Sport : „Ich muss mich umstellen“

Michael Ballack über seinen Einstand beim FC Chelsea und die Kritik an ihm

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Herr Ballack, was machen die Sprachkenntnisse?

Oh, ich spreche jeden Tag Englisch, ich verbessere mich stetig.

Werden Sie in England, speziell beim FC Chelsea, nur falsch verstanden, oder warum werden Sie so hart kritisiert?

Werde ich so hart kritisiert? Vielleicht in Deutschland, aber in England nicht, sonst hätte ich etwas davon mitgekriegt.

In den englischen Zeitungen wurden Sie schon als Fehleinkauf bezeichnet.

Moment, wenn ich mich recht erinnere, habe ich erst ein Zeitungsinterview in London gegeben. Das war ein Poolinterview mit mehreren Zeitungen. Mehr will der Verein nicht, das gilt für alle Spieler. Ansonsten gebe ich Interviews über Chelseas Homepage.

Da kommen ja nur freundlichen Fragen.

Ganz bestimmt nicht. Aber es kann schon sein, dass ich noch nicht den Zugang zu den Medien in London gefunden habe – zumal ich auch die Journalisten nicht kenne.

Ist das der Grund dafür, dass englische Medien so schlecht über Sie schreiben?

Ich weiß nicht, was hier so alles ankommt. Klar ist aber, dass es drüben viele Zeitungen gibt, besonders viele Boulevardzeitungen. Da steht drin, was angeblich Mitspieler über einen sagen, obwohl wir beim FC Chelsea selten mit den Zeitungen sprechen. Vieles stellt sich hinterher als nicht wahr heraus. Nehmen Sie Didier Drogba, der mich angeblich kritisiert haben soll. Er hat das als absoluten Quatsch bezeichnet. Aber generell ist es ja so, dass sich negative Stimmen besser transportieren lassen als positive.

Ist das Bild völlig falsch, das über Ihre Leistungen beim FC Chelsea vermittelt wird?

Ich glaube, da wird eine Tendenz übertragen, die so gar nicht da ist. Ich für meinen Teil bin recht zufrieden. Der Schritt, zum FC Chelsea zu wechseln, war absolut richtig. Ich habe eine Herausforderung gesucht und gefunden. Aber natürlich steht dieser Verein immer im Fokus. Wir sind in vielen Wettbewerben vertreten, haben aber als Zweiter in der Liga sechs Punkte Rückstand auf ManU. Chelsea ist zweimal hintereinander Meister geworden, daran reiben sich viele Engländer. Und Roman Abramowitsch ist jemand, der viel Geld ausgegeben hat und über den diskutiert wird. Demzufolge wird viel erwartet und viel kritisiert.

Franz Beckenbauer sagte, es gibt keinen Platz für Sie beim FC Chelsea. Sie sagen, dass Sie Ihre Rolle gefunden haben. Was ist denn Ihre Rolle?

Ich bin als Mittelfeldspieler verpflichtet worden, und als dieser werde ich eingesetzt, entweder in einