Sport : „Ich hätte die Laufwege aufzeichnen können“

Handball-Bundestrainer Heiner Brand erlebte drei deutsche Spiele live bei der WM. Ein Gespräch über Torhüter, Tempogegenstöße und die Vorreiterrolle des Fußballs

„Tore zum Träumen.“
„Tore zum Träumen.“Foto: picture alliance / dpa

Herr Brand, Sie waren bis vor kurzem in Südafrika. Wie haben Sie die deutschen Spiele erlebt?

Ich war insgesamt zehn Tage unten, ab dem Ghana-Spiel. Gegen Argentinien saß ich relativ nahe an der Mittellinie, da war ich schon ziemlich nervös. Immerhin konnte ich Joachim Löw per Blickkontakt noch Glück wünschen.

Hat Sie die spielerische Stärke begeistert?

Sicherlich. Das waren ja alles Tore, von denen man nur träumen kann. Die Vorlage von Schweini hat mich begeistert, auch Özils Vorlage auf Klose. Schönere Tore kann man eigentlich nicht machen. Das Beeindruckende an dem Team ist, dass es sich die Chancen herausspielt.

Im Handball geht es vor allem darum, Überzahl zu schaffen, um einem Spieler den freien Wurf aufs Tor zu ermöglichen. Erkennen Sie das in solchen Szenen wieder?

Das ist ganz interessant. Nach dem England-Spiel wurde ich als Experte interviewt und habe gesagt, dass mich das schnelle Spiel nach vorne beeindruckt hat. Ich wollte erst „Gegenstoß“ sagen, wie im Handball, bin dann aber doch noch auf „Konter“ umgeschwenkt.

Was hat Sie beeindruckt?

Ich hätte die genauen Laufwege aufzeichnen können. Schweinsteiger kommt von links, Klose läuft ihm entgegen und der Pass landet bei Müller. In der ersten Halbzeit gab es schon eine identische Situation, nur auf der rechten Seite. Das sind klare, gewollte Abläufe, genau wie ein Gegenstoß bei uns.

Dieser präzisen Analyse folgend, saßen Sie nicht als reiner Fan auf der Tribüne.

Klar sehe ich das auch als Trainer und Sportler. Auch die Schwächephasen, die immer dann aufgetreten sind, wenn sich zu wenig ohne Ball bewegt wurde.

Ist die Bewegung ohne Ball bei beiden Sportarten das Wichtigste?

Eine Regel bei uns ist, dass man den Ball nicht im Stand annehmen sollte. Aus der Bewegung kommend ist man immer gefährlicher und schwerer auszurechnen. Wichtig ist aber eben auch das genaue Durchführen von taktischen Abläufen. Der Pass mit der Hand ist dabei aber einfacher als mit dem Fuß.

Nun spricht plötzlich auch Joachim Löw von „Tempogegenstößen“. Hat er sich Anleihen beim Handball genommen?

Das weiß ich nicht. Ich denke, er hat sich schon überlegt, wie die Konter gespielt werden sollen und auch die richtigen Spieler dafür mitgenommen.

Manuel Neuer sagte in einem Interview, er würde sich oft wie ein Handballtorwart verhalten. Überrascht Sie diese Aussage?

Das überrascht mich schon. Hat er das auf sein Offensivspiel mit weiten Abwürfen bezogen oder sein Zusammenspiel mit der Abwehr?

Letzeres. Neuer sagte, er habe nur die Fläche des Tores abgedeckt, die von den Verteidigern nicht zugestellt gewesen sei.

Das stimmt, die deutsche Defensive läuft sehr viele Bälle ab, Blutgrätschen sieht man überhaupt nicht. Im Handball versucht der Abwehrblock eine Ecke abzudecken und der Torwart konzentriert sich idealerweise auf die andere.

Nun ist ein Fußballtor mehr als vier Meter breiter als ein Handballtor. Kann man das Torwartspiel da überhaupt vergleichen?

Natürlich liegt eine andere Technik zu Grunde. Bei uns gibt es keinen Zwischenschritt. Aber beim Fußball frage ich mich oft, warum der Torwart in der Ecke steht, die sowieso abgedeckt ist.

Wer hat denn mehr Einfluss auf das Ergebnis: ein Handball- oder Fußballkeeper?

Ich denke, der Handballtorwart. Er kann bei zwei gleichwertigen Teams entscheidend sein, ein Spiel kippen. Wobei im Fußball ein Fehler spielentscheidend sein kann.

Wie sehen Sie das Zusammenspiel von Fußball und Handball in Deutschland?

Ich sehe den Fußball in der Vorreiterrolle. Wir hatten in der Jugend ebenfalls viele Erfolge im Juniorenbereich. Leider hapert es an der Umsetzung in den Bundesligamannschaften, junge deutsche Spieler erhalten keine Chance.

Nach Ihrer persönlichen Erfahrung: Was ist lauter, eine randvolle Handballhalle oder ein Stadion mit zigtausenden Vuvuzelas?

Im Stadion empfand ich das als gar nicht so störend. Einmal habe ich kurz die Augen zugemacht. Als ich wieder hinschaute, war ein Tor gefallen. Das hatte ich gar nicht mitbekommen, weil sich an der Lautstärke nichts verändert hatte.

Interview: Johannes Ehrmann.

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