Sport : Ich hau den Ball jetzt einfach mal nach vorne

Borussia Mönchengladbach hat keine überdurchschnittlichen Spieler, dafür aber leidenschaftlich leidensfähige Fans

Stefan Hermanns

Wer hat das Sagen im Verein? In der Machtfrage gibt es längst keine Zweifel mehr: Präsident Rolf Königs hat das Sagen im Verein. Er ist auch nichts anderes gewohnt. Königs leitet ein erfolgreiches Textilunternehmen, und vermutlich denkt er, dass ein Fußballklub nach denselben Regeln funktioniert wie ein Wirtschaftsunternehmen. Bei Misserfolg bedeutet dies, dass ein Schuldiger die Verantwortung tragen muss. Bisher war das immer der Trainer.

Was hat sich verbessert? Mmh. Haben die Gladbacher endlich den einen überdurchschnittlichen Spieler verpflichtet, der die Mannschaft eindeutig besser macht? Haben sie endlich einen Mittelfeldspieler geholt, der für zehn Tore gut ist? Immerhin scheinen sie mit Zé Antonio und Thomas Helveg zumindest zwei spielstarke Verteidiger gekauft zu haben, die unter intelligenter Spieleröffnung etwas anderes verstehen als Jeff „Ich hau den Ball jetzt einfach mal nach vorne“ Strasser.

Wie sicher ist der Job des Trainers? So sicher, wie es auch die Jobs der drei Trainer vor Horst Köppel waren. Im Schnitt blieben Ewald Lienen, Holger Fach und Dick Advocaat 257 Tage im Amt. Für Köppel würde das heißen, dass am 31. Dezember schon wieder Schluss ist. Immerhin besitzt er bei den Fans einen Bonus, weil er die Mannschaft in der vergangenen Saison vor dem Abstieg gerettet hat. Doch von Sentimentalität hat sich Präsident Königs noch nie leiten lassen.

Welche Taktik ist zu erwarten? Horst Köppel will die Mannschaft offensiv spielen lassen. Seine taktische Grundordnung ist ein 4-4-2-System. Die spannende Frage wird sein, inwieweit Köppel diese Chiffre mit Leben erfüllen kann, inwieweit er in der Lage ist, die Mannschaft stärker zu machen als die Summe ihrer Einzelteile. Köppel ist fußballerisch in den Siebzigerjahren sozialisiert worden, seit Anfang der Neunziger hat er keinen Bundesligisten mehr trainiert. Wie modern seine Vorstellungen wirklich sind, muss er erst noch beweisen.

Welche Platzierung ist möglich? Seit dem vergangenen Sommer hat Borussia Mönchengladbach die komplette Belegschaft ausgewechselt, doch auch im Jahr fünf nach dem Aufstieg ist kein echter Fortschritt zu erwarten. Wenn es Köppel gelingt, aus einem punktuell nicht schlecht besetzten Kader (Keller, Neuville, Sonck) eine funktionierende Mannschaft zu formen, werden die Gladbacher zumindest nicht in akute Abstiegsgefahr geraten. Alles andere ist Illusion.

Wer sind die Stars? Schon seit einem halben Jahr beschäftigt Borussia Mönchengladbach den erfolgreichsten ausländischen Stürmer der Fußball-Bundesliga. Doch leider hat Giovane Elber keines seiner 133 Tore für die Gladbacher erzielt, und leider hat er auch noch kein einziges Pflichtspiel für sie bestritten. Aber sein Trikot verkauft sich nach wie vor hervorragend.

Wer hat noch Chancen auf die WM? Es ist nicht gerade erstrebenswert, von den Boulevardmedien als „Borussias nächster Nationalspieler“ gefeiert zu werden. Die beiden Letzten, denen diese Ehre zuteil wurde, waren Peer Kluge und Thomas Broich. Inzwischen pflegen sie ein Mitläuferdasein. Schlechte Aussichten also für Marcell Jansen, der bestimmt Borussias nächster Nationalspieler wird und 2006 zum deutschen WM-Kader gehören könnte. Traditionell die besten Chancen hat natürlich Christian Ziege.

Wie sind die Fans? Leidensfähig. Trotz einer verkorksten Saison haben die Gladbacher den besten Zuschauerschnitt ihrer Bundesliga-Geschichte verbucht. Und hemmungslos optimistisch sind die Fans. Schon jetzt hat der Klub mehr Dauerkarten verkauft als im vorigen Jahr. Es kann nur besser werden. Schlechter geht ja auch kaum.

Die gesamte Serie im Internet:

www.tagesspiegel.de/bundesligatest

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