Sport : „Ich kann führen“

Michael Ballack über die Diskussion um seine Qualitäten, eigene Ansprüche und Zinedine Zidane

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Herr Ballack, wer ist der Führungsspieler der Franzosen?

Ich mag das Wort Führungsspieler nicht. Für mich gibt es nur gute und schlechte Spieler. Von den guten haben die Franzosen eine Menge, und sie haben Zinedine Zidane.

Was macht ihn zum Führungsspieler?

Man kann ins Schwärmen geraten bei einem solchen Fußballer. Und das tun auch viele. Für mich ist er einfach einer der weltbesten Spieler. Er ist technisch hochbegabt, unheimlich geschmeidig, torgefährlich und ein absoluter Individualist.

Diese Beschreibung passt auch auf Sie.

Finden Sie?

Finden die meisten Menschen.

Dann muss ich ein Führungsspieler sein.

Wie wird man denn Führungsspieler?

Ich weiß, dass man hohe Erwartungen an meine Person hat, sowohl als Spieler des FC Bayern als auch in der Nationalmannschaft. Aber wie man Führungsspieler wird? Ein Handbuch dafür gibt es jedenfalls nicht. Vielleicht sollten Sie diejenigen fragen, die mit diesem Begriff hantieren. Fragen Sie die ganzen Experten.

Meinen Sie, dass den Fußballstars von außen die Rollen verpasst werden?

Ja, da ist etwas Wahres dran. Und jetzt diskutiert die Öffentlichkeit, ob ich nun ein Führungsspieler bin oder eher nicht. Ich aber beschäftige mich nicht mit dieser Rollenbeschreibung.

Woran haben Sie bemerkt, dass man Sie als Führungsspieler sieht?

Daran, dass ich einer der Ersten bin, der kritisiert wird, wenn es mal nicht so läuft. Dann heißt es, ich kann nicht führen. Das ist Quatsch.

Woran ist Ihnen denn aufgefallen, dass Sie eine Mannschaft führen können?

Ganz wichtig ist die eigene Leistung. Ich schieße sehr wichtige Tore und kann mit meiner Art, Fußball zu spielen, der Mannschaft helfen. Das ist beim FC Bayern so, und das gilt auch für die Nationalmannschaft. Das ist aber ein Prozess. Man kann nicht als junger Spieler irgendwohin kommen und sagen, so ich bin jetzt hier der Macher. So etwas muss wachsen und braucht Zeit. Ich brauchte auch meine Zeit.

Sie sind 27, in diesem Alter führen andere junge Männer erfolgreich Unternehmen.

Sehen Sie, und ich habe gleich zwei Unternehmen – die Bayern und die Nationalmannschaft. Nein, im Ernst: Das Alter ist es nicht allein. Diese Männer, von denen Sie sprechen, müssen auch Topleistungen bringen. Nur sieht ihnen nicht das halbe Land zu, wann und wie sie führen. Ich verrichte meine Arbeit quasi in jeder Wohnstube. Das macht die Sache nicht gerade einfacher.

Sie werden es aber als Star und Topverdiener aushalten müssen, dass die Öffentlichkeit ständig über Ihre Führungsqualitäten diskutiert.

Stimmt. Ich kann damit auch gut leben, dass jeder seine Meinung zu diesem Thema sagen darf. Wenn ich dem öffentlichen Druck nicht gewachsen wäre, würde ich nicht da sein, wo ich bin. Ich habe akzeptiert, dass sich jeder zu meiner Leistung zu Wort meldet.

Kann es sein, dass den Kritikern Ihr Führungsstil zu wenig nach Arbeit aussieht?

Das will ich nicht beurteilen. Jeder hat seine Art, Fußball zu spielen. Wenn Sie so wollen, habe ich es als etwas eleganterer Spieler sehr viel schwerer, die Kritiker zu überzeugen. Ich muss mehr kämpfen um Anerkennung. Vielleicht wirkt bei mir alles etwas leichter. Aber ich kann Ihnen sagen, dass dahinter jede Menge harte Arbeit steckt.

Haben Sie sich von Stefan Effenberg, Ihrem Vorgänger beim FC Bayern, etwas abgeguckt?

Man sieht sich um, aber ob ich nun gerade bei Stefan Effenberg besonders hingeschaut habe? Warum sollte ich?

Er galt als der Führungsspieler überhaupt.

Davon habe ich auch schon gehört.

Sind Sie also der bessere Führungsspieler als Effenberg, der von ihnen behauptet, Sie seien kein Spielmacher?

Ich kenne ihn nicht so gut. Ich kann nur seine sportlichen Leistungen beurteilen. Mit dem FC Bayern hatte er große Erfolge, mit der Nationalmannschaft nicht. Da war er wohl nicht so akzeptiert. Vielleicht lag es daran, dass er viele andere große Spieler wie Völler, Klinsmann, Matthäus und Sammer an seiner Seite hatte.

Sie können von Stefan Effenberg also nichts mehr lernen?

Jeder hat seinen eigenen Charakter, und jeder hat seine eigene Art, sich in der Öffentlichkeit und innerhalb der Mannschaft zu präsentieren.

Wie ist Ihre Art?

Ich spreche nur für mich und werde immer sagen, was ich denke. Ich habe es gelernt, mit dem Echo zu leben. Mir kann einer sagen, dass ich kein Führungsspieler bin. Das ist für mich völlig unwichtig. Für mich entscheidend sind meine Leistung und meine Stellung im Team. Wenn die Leistung stimmt, klettert man in der Hierarchie. Und da bin ich weit oben. Was ist denn überhaupt ein Führungsspieler?

Das wollen wir ja gerade von Ihnen wissen?

Mich stört doch nur die Begrifflichkeit. Ich habe nie gesagt, dass ich kein Führungsspieler sein will. Ich will, und ich bin ein sehr wichtiger Spieler, und wenn Sie dazu Führungsspieler sagen wollen, bitteschön. Wenn ich in einem Spiel aber mal kein Tor schieße und die Mannschaft verliert, dann wird es trotzdem immer wieder Diskussionen geben und gesagt werden: Der Ballack kann nicht führen. Was soll das?

Schuld an der Diskussion hat Ihr Präsident. Beckenbauer hat Ihre Art, Fußball zu spielen, mit seiner eigenen verglichen. Und Beckenbauer war wirklich ein Führungsspieler, oder?

Und was für einer. Er ist nicht der Einzige, der Vergleiche anstellt. Aber diese Vergleiche belasten mich nicht. Nur, warum werde ich denn immer wieder in Frage gestellt, obwohl ich es doch längst bewiesen habe?

Mit dem FC Bayern müssen Sie aber erst die Champions League gewinnen.

So wird es wohl sein. Man muss von sich überzeugt sein. Für mich ist wichtig, dass ich weiß, was ich kann.

Und Sie werden noch ein richtiger Führungsspieler?

Ich bin einer, aber das muss ich nicht raushängen lassen. Von der Sache her können das viele werden. Technisch-taktisch sind fast alle Profis gleich gut geschult. Im Bereich Fitness ist auch fast alles ausgereizt. Es gibt aber nur ganz wenige Spieler, von denen die anderen sagen: Wenn der mitspielt, dann wird es klappen. Wie bei Zinedine Zidane.

Das Interview führte Michael Rosentritt.

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