ich habe mich nur um den Fußball gekümmert, vieles vernachlässigt, die Familie, da kam ja dann auch die Scheidung von meiner ersten Frau in die Öffentlichkeit. Ich war einer, der in den Tag reinlebte, der nie über morgen nachgedacht hat. Mit der heutigen Weisheit würde ich schon das eine oder andere Problem umdribbeln.

Zum Beispiel?

Meine vielen Verletzungen. Viele davon kamen durch Unwissenheit zustande. Ich habe mir zu oft sagen lassen: Komm, du musst am Wochenende spielen. Auf meinen Körper habe ich viel zu selten gehört. Meine Achillessehne hätte ich mir mit mehr Vernunft nicht ruiniert. Die Aussicht auf eine WM-Teilnahme war mir mehr wert als meine Gesundheit. Also, das kann’s nun wirklich nicht sein.

Auf dem Platz haben Sie oft improvisiert. Trifft das auch auf den Trainer zu?

Nein. Ich will immer topvorbereitet sein, für jede Situation. Das geht nicht aus dem Bauch heraus. Ich vergleiche mich als Trainer immer mit einem Bergsteiger, der auf eine Tour geht. Der braucht seine Haken, um oben zu überleben.

Wir konfrontieren Sie mal mit einem Zitat aus dem Jahr 1999: „Die Spieler haben zu viel Macht, zu viele nehmen sich zu wichtig.“ War das schon der Trainer in Ihnen?

Nein, das war damals in einer Phase, in der ich mal wieder eine schwere Verletzung hatte. Das war die Sicht eines Fußballers, der seine Karriere fast schon beendet hat und darüber nachdenkt, was er nun anfängt mit seinem Leben.

Damals waren Sie ein alternder Spieler, jetzt sind Sie, mit 38 Jahren, einer der jüngsten Trainer in der Bundesliga. Wenn wir jetzt mal Ihre Frau fragen, ob Sie sich als Cheftrainer verändert haben …

… antwortet sie Ihnen: überhaupt nicht. Ich habe ihr am Anfang gesagt: Wenn du irgendetwas Seltsames an mir bemerkst, dann sag es mir sofort, na und meine Frau ist Italienerin, die ist da nicht zimperlich. Aber es ist alles so geblieben, wie es war. Meinen Traum habe ich gelebt als Fußballprofi. Warum sollte ich mich nun ändern – weil ich Bundesligatrainer bin?

Sie sehen Ihren Aufstieg vom Amateur- zum Cheftrainer sehr emotionslos.

Ach, das kommt noch. Wenn ich im Dezember nach Mexiko in den Urlaub fliege, werde ich mich vielleicht mal zurücklehnen und denken: Genieß das doch mal, du bist einer von 18 Bundesligatrainern, mit 38 Jahren. So viele tolle Fußballtrainer warten auf einen Job in der Zweiten Liga oder in der Regionalliga, und ich trainiere den Hamburger Sportverein. Ist das nicht unglaublich?

Haben Sie überlegt, den Job abzulehnen? Der HSV hatte ein schlechtes Image. Da kann ein junger Trainer schnell scheitern.

Das sind zwei Fragen auf einmal. Also, vor einem Jahr wäre es sicherlich zu früh gewesen. Ich war ja schon mal im Gespräch, damals, als Kurt Jara entlassen wurde. Wahrscheinlich hätte ich angenommen, denn so eine Chance kriegt man ja nur einmal, aber der richtige Zeitpunkt wäre es wohl nicht gewesen.

Teil zwei der Frage: Hat der schlechte Ruf der Mannschaft Sie nicht abgeschreckt?

Nein, ich kenne ja die Spieler: Mit Mehdi Mahdavikia und Sergej Barbarez habe ich noch gespielt. Ich kannte das Potenzial und wusste: Mit den Jungs werde ich Erfolg haben. Ich habe die Mannschaft oft beim Training gesehen, hatte immer Kontakt zu Klaus Toppmöller …

… Ihrem glücklosen Vorgänger, der im Oktober entlassen wurde. Haben Sie inzwischen mal mit ihm gesprochen?

Natürlich, am Telefon. Ich glaube, dass er sich für uns freut. Vielleicht tat es am Anfang ein wenig weh, wenn der eine oder andere Sieg eingefahren wurde und er wusste, du hast da vor ein paar Wochen noch gearbeitet. Aber er ist keiner, der neidisch wird und mir den Erfolg nicht gönnt. Auch Toppi wusste, dass eine Initialzündung kommen musste.

Diese Initialzündung – war das nur der Trainerwechsel?

Es ist ja nicht so, dass da einer kommt, in die Hände klatscht und auf einmal läuft alles. Ich kann mich da schon ganz gut einschätzen, aber ich kenne meine Stärken und Schwächen. Und bevor Sie jetzt fragen: Ich verrate sie Ihnen nicht.

Wann fragt sich der Trainer Thomas Doll, ob er etwas richtig gemacht hat? Wann reden Sie mit Ihrem zweiten Ich?

Wenn ich mit meinem Hund in den Wald gehe, dann kann ich entspannen. Und in der Sauna. Diesen Freiraum zum Denken brauche ich, aber seitdem ich Cheftrainer bin, habe ich ihn noch nicht gehabt.

Wofür fehlt Ihnen noch die Zeit?

Für eine Reise nach London. Da wäre ich sehr gern hingegangen, zum FC Arsenal, um ein Praktikum bei Arsène Wenger zu machen.

Kennen Sie sich?

Nein, aber ein sehr guter Freund hat bei ihm hospitiert und von seinen Trainingsformen geschwärmt. Ich würde mich wahnsinnig gern mal mit ihm austauschen, ich habe viel über ihn gelesen.

Was würden Sie Wenger als Erstes fragen?

Wie man es schafft, über Jahre so unglaublich erfolgreich zu sein?

Verrät der Ihnen das?

Natürlich! Davon bin ich hundertprozentig überzeugt. Wer bei Arsène Wenger hospitiert, ist überall dabei, auch bei den Mannschaftssitzungen. Von so einem Weltklassetrainer kann man nur lernen. Das schiebe ich nun das ganze Jahr vor mir her. Als Amateurtrainer hätte ich mir diese Auszeit nehmen können.

Wer war der Arsène Wenger Ihrer Jugend? Von wem haben Sie am meisten profitiert?

Von Günter Bergmann. Er war mein erster Trainer in Malchin. Im letzten Jahr ist er gestorben, ich war bei der Beerdigung.

Was war das Besondere an ihm?

Herr Bergmann hat mir die Grundlagen vermittelt. Wir wohnten in derselben Häuserzeile, in der Puschkinstraße, und wenn ich aus meinen Fenster geguckt habe, konnte ich in seine Küche sehen. Als ich mit sechs, sieben Jahren seine Scheibe eingeschossen habe, hat er erst geschimpft und dann gesagt, ich soll endlich mal zu Lokomotive Malchin zum Training kommen. Ich habe ihn als Jugendlicher gefragt, ob ich nach Rostock gehen soll, später dann auch, ob ich das Angebot vom BFC Dynamo annehmen soll. Er hat mir beide Male zugeraten.

Den Wechsel 1986 nach Berlin, zum damals verhassten Stasi-Klub BFC, haben Ihnen die Rostocker Fans nie verziehen.

Bei meinem ersten Spiel in Rostock nach dem Wechsel haben 30 000 Zuschauer geschrien: „Doll, du Schwein!“ Meine Eltern saßen auf der Tribüne, absolute Hansa-Fans, und dann hören sie so etwas über ihren Sohn. Zwanzig Minuten haben sie geschrien, in der einundzwanzigsten habe ich das Ding links unten eingebombt, und dann war Ruhe.

Das ist jetzt 18 Jahre her und Sie reden davon, als wäre es gestern gewesen.

Na klar, ich habe das immer abgerufen, wenn ich in Rom gespielt habe oder in Mailand: Auch wenn das so lange her ist, du hast diese Situation damals in Rostock überstanden, hast dich nicht versteckt, ein Tor gemacht, eins vorbereitet bist mit einem 4:0 nach Hause gefahren. Damals war ich 20! Man wird irgendwann ein Kerl, wenn man überall ausgepfiffen wird oder angespuckt, von kleinen Jungs durch den Zaun. Von Achtjährigen!

