Sport : „Ich könnte auch ohne den Luxus leben“

Marcell Jansen, jüngster Spieler im deutschen WM-Kader 2006, trifft Rainer Bonhof, jüngster Spieler im deutschen WM-Kader 1974

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Herr Jansen, haben Sie gewusst, dass Rainer Bonhof 1974 der jüngste Spieler im deutschen WM-Kader war?

JANSEN: Nein. Das heißt aber nichts. Ich habe auch nie darüber nachgedacht, dass ich diesmal der Jüngste bin. Wenn man sich unsere Mannschaft mal anschaut: Wir sind ja alle fast im selben Alter. Ob ich ein halbes Jahr jünger bin als Lukas Podolski, spielt für mich keine Rolle.

Herr Bonhof, was können Sie Marcell Jansen aus Ihrer Erfahrung von 1974 raten?

BONHOF: Der Marcell braucht keine Ratschläge von mir – auch wenn er in einer ähnlichen Situation ist wie ich damals. Ich gehörte ja 1974 eigentlich gar nicht zum Kader und bin nach der Saison erst einmal genüsslich in Urlaub gefahren. Irgendwann rief mich dann ein Freund aus Mönchengladbach an: Hör mal, Rainer, du bist im Aufgebot. Da war das faule Leben vorbei. Ich bin dann in Monte Carlo mit Berti Vogts die Berge rauf- und runtergelaufen.

JANSEN: Da hatte ich es besser. Jürgen Klinsmann hat mich am Morgen vor der Nominierung angerufen.

Waren Sie nervös, als er am Telefon war?

JANSEN: Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, ob ich nervös sein sollte. Jürgen Klinsmann hat mich gleich gefragt, ob ich mich auf die Weltmeisterschaft freue. Da war mir klar, dass ich dabei bin. Sonst hätte er das ja wohl nicht gefragt.

BONHOF: Ich habe nie daran gezweifelt, dass Marcell nominiert wird.

Warum nicht?

BONHOF: Man muss sich ja nur mal Klinsmanns Kader anschauen, da sind nicht viele Linksfüßer dabei. Philipp Lahm ist keiner. Das heißt: Die Mannschaft ist im Prinzip berechenbar. Wie willst du denn eine linke Seite besetzen, wenn du niemanden hast, der die Flanken auch mal vom Tor wegschlagen kann? Marcell hat eine sehr große Chance, in die Mannschaft reinzurücken.

Sie sprechen aus Erfahrung.

BONHOF: Bei so einem großen Turnier kristallisiert sich in der Vorbereitung irgendwann eine Stammelf heraus. Da gehörte ich nicht unbedingt dazu. Andere haben den Kopf hängen lassen, aber ich habe mir gesagt: Verdammte Hacke, wenn du schon hier bist, trainierst du auch anständig, notfalls für die neue Saison.

JANSEN: Ich habe zwar zuletzt zweimal nicht gespielt, aber seit meinem ersten Länderspiel stand ich immer im 18er-Kader. Deshalb bin ich auch für die WM optimistisch.

BONHOF: Man sieht ja, wie schnell das geht. Philipp Lahm verletzt sich, und auf einmal ist Marcell wieder die Nummer eins hinten links.

JANSEN: Abgesehen davon, dass es mir für Philipp sehr Leid tut – auch für mich wäre es besser gewesen, wenn er sich nicht verletzt hätte. Ich will nichts aus dem Weg gehen. Das ist auch für den Kopf wichtig, damit es nicht heißt: Der Jansen spielt ja nur, weil Lahm verletzt ist.

Als Sie 1974 in den Kader berufen wurden, Herr Bonhof, hatten Sie vier Länderspiele bestritten – genau wie Marcell Jansen jetzt.

BONHOF: Mit dem Unterschied, dass er dafür nicht so lange gebraucht hat. Ich hatte 1972, bei der Eröffnung des Münchner Olympiastadions, meinen ersten großen Auftritt, eine Halbzeit gegen die Sowjetunion. Danach bin ich zwei Jahre fast gar nicht mehr zum Einsatz gekommen. Ich glaube, vor der WM hatte ich gerade 128 Minuten gespielt. Wahrscheinlich hat Marcell schon jetzt mehr.

JANSEN: Gegen die Slowakei bin ich zur Halbzeit reingekommen, danach habe ich dreimal durchgespielt.

BONHOF: Na bitte, der Marcell ist schon ein ganzes Stück weiter. Aber man kann das auch nicht vergleichen. Unsere Mannschaft war zwei Jahre vor der WM Europameister geworden. Wen wolltest du da rausdrücken? Der Einzige, der später gestrauchelt ist, war Günter Netzer. Und Erwin Kremers hat sich selbst die WM versaut, weil er am letzten Bundesligaspieltag die Rote Karte gesehen hat. Das würde heute niemanden mehr interessieren.

JANSEN: Früher war es für einen jungen Spieler viel schwieriger, überhaupt in die Nationalmannschaft zu kommen. Da haben die Haudegen noch gesagt, wo es langgeht. Heute gibt es genug junge Spieler, die richtig dagegenhalten.

Wie haben Sie sich als junger Spieler in diese Mannschaft mit lauter Stars eingefügt, Herr Bonhof?

BONHOF: Das war nicht schwierig. Im WM-Kader standen damals fünf Gladbacher. Plus Günter Netzer, der noch ein Jahr zuvor bei uns gespielt hatte.

JANSEN: Das ist natürlich überragend.

BONHOF: Ja, das war richtig gut. Dazu kamen noch die Bayern, die zwar unsere Rivalen waren und die du als Verein nicht gerade geliebt hast. Mit den Spielern selbst waren wir trotzdem befreundet. Uli Hoeneß, Paul Breitner und ich, wir kannten uns schon aus der Jugend-Nationalmannschaft. Aber es gab natürlich auch Franz Beckenbauer, der schon 1966 im WM-Finale gestanden hat.

Herr Jansen, was für Rainer Bonhof Franz Beckenbauer war, müssen für Sie Oliver Kahn und Michael Ballack gewesen sein, die Helden der WM 2002. Hatten Sie Ehrfurcht vor denen?

JANSEN: Bevor ich zur Nationalmannschaft kam, habe ich ja schon eine ähnliche Erfahrung im Verein gemacht. Da waren Oliver Neuville oder Giovane Elber, auch große Namen, die ich aus dem Fernsehen kannte und mit denen ich dann plötzlich zusammengespielt habe. Bei der Nationalmannschaft ist es natürlich noch eine Nummer größer. Wenn du da keinen kennst, hältst du lieber erst einmal die Klappe. Ich hatte das Glück, dass ich beim ersten Mal zusammen mit Lukas Sinkiewicz eingeladen wurde. Den kenn ich schon seit der D-Jugend. Aber von fünf Gladbachern bei der Nationalmannschaft kann ich nur träumen.

BONHOF: Wir konnten damals vieles unter uns regeln. Manchmal musste ich im Training gegen Günter Netzer spielen. Der hat dann zu mir gesagt: Hau ab! Deck jemand anderen! Der Günter wusste ja von zu Hause: Der Bonhof steht mir nur auf den Füßen, da kann ich mich nicht entfalten. Also habe ich mir einen anderen Gegenspieler gesucht.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie bei der WM nicht nur als Tourist dabei sind, sondern eine Chance haben zu spielen?

BONHOF: Im Prinzip von Anfang an: Weil ich gesehen habe, wie ich trainiert habe.

JANSEN: Ich habe ein Problem mit dem Begriff Tourist. Als ob die Spieler, die nicht zum Einsatz kommen, nur mitfahren, damit der Kader voll wird. Alle 23 Spieler, die nominiert werden, haben das auch verdient – weil sie Qualitäten haben, die andere nicht haben. In Deutschland gibt es ja nicht nur 23 Fußballer.

