Sport : „Ich höre Komplimente“

Bundestrainer Löw über Erkenntnisse aus der WM, die Abseitsregel und Polizisten an der Seitenlinie

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Herr Löw, die 50 wichtigsten Nationaltrainer der Welt sind beim Symposium in Berlin versammelt. Worüber unterhalten Sie sich denn so?

Leider ist die Zeit knapp bemessen. Aber ich habe schon ein paar interessante Gespräche geführt, zum Beispiel mit Marcello Lippi, Luiz Felipe Scolari, Raymond Domenech und Jakob Kühn. Wir haben für die Entwicklung unserer Mannschaft viele Komplimente bekommen. Mein schwedischer Kollege Lars Lagerbäck etwa hat mir gesagt, dass wir tollen Fußball gespielt haben, einen Fußball, den man so von den Deutschen nicht kannte. Und er hat uns dafür beglückwünscht, dass wir viele gute junge Spieler haben.

Aber genau diese jungen Spieler haben nach der Weltmeisterschaft Schwierigkeiten, ihre Form zu finden.

Das ist kein deutsches Problem. Die Enge des Spielkalenders trifft fast jede Nation. Wir, als Trainergespann der deutschen Mannschaft, reagieren beispielsweise darauf, indem wir in diesem Jahr auf einen Leistungstest verzichten. Bis zur EM werden wir aber drei durchführen. Jetzt würde ein solcher Test wenig Sinn machen, da die meisten Nationalspieler wegen der WM keine optimale Saisonvorbereitung hatten. Aus den Ergebnissen des Leistungstests könnten wir daher keine Schlüsse ziehen. Wir werden in der Winterpause auch nicht die Südamerikareise nachholen, die wir ja schon im Winter 2005/2006 haben wegfallen lassen. Die Spieler müssen jetzt bis zur Winterpause die anstehenden Spiele in der Liga, im Europapokal und mit der Nationalmannschaft irgendwie überstehen.

Was haben Sie beim Kongress über die WM erfahren, was Sie noch nicht wussten?

Also, ganz neue Erkenntnisse habe ich bisher nicht gewinnen können. Das, was die Analyse der Weltmeisterschaft ergeben hat, wussten wir schon vorher.

Zum Beispiel?

Es gibt vier Haupterkenntnisse. Zum Beispiel, dass sich die Vierer-Abwehrreihen durchgesetzt haben, dass Mannschaften, die offensive Außenverteidiger hatten, stärker waren, dass zwei Mannschaften im Finale standen, die mit nur einer Sturmspitze spielten, nämlich Frankreich und Italien, und dass viele Tore aus Fernschüssen resultierten.

Dann ist der dreitägige Kongress also überflüssig?

Nein, das ist er nicht. Es gibt viele Dinge, über die es in dieser Runde zu sprechen lohnt. Beispielsweise die Auslegung mancher Regel.

Welche Regeln wollen Sie anders ausgelegt sehen?

Das schwierigste Thema ist die Abseitsregel. Für alle Beteiligten ist es recht schwer zu erkennen, was ist aktives und was passives Abseits. Und es ist auch schwer zu erklären. Aber wir müssen ran an dieses Thema, denn die Abseitsregel ist die wichtigste des Fußballs überhaupt. Ohne Abseits wird der Fußball so etwas wie früher Feldhandball und nicht mehr interessant.

Ein anderer Reibungspunkt ist das Verhalten in der Coaching-Zone.

Sie sagen es. Als Trainer lebt man ein Spiel an der Seitenlinie intensiv mit. Neben den Schiedsrichtergespann gibt es ja den Vierten Offiziellen. Aber der ist offenbar nur dazu da, zu überwachen, ob, wann und wie sich die Trainer bewegen.

Das hört sich nach Ärger an?

Bei der WM war es so, dass in der Coaching-Zone entweder nur der Trainer oder sein Assistent aufstehen durfte. Ich halte diese Regelauslegung für überzogen. Denn es gab ja auch Trainer, die einen Dolmetscher an ihrer Seite brauchten. Es stößt allgemein auf Unverständnis, warum da ein Polizist abgestellt wird, der sich nur um uns Trainer kümmert. Ich empfinde das nicht nur als störend, sondern unsere Arbeit wird dadurch beschnitten.

Fifa-Chef Josef Blatter bemängelte, dass bei der WM zu wenig Tore gefallen seien. Er machte ausschließlich die Nationaltrainer dafür verantwortlich, für die Tore-Verhindern wichtiger war als Tore schießen.

Das sehe ich nicht so.

Insgesamt aber sind doch recht wenig Tore bei der WM gefallen. Nur bei der WM 1990 in Italien fielen weniger Tore. Ist dass eine bedenkliche Tendenz?

Was heißt bedenklich? Im Vergleich zur WM vor vier Jahren in Asien sind zwar in der Vorrunde weniger Tore gefallen, aber für die K.-o.-Spiele trifft das nicht zu. Und schauen Sie sich unsere Mannschaft an. Die ist doch das genaue Gegenbeispiel für die These, das immer weniger Tore fallen.

Die Fragen stellten Sven Goldmann und Michael Rosentritt.

Joachim Löw (46) ist seit Juli Trainer der Nationalmannschaft. Bei der WM 2006 war Löw noch Assistent von Jürgen Klinsmann. Als Cheftrainer wurde Löw mit dem VfB Stuttgart Pokalsieger (1997).

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