Sport : „Ich hasse telefonieren“

Mönchengladbachs Sportdirektor Christian Ziege über seinen neuen Job

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Herr Ziege, rechnen Sie manchmal, wie viele Spiele Borussia Mönchengladbach gewinnen muss, um den Abstieg noch zu verhindern?

Natürlich spielst du die Spiele im Kopf durch – obwohl du genau weißt, dass das nichts bringt. Du kannst ja nicht beeinflussen, wie die Konkurrenz spielt. Jede Woche sind Ergebnisse dabei, bei denen du denkst: Das gibt’s doch gar nicht.

Was lässt Sie noch hoffen?

Ich habe oft genug im Abstiegskampf gestanden, ich weiß, dass das kein Selbstläufer ist. Aber warum sollen wir von den sieben Spielen nicht fünf gewinnen?

Reden Sie vor den Spielen zur kompletten Mannschaft?

Das entscheide ich situativ – in Abstimmung mit Jos Luhukay. Es bringt ja nichts, dass der Trainer eine Ansprache hält, dann kommt der Sportdirektor, und am Ende redet noch einmal der Trainer.

Beim Spiel sitzen Sie neben dem Trainer.

Ich bin ganz gerne unten dabei, weil ich ein Spiel mitlebe. Auf der Tribüne kann ich das nicht. Da rutscht dir auch mal ein Wort raus, das besser nicht fallen sollte. Und das bekommen dann zehn Leute mit, die sofort damit hausieren gehen.

Haben Sie Jos Luhukay Ihre Entscheidung vorher mitgeteilt?

Ich habe ihn gefragt. Und wenn er ein Problem damit gehabt hätte, hätte ich mich auf die Tribüne gesetzt.

Seit vier Wochen sind Sie im Amt. Was hat Sie bisher am meisten überrascht?

Für wie viele Dinge man zuständig ist. Aber so ähnlich habe ich das auch erlebt, als ich hier die U 17 übernommen habe. Am Anfang hatte ich damit große Probleme. Dafür kann ich die Situation jetzt umso besser einordnen. Ich weiß, dass ich noch gar nicht alles wissen kann.

Hatten Sie keine Bedenken, dass die Aufgabe eine Nummer zu groß für Sie ist?

Ein solcher Posten wird leider selten frei, wenn in einem Verein alles top läuft. Man hat mich nun mal jetzt gefragt, ob ich mir diese Aufgabe zutraue. Und eins habe ich gelernt – dass du auf solche Fragen grundsätzlich erst mal ja sagst. Es geht schließlich um Fußball, das einzige Thema, in dem ich mich wirklich gut auskenne.

Im Winter hieß es noch, Sie könnten in den Trainerstab von Jupp Heynckes aufrücken. Sind Sie Borussias Geheimwaffe?

Keine Ahnung. Niemand hier im Verein ist so blauäugig zu denken: Wir haben ja noch den Ziege, dem geben wir mal einen wichtigen Posten. Offenbar hat man für gut befunden, was ich bisher bei Borussia gemacht habe: ob als Trainer der U 17 oder zuvor als Kapitän, der nicht spielen konnte. Auch als ich verletzt war, habe ich alles getan, damit wir in der Liga bleiben.

Wiegt das Ihre mangelnde Erfahrung auf?

Mir ist es lieber, die Leute sagen, ich habe keine Erfahrung, als dass sie sagen, ich hätte keine Ahnung. Ich glaube schon, dass es ein Vorteil ist, dass ich 72 Länderspiele bestritten habe, Europameister war, Vizeweltmeister. Es macht mich einfach glaubwürdiger.

Gab es Momente, in denen Sie sich überfordert gefühlt haben?

Überfordert nicht. Es ist einfach viel Arbeit. Wir wollen den Abstieg verhindern und müssen gleichzeitig die Planung für die neue Saison voranbringen, ohne zu wissen für welche Liga. Morgens verlasse ich um halb acht das Haus, und abends, wenn ich zurückkomme, geht noch dauernd das Telefon. Und das bei mir. Ich hasse telefonieren. Aber als Sportdirektor lässt es sich nun mal schwer vermeiden.

Bei wem holen Sie sich Rat?

Ganz ehrlich? Ich wäre blöd, wenn ich jemanden wie Christian Hochstätter nicht um Rat fragen würde. Er hat mich als Spieler nach Mönchengladbach geholt und arbeitet schon seit Jahren in diesem Job. Ob ich dann alles so mache, wie er es mir rät, ist eine andere Frage. Oder Uli Hoeneß. Ich bin bei ihm in München gewesen. Wir haben ein sehr gutes Gespräch geführt, in dem er mir ein paar Dinge genannt hat, auf die ich achten sollte. Uli Hoeneß kennt viele Leute. Und er kennt auch viele Leute, die andere Leute kennen.

Und dann hat er Ihnen gesagt: Übrigens, wir wollen Marcell Jansen verpflichten.

Mir ist schon bewusst, dass Marcell Jansen für die Bayern interessant ist. Aber darüber haben wir nicht gesprochen

Die Bayern sollen jetzt offiziell ihr Interesse an Jansen bekundet haben.

Bei mir ist nichts eingegangen.

Sie wissen aber auch, dass Sie Spieler wie Jansen bei Abstieg nicht halten können.

Grundsätzlich spreche ich ungern über diesen Fall, solange wir ihn verhindern können. Aber alle Verträge gelten auch für die Zweite Liga, und jeder Spieler hat seinen Vertrag mit eigenen Augen gelesen, er hat ihn selbst unterschrieben, niemand ist geprügelt oder gefoltert worden. Ich kann ja verstehen, wenn ein Spieler erstklassig bleiben will. Aber dann muss ich so clever sein, einen Vertrag zu unterschreiben, der nur für die Erste Liga gilt.

Muss der Verein beim Abstieg Spieler aus finanziellen Gründen verkaufen?

Nein. Im Lizenzverfahren für die Zweite Liga sind wir von unserem aktuellen Kader mit den bestehenden Verträgen ausgegangen.

Wie war es bei Ihnen? Galten Ihre Verträge als Spieler auch für die Zweite Liga?

Nein.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

Die ausführliche Fassung des Interviews: www.tagesspiegel.de/sport

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