Sie mussten als Jugendspieler in Rostock noch über Hürden laufen, aus deren Querbalken Nägel nach oben ragten.

Damals hatten wir zehnmal die Woche Training. Einmal waren wir in der Turnhalle, da hat der Trainer zwei Stangen gefunden, aus denen guckten Nägel raus, die hat der Trainer dann extra nach oben gedreht. Wir mussten rüber springen, da hast du schon Angst gehabt.

Die vorgefertigte Meinung von einem Trainer aus der DDR erwartet, dass er dem Typus Eduard Geyer entspricht: streng, autoritär, auf absolute Disziplin eingeschworen. Was unterscheidet Sie von ihm?

Keine Ahnung, ich arbeite nicht mit ihm zusammen.

Sie haben in der DDR-Nationalmannschaft unter ihm gespielt.

Hm, also ich weiß noch, dass er immer Zug reinbringt in die Truppe. Das will ich auch! Prinzipien, wie Disziplin und Ordnung, gelten ja immer noch. Heute ist man als Trainer etwas sensibler dem Spieler gegenüber – meine Trainer haben mir früher manchmal Sachen an den Kopf geworden, das könnte man sich heute nicht mehr erlauben. Da steht ja sofort der Berater des Spielers auf der Matte.

Immerhin müssen Ihre Spieler beim HSV jetzt die Socken umdrehen, bevor sie sie dem Zeugwart in die Wäsche geben.

Ach, das wird jetzt so aufgebauscht als meine große Disziplinierungsmaßnahme, aber das ist doch nicht von mir gekommen. Das haben die Spieler früher auch schon gemacht, ich habe nur noch mal drauf hingewiesen. Und dass ein Handy in der Kabine nicht klingeln darf und der Fernseher nicht die ganze Zeit laufen muss, ist doch wohl selbstverständlich. Diese Regeln standen, bevor ich Cheftrainer wurde. Es ist ja nicht so, dass jetzt der Feldmarschall Doll kommt, und alle Spieler parieren. Das ist nicht meine Art.

Was fällt Ihnen schwerer: Strenge oder Lässigkeit?

Für mich ist wichtig, dass ich offen und ehrlich bin. Ein Spieler ist eher mit unangenehmen Dingen zufrieden, wenn man sie ihm ins Gesicht sagt als dass er irgendwas in der Zeitung liest. Viel schwerer fiel es mir, einem Jungen bei uns im HSV-Internat zu sagen: Für dich ist das vorbei hier, du musst zurück. Stellen sie sich das mal vor, ein 17-Jähriger, der vom großen HSV zurück muss in sein Dorf. So etwas tut mir weh.

Kommen Spieler mit Problemen außerhalb des Fußballs auf Sie zu?

Selten. Das ist für die Spieler auch nicht so einfach, zu einem Trainer zu gehen, den sie noch nicht so gut kennen. Der denkt vielleicht: Wenn ich dem jetzt von dem und dem Problem erzähle, dann lässt er mich am Wochenende draußen, weil ich den Kopf nicht frei habe. Deswegen ist es gut, dass wir einen Mentaltrainer haben. Was der mit den Spielern bespricht, bleibt vertraulich.

Wie weit gucken Sie in die Zukunft?

Was soll ich mir jetzt Gedanken über 2006 machen? Es stehen erst einmal ganz andere schöne Sachen an, meine Tochter wird zum Beispiel im nächsten Jahr eingeschult. Sie soll auf eine deutsch-italienische Europaschule gehen, aber es ist noch nicht sicher, dass sie angenommen wird. Es gibt viel mehr Bewerber als Plätze. Das wird dann gelost.

Kein Bonus für den HSV-Trainer?

Nein, und ich will auch keinen. Ich habe der Direktorin gesagt, dass ich für eine Absage Verständnis hätte. Dann geht die Kleine halt auf eine andere Schule.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.

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