Sport : „Ich lege Wert auf ein liebevolles Umfeld“

Springreiter Marcus Ehning über zufriedene Pferde, seinen Erfolg und die Weltreiterspiele in Aachen

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Herr Ehning, bei den Weltreiterspielen in Aachen sind jetzt die Springreiter dran. Sie haben bisher ein unglaubliches Jahr hingelegt, wurden Weltcup-Finalsieger, sind Weltranglistenerster und Favorit auf den Weltmeistertitel. Können Sie so viel Erfolg überhaupt realisieren?

Manchmal denke ich: Ist schon verrückt, dass das jetzt so läuft. Aber Weltranglistenerster war ich schon mal, mit dem Hengst For Pleasure. Es ist ja nicht so, dass ich ein Newcomer wäre. Die vielen Erfolge momentan liegen an der Dichte meiner guten Pferde.

Wie würden Sie Ihre beiden besten Pferde Gitania und Küchengirl charakterisieren?

Gitania hat eine gute Beständigkeit, sie ist vom Nervenkostüm her unglaublich stark, lässt sich nicht von äußeren Umständen beeinflussen. Küchengirl hat ein unglaubliches Potenzial, ein unbegrenztes Sprungvermögen. Mit neun Jahren ist sie aber noch ein sehr junges Pferd.

Sie sind der Einzige in der deutschen Mannschaft, der zwei Ausnahmepferde zur Verfügung hat. Fällt bei den anderen Reitern mal ein Pferd aus, wird es schwierig. Es gibt Insider, die sogar von einer Krise sprechen. Ist das Thema im Team?

Ich sehe das nicht so. Meist ist es doch so, dass man nicht mal ein richtiges Toppferd hat. Ich habe mit den zweien gerade besonderes Glück. Fällt einer aus, muss man eben sehen, wie man das ausgleicht. Vergangenes Jahr ist es bei den Europameisterschaften Meredith Michaels-Beerbaum so gegangen, und ihr zweites Pferd Checkmate hat seine Sache dann auch gut gemacht. Wir sprechen da eigentlich nicht drüber, bevor es passiert.

Bei der Endausscheidung der WM tauschen die vier besten Reiter ihre Pferde. Welches Pferd würden Sie denn gerne mal unter den Sattel bekommen?

Baloubet von Rodrigo Pessoa. Es ist eines der besten Springpferde, die es gibt. Er hat Temperament und Springvermögen und ist dabei immer spielerisch leicht.

Baloubet muss jetzt wegen einer Verletzung pausieren. Haben Sie denn schon mal eines der möglichen Endausscheidungspferde geritten?

Ja, ich durfte im Training mal Montender von Marko Kutscher und Shutterfly von Meredith Michaels-Beerbaum reiten. Das ist aber kein großer Vorteil, denn mit beiden bin ich noch nicht gesprungen.

Können Sie am Namen des Parcoursbauers abschätzen, wie der Hindernisverlauf aussehen wird?

Frank Rothenberger kennen wir seit Jahren, dennoch ist es nicht absehbar, was er aufstellt. Er hat immer neue Ideen, baut gut, weil er immer sehr fair ist und seine Linienführungen angenehm zu reiten sind – die Wege sind meist nicht sehr eckig.

Sie wirken auf den Vorbereitungsplätzen der großen Turniere immer so locker, als ob sie eine Miniprüfung auf dem Lande vor sich hätten. Kennen Sie überhaupt Lampenfieber?

Absolut. Meine beiden Pferde haben aber „viel Blut“, wie wir Reiter sagen, sie sind also von Natur aus sehr energisch, da muss ich nicht viel tun. Mein Job ist es deshalb, dass die Pferde konzentriert und ausgeglichen in die Prüfung gehen. Ich versuche mich sehr zu konzentrieren, gehe den Parcours noch mal durch. Wie oft, kommt darauf an, wie viele Ritte anderer Reiter ich anschauen konnte oder nicht. Am schlimmsten ist die Nervosität, bevor ich auf dem Pferd sitze. Beim Abreiten geht es, und im Ring ist sie kaum mehr da.

Sie sind für ihren feinfühligen Reitstil bekannt und sagen, der liebevolle Umgang sei wichtig. Was bedeutet das?

Ich mag es nicht, wenn Pfleger schreien oder grob zu den Pferden sind. Die Pferde sollen zufrieden sein. Bei uns kommen auch alle Pferde auf die Weide.

Haben Sie mehr Geduld mit Pferden als mit Menschen? Können Sie ruppig sein?

Ich glaube nicht, dass ich zu Menschen ruppig bin. Obwohl ich meinen Ärger äußern kann. Bei Pferden kann ich mich aber noch mehr beherrschen. Denn ein Pferd kann sich nicht wehren. Ich lege Wert auf ein liebevolles Umfeld.

Es gibt diese Geschichte über Sie, dass Sie als Siebenjähriger, als Ihr Vater Ihr Pferd verkauft hat, jeden Abend eine Kerze für das Pferd angezündet hätten, bis Ihr Vater es zurückholte.

Nun, ich bin kein kleiner Junge mehr, man lernt dazu. Und Pferdeverkaufen gehört für meine Familie zum Geschäft. Gleichzeitig freue ich mich jeden Tag, dass ich bei uns zu Hause For Pleasure sehen kann, mit dem ich den Durchbruch an die Spitze des Springsports geschafft habe. Aber mit Symbolen habe ich es nicht mehr. Das funktioniert eher gedanklich. Ich bin schon ein gläubiger Mensch.

Zu Anfang ihrer Profikarriere haben Sie bei Ludger Beerbaum gelernt. Was haben Sie von ihm mitnehmen können?

Gelernt ist übertrieben. Wir haben vielfach zusammen trainiert, es waren viele Kleinigkeiten, die er mir mitgegeben hat.

Jetzt sind Sie Freunde, sagen Sie. Früher war es unter Reitern undenkbar, Rivale und Freund zu sein. Weshalb geht das?

Wir schätzen uns eben. Mit ihm und Christian Ahlmann, den ich noch aus Juniorzeiten kenne, treffe ich mich auch mal zum Essen, oder wir sprechen über Dinge jenseits der Pferde. Dass es trotz der Konkurrenz funktioniert, liegt wohl daran, wie es eben so ist im Leben: Mit dem einen kann man, mit dem anderen nicht. Aber Respekt und Ehrlichkeit sind Voraussetzung, sonst wären es nicht meine Freunde.

Ein Tipp zum Abschluss: Welche Nationen teilen sich die ersten drei Plätze auf?

Das ist mir egal. Ich will nur, dass unsere Mannschaft eine Medaille bekommt.

Das Gespräch führte Jeannette Krauth.

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