BONHOF: Bei der WM gibt es keine Touristen. Es gibt Spieler, die werden eingesetzt, und Spieler, die werden nicht eingesetzt. Ohne die nicht eingesetzten Spieler würdest du im Training nie taktisch arbeiten können. Und wer nicht spielt, arbeitet darauf hin, dass er spielen darf. Keiner fährt mit, um Urlaub zu machen, nach dem Motto: schönes Wetter, dann holen wir uns mal Sonnenschutzfaktor acht.

Haben Sie nie gezweifelt?

BONHOF: Es gab zwei Situationen, die wirklich frustrierend waren: Beim ersten Spiel gegen Chile hatte ich auf der Bank gesessen, im nächsten Spiel gegen Australien musste ich auf die Tribüne. Ich habe zu einem Journalisten gesagt: Ich weiß nicht, warum ich hier oben sitze, aber der lange Schön wird schon seine Gründe haben. So stand das dann auch in der Zeitung. Am nächsten Morgen kommt der Bundestrainer zu mir. Der war fertig mit den Nerven, aber immerhin hatte ich ihn in Erklärungsnot gebracht. Rainer, hat Schön gesagt, es kann sein, dass deine Chance kommt. Gegen die DDR war ich wieder im Kader und durfte mich auch warm laufen. Aber dann sagte Jupp Derwall, unser Kotrainer, zu mir: Setz dich wieder hin. Wir brauchen einen erfahrenen Mann. In dem Moment war das Thema für mich erledigt.

Aber?

BONHOF: Nach der Niederlage gegen die DDR kam der große Umbruch. Manchmal muss du einfach warten, und wenn die Chance dann kommt, musst du sie packen.

Herr Bonhof, Sie haben nicht nur bei der WM, sondern auch sonst sehr hart an sich gearbeitet. Eigentlich wären Sie der ideale Nationalspieler für Jürgen Klinsmann.

BONHOF: Unbezahlbar wäre ich heute. Als ich nach Gladbach kam, hätte ich mit meinem linken Fuß aus fünf Metern nicht mal einen Möbelwagen getroffen. Das Erste, was Hennes Weisweiler, unser Trainer, mir gegeben hat, war ein Ball. Der gehört jetzt dir, hat er gesagt. In drei Monaten will ich den zerfetzt wiederhaben. Bei uns hinterm Haus gab es eine schöne Mauer. Da habe ich abends mit Turnschuhen gestanden, Innenspann, Außenspann, Vollspann, Innenspann ... Nach drei Wochen habe ich den Ball ausgewechselt.

JANSEN: Wir haben am Trainingsplatz eine kleine Mauer. Da stell ich mich manchmal hin und spiele den Ball nur mit rechts. Gerade, Vollspann, Innenseite, vor, zurück. Seit zwei Monaten mach ich das regelmäßig. Bei mir ging anfangs wenig mit rechts, inzwischen bin ich mit rechts erfolgreicher als mit links. Das ist natürlich auch nicht Sinn der Sache.

BONHOF: Ich habe nicht nur an meinen Schwächen gearbeitet, auch an meinen Stärken: Einen tierischen Schuss hatte ich immer schon, aber als ich gesehen habe, wie Günter Netzer jeden Freistoß über die Mauer in den Winkel gehoben hat, habe ich gemerkt, dass ich an der Technik noch feilen muss. Also habe ich mir nach dem Training noch mal einen Sack Bälle genommen und hundertmal aufs Tor geschossen. Am besten schießt du die Bälle ins Tor, dann musst du nicht so weit laufen. Das machst du ein halbes Jahr, und irgendwann hast du das drin. Am Ende deiner Karriere macht sich das bemerkbar: Da siehst du an deinem Bankkonto, wie viel du in der Jugend gearbeitet hast.

JANSEN: Wenn ich der Meinung bin, dass ich im Training zu wenig getan habe, mache ich für mich noch zusätzlich was. Das Schöne ist: Man sieht die Erfolge und findet Gefallen daran.

Verlangt Jürgen Klinsmann das?

