Sport : „Ich kann auch Nein sagen“

Magdalena Neuner verzichtet nach dem Gewinn ihrer dritten Medaille auf den Staffelstart. Die Biathletin will damit ihrer Mannschaft helfen – und sich selbst schützen

von

Erst wunderten sich die englischsprachige Medien über Magdalena Neuner. „Ich bin ein bisschen deprimiert“, übersetzte die Dolmetscherin bei der Siegerpressekonferenz und damit wäre die deutsche Biathletin wahrscheinlich die erste Athletin gewesen, die von einem Doppelolympiasieg Depressionen bekommen hätte. Doch Magdalena Neuner schüttelte heftig den Kopf angesichts dieser Interpretation ihrer Worte, sie hatte es anders gesagt. Das Gezerre und die Handgreiflichkeiten der Olympia-Ordner nach einem Medaillengewinn nerve sie sehr, hatte sie erklärt, „ich war das letzte Mal sogar ein bisschen deprimiert, weil es zu viel war für mich.“

Am Abend im Deutschen Haus von Whistler wunderten sich dann die deutschsprachigen Medien. „Für mich war das heute das letzte Rennen hier“, sagte Magdalena Neuner da plötzlich. Hatte die überragende Biathletin der Olympischen Spiele von Vancouver soeben auf ihren Start in der Staffel und somit auf eine wohl sichere Olympia-Medaille verzichtet? „Ich habe mit zwei Gold- und einer Silbermedaille schon mehr erreicht, als ich mir erträumt habe“, sagte sie anschließend, „jetzt sollen die anderen die Chance bekommen, eine Medaille zu machen.“ Ihre Entscheidung hänge nicht mit ihrer Beschwerde über den zu großen Trubel nach einem Medaillengewinn zusammen, sagte sie. „Ich habe alles erreicht und ich habe einfach Angst, dass ich am Dienstag kein optimales Rennen machen kann.“ Schon zuvor hatte sie auf einen nur vage angedachten Start in der Langlaufstaffel verzichtet.

Bundestrainer Uwe Müssiggang wertet ihren Entschluss als große Geste für die Mannschaft. „Das ist eine sehr faire Entscheidung“, sagte er, „sie hat alles erreicht, besser geht es nicht.“ Allerdings kommt ihm dieser Entschluss entgegen. Uwe Müssiggang hätte für die 4-x-6-Kilometer-Staffel am Dienstag (siehe Artikel unten) eine Läuferin aussortieren müssen. Es hätte wohl Kati Wilhelm oder Martina Glagow getroffen. „Sie hat mir eine schwere Entscheidung abgenommen“, gab Müssiggang zu, „es ist eine große menschliche Stärke von ihr, ihre eigene Leistung zu bewerten und nicht abzuheben.“

Tatsächlich würde Magdalena Neuner mit einer vierten Medaille bei diesen Spielen eine noch größere Sportgeschichte schreiben, als sie das ohnehin schon getan hat. Doch daran ist ihr nicht gelegen, stattdessen gönnt sie lieber den anderen Biathletinnen in ihrer Mannschaft eine Medaille. „Es wäre schön, wenn jeder so ein Ding um den Hals hängen hätte“, sagte Magdalena Neuner. Allerdings hat sie mit dieser Entscheidung die Schwierigkeit für die übrigen vier Staffelmitglieder erhöht, ohne ihre beste Athletin eine Medaille gewinnen zu müssen.

Simone Hauswald, die im Massenstartrennen hinter ihrer Teamkollegin zu Bronze lief, ist optimistisch. „Wir sind alles gereifte und ambitionierte Athleten“, sagte Simone Hauswald. Sie könne deshalb Neuners Entschluss nachvollziehen. „Ich bin öfters daneben gestanden und habe keine Staffelmedaille bekommen“, erzählte sie. „Hut ab vor dieser Entscheidung, das hat es noch nie gegeben, dass ein mehrfache Olympiasiegerin auf die Staffel verzichtet.“ Sie freue sich schon darauf, am Dienstag mit allen feiern zu können.

Womöglich aber haben die unschönen Erfahrungen nach den drei Medaillengewinnen im Unterbewusstsein doch eine Rolle bei Magdalena Neuners Entschluss gespielt. „Man wird hier ganz schön grob angepackt“, beschwerte sie sich. Wer als Sieger ins Ziel komme, habe es nicht einfach, weil die freiwilligen Helfer in den blauen Overalls die Bestimmungen für Medaillengewinner rücksichtslos durchsetzten. „Sie nehmen die Materialkontrolle extrem ernst“, sagte sie, „es ist kein Respekt da.“ Noch nicht einmal einen Anorak dürfe man sich überziehen. „Da wird Gewalt angewendet, man wird angeschrien“, sagte sie, „ich habe das jetzt schon ein paar Mal durchgemacht, sie sind teilweise zu fünft hinter mir her und wollten etwas.“ Und bei der Dopingkontrolle werde jedes Mal ein einseitiges Blatt komplett vorgelesen. „Sie sind einfach nicht flexibel, das ist schade“, sagte Magdalena Neuner.

Auch ohne eine vierte Medaille ist der Trubel um die Biathletin aus Wallgau riesig. Als Magdalena Neuner zum dritten Mal mit einer Medaille ins Deutsche Haus kam, folgten ihr acht Kamerateams. Als anschließend der Bobfahrer André Lange ebenfalls mit Gold behängt kam, waren es nur noch drei. Inzwischen hat sie sich an den Rummel gewöhnt. „Ich habe gelernt, dass Biathlon nicht nur im Wald laufen und schießen ist“, sagte sie, „ich mache das Pflichtprogramm mit, aber wenn ich merke, dass es mir nicht guttut, kann ich auch Nein sagen.“

Trotz ihrer jungen Jahre geht Magdalena Neuner erstaunlich selbstbewusst und souverän mit Medien, Fans und Teamkollegen um. „Ein gesundes Selbstbewusstsein und Arroganz braucht man schon im Sport“, sagte sie. Ansonsten aber hoffe sie, dass sie sich durch den Erfolg nicht verändert habe. „Ich wünsche mir, dass es passt, sonst sagen es mir die anderen hoffentlich.“ Es dürfte weiterhin passen, vor allem nach dieser Entscheidung vom Sonntag.

Trotz ihrer jungen Jahre geht sie erstaunlich selbstbewusst

mit ihrem Ruhm um

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar