Sport : „Ich hoffe, Lewis dominiert nicht so wie Michael“

Der bislang letzte britische Formel-1-Weltmeister Damon Hill über seinen möglichen Nachfolger Hamilton

Mister Hill, sind Sie Fan von Fernando Alonso und Kimi Räikkönen? Die beiden können noch verhindern, dass Sie Ihren Titel als amtierender Britischer Formel-1- Weltmeister an Lewis Hamilton verlieren.

Ich hätte überhaupt kein Problem damit, wenn Lewis Weltmeister würde.

Aber mit jedem Jahr ohne britischen Champion kommen Sie Ihrer eigenen Legende einen Schritt näher. Nicht mehr lange, und Sie würden den Status der Fußball-Weltmeister von 1966 erreichen.

Weltmeister zu sein ist kein Job. Es ist ein Ereignis, das kommt und geht. Ich habe meinen Titel vor einer langen Zeit gewonnen, das ist Geschichte. Ich habe mich auch nie als der letzte britische Weltmeister dargestellt. Es wäre schade, wenn ich der letzte britische Weltmeister bliebe.

Der Patriot in Ihnen ist also stärker als der Weltmeister?

Ich bin auch nicht total hurrapatriotisch, ich liebe einfach den Sport. Aber natürlich würde uns das glücklicher machen, wenn Lewis es schafft, und wir hätten eine Gelegenheit, ein bisschen zu feiern.

Haben Sie 1996 geglaubt, dass mindestens elf Jahre bis zum nächsten britischen Weltmeister vergehen würden?

Es ist wirklich unglaublich, dass es schon so lange her ist. Allerdings hatten wir schon einmal so eine lange Durststrecke, bevor Nigel Mansell 1992 als erster Brite seit James Hunt 1976 Champion wurde. Die WM-Titel kommen vielleicht nicht so regelmäßig um die Ecke wie Busse, aber ich glaube, wir haben eine gute Bilanz als Land, was die Topfahrer angeht.

Wann haben Sie realisiert, dass in dieser Saison der erste Titel nach Ihnen Wirklichkeit werden könnte?

Der Punkt, als ich wirklich daran zu glauben begann, war das Rennen in Fuji. Es sah so aus, als wenn Alonso mit all seiner Erfahrung die Lücke schließen können würde. Aber Lewis hat eine sehr gute Leistung bei extrem schwierigen Bedingungen gezeigt und auf beeindruckende Weise zurückgeschlagen.

Der Druck auf Hamilton in der Heimat ist durch das drohende EM-Aus sicher nicht geringer geworden.

Nein. Wenn Lewis am Start steht, kann er nur hoffen, dass wir Engländer schon den WM-Titel im Rugby geholt haben. Sonst wird der Druck noch größer sein.

Hat er Sie um Rat gefragt, wie er mit diesem Druck umgehen soll?

Nein, und das ist auch genau der Punkt. Er muss niemanden fragen, weil er so gut auf die Formel 1 vorbereitet wurde. Und er hat natürlich auch davon profitiert, dass er bei McLaren in einem sehr professionellen und ihm bekannten Umfeld ist. Sein Teamchef Ron Dennis hat ihm schon so viel Erfahrung mitgegeben.

Die Popularität als Weltmeister im motorsportverrückten England könnte aber selbst ihn übermannen. Hamilton spielt ja ohnehin schon seit längerem mit dem Gedanken, aus England fortzugehen.

Er ist ja bereits ein internationaler Star, aber mit dem Titel wird sich natürlich noch einmal einiges für ihn ändern. Wahrscheinlich wird er nie wieder zurück in die Normalität kommen.

Aber Sie hoffen doch bestimmt darauf, dass Hamiltons Titel Ihnen den Weg zurück ins normale Leben bereitet, oder?

Ich fürchte, das funktioniert leider nicht so. Ich war sehr glücklich darüber, dass ich lange Zeit nicht so im Rampenlicht stand. Aber seit Lewis so gut fährt, rufen mich ständig Leute an. Plötzlich bekomme ich mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb ist. Ich befürchte, das wird sich auch im Falle der Weltmeisterschaft für ihn nicht ändern.

Jahrelang hat Ihr früherer Rivale Michael Schumacher die Formel 1 mit seiner Dominanz terrorisiert. Hamilton könnte nun Englands späte Rache sein.

Das ist möglich. Lewis wird auf jeden Fall lange Zeit vorn dabei sein, weil er so jung ist. Aber ich hoffe, dass er die Formel 1 nicht so dominiert wie Michael. Das war zwar toll für Deutschland, aber für alle anderen und den Sport war es das nicht.

Stürzt England in die Depression, wenn Hamilton den Titel verpasst?

Wenn es nicht klappt, gehen wir am Montag trotzdem zur Arbeit. Es ist schließlich nicht das Ende der Welt – es ist nur Sport.

–Das Gespräch führte Christian Hönicke.

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