JANSEN: Ich finde es gut, dass er uns darauf hinweist – auch wenn es irgendwie traurig ist. Jeder Spieler weiß doch, wo er Schwächen hat. Oder sollte es zumindest wissen. Ich bin immer von alleine darauf gekommen.

BONHOF: Als Nationaltrainer hast du relativ wenig Einfluss, weil du nicht kontinuierlich mit den Spielern trainierst. Du kannst höchstens ansprechen, was dir auffällt. Sicherlich ist es schön, dass Jürgen Klinsmann das verlangt. Aber wenn dies das einzige Auswahlkriterium wäre, hat er irgendwann keine Spieler mehr.

1974 hat die WM auch in Deutschland stattgefunden. War die Öffentlichkeit genauso überdreht, wie sie es jetzt ist?

BONHOF: Keine Ahnung. Das kommt mir vor wie tausend Jahre her. Aber vermutlich war es ähnlich. Die Euphorie war jedenfalls sehr groß, weil wir zwei Jahre zuvor mit einer genialen Mannschaft brillant Europameister geworden waren.

Sie haben vor der WM sogar ein Lied aufgenommen.

BONHOF: Oh, ja. Fußball ist unser Leben. So ein Quatsch. Aber da war ich noch nicht dabei. Das ganze Vorgeplänkel habe ich nicht mitgemacht. Ich kann mich auch nur an einen einzigen Werbespot erinnern. Mit Esso. Pack den Tiger in den Tank, glaub ich. Das war’s dann.

JANSEN: Wir hatten ja auch nur einen Werbetermin...

BONHOF: Heute sind die Dinge am Rande wichtiger geworden. Früher hätte es niemanden interessiert, ob die Freundin von Michael Ballack einen Sonnenbrand hat.

Und Malente war das passende Ambiente dazu?

BONHOF: Malente war ein Weltklasseort für die Vorbereitung – da gab es ja nichts. Einmal sollten unsere Frauen für einen Tag ins Seehotel kommen. Das war schon ziemlich konkret, bis jemand gesagt hat: Moment mal, da filmt dann das Fernsehen, wie der Herr Beckenbauer um 18 Uhr 15 mit seiner Frau aufs Zimmer verschwindet und wie er um 21 Uhr 34 das Hotel wieder verlässt. Also wurde das auch wieder abgesagt. Stattdessen gab es einen Bootsausflug.

Da hat es die heutige Generation besser. Die Frauen und Freundinnen durften sogar mit ins Trainingslager nach Sardinien.

BONHOF: Und bei der WM logieren sie im Lagerfeld-Hotel im Grunewald. Jeder ein Einzelzimmer. Fünf-Sterne-Hotels gab es für uns nicht, die waren tabu. Wir haben in Malente in der Sportschule geschlafen, im Doppelzimmer natürlich. Die Wände waren aus Holz. Wenn da einer im Nebenzimmer die Toilettenspülung benutzt hat – ach nein, die Toiletten waren ja auf dem Gang. Wenn die Spülung ging, war der ganze Flur wach. Das muss man den Spielern heute mal erzählen.

JANSEN: Ich komm aus ganz einfachen Verhältnissen, ich könnte auch ohne den Luxus leben. Ein Bett werde ich schon haben, und zu essen bekomme ich auch.

Herr Bonhof, Sie haben 1974 mit einem Vorstoß über die rechte Seite das Siegtor im WM-Finale eingeleitet. So ähnlich, nur über links, kann man sich das auch mit Marcell Jansen im Finale 2006 vorstellen.

BONHOF: Wenn er die Chance hat, nach vorne zu stürmen, warum nicht? Das macht er bei Borussia Mönchengladbach ja auch ganz hervorragend. Es wäre allerdings schade, wenn er auch nur die Vorlage geben würde. Ich würde ihm gönnen, dass er das entscheidende Tor schießt.

JANSEN: Vorlage wäre auch schon okay.

Das Gespräch führte Stefan Hermanns.

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