Sport : „Ich kann jeden schlagen“

So stark war Rainer Schüttler noch nie: Der deutsche Tennisprofi steht im Halbfinale der Australian Open

Benedikt Voigt

Berlin/Melbourne. In der hessischen Stadt Korbach wird wahrscheinlich nicht so oft mit Champagner hantiert wie, sagen wir, in München oder Düsseldorf. Schon gar nicht an einem Mittwochmorgen um halb sieben. Trotzdem griffen Karl und Klara Schüttler gestern zu morgendlicher Stunde nicht zur Kaffeetasse, sondern zur Champagner-Flasche. Am anderen Ende der Welt, in Australien, hatte sich eine freudige Überraschung zugetragen, deretwegen das Ehepaar Schüttler die morgendliche Routine nur allzu gerne änderte: Sohn Rainer, Tennisprofi von Beruf, erreichte zum ersten Mal in seiner Karriere das Halbfinale eines Grand- Slam-Turniers.

Auch am anderen Ende der Welt herrschte Freude. „Das ist ein Traum“, sagte Rainer Schüttler nach seinem 6:3, 5:7, 6:1, 6:0 über den Argentinier David Nalbandian. Im Halbfinale bekommt es der 26-Jährige nun am Freitag mit dem US-Amerikaner Andy Roddick zu tun, der sich in seinem Viertelfinale fast fünf Stunden lang verausgaben musste (siehe Kasten). Das zweite Halbfinale bestreiten der US-Amerikaner Andre Agassi und der Südafrikaner Wayne Ferreira.

Nach dem größten Erfolg seiner Karriere traut sich Rainer Schüttler noch mehr zu. „Wenn ich Nalbandian schlagen kann, kann ich jeden anderen auch schlagen.“ Auch John McEnroe, der als Fernsehkommentator arbeitet, glaubt an den zuvor unbekannten Deutschen. „Er kann den ganzen Weg gehen“, sagte der Ex-Tennisprofi, „denkt an das vorige Jahr.“ Da hatte der unbekannte Schwede Thomas Johansson überraschend das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres gewonnen.

Bislang stand Rainer Schüttler immer im Schatten von Thomas Haas und Nicolas Kiefer, die in der Weltrangliste lange vor ihm platziert waren und die größeren Erfolge vorzuweisen hatten. „Ich denke, das ist ganz normal“, sagt der Tennisprofi, der vom ehemaligen DTB-Sportwart Dirk Hordorff trainiert wird. Seit Schüttler 1999 überraschend das Turnier in Doha gewann, folgten keine großen Erfolge mehr. Auch der Turniersieg 2001 in Schanghai änderte nichts an seinem Ruf, die wichtigen Matches nicht gewinnen zu können. 2002 stand er in Wimbledon als letzter Deutscher in der dritten Runde und hätte bis zum Halbfinale leichte Gegner gehabt. Schüttler enttäuschte beim 6:3, 6:7, 4:6, 4:6 gegen den Spanier Feliciano Lopez.

In Australien aber glänzt er auch durch eine neue mentale Stärke. „Ich bereite mich schon seit Ende November auf die neue Saison vor“, sagte Schüttler, der in der Schweiz wohnt. Mit einem Fitness-Coach und einem Konditionstrainer stärkte er seine physische Verfassung. Das zahlt sich aus. Auch gegen Nalbandian überzeugte er durch Schnelligkeit und Konditionsstärke. Nur im zweiten Satz zeigte er beim Stande von 4:2 Schwäche und gab den Satz mit einem Doppelfehler ab. Doch schon im dritten Satz war er wieder obenauf. „Ich renne, ich renne, ich renne“, sagt Schüttler. Für Nalbandian, der noch ein schweres Fünfsatzmatch in den Beinen hatte, war das zu viel. „Ich war müde“, sagte der Argentinier, der in Wimbledon das Finale erreicht hatte, „aber es gibt immer einen neuen Tag und ein nächstes Spiel.“ Beide werden sich im Daviscup schon bald wieder begegnen. Zuvor hat Schüttler aber noch die Chance, an Thomas Haas und Nicolas Kiefer vorbeizuziehen. Keiner von beiden Spielern hat je das Finale eines Grand-Slam-Turniers erreicht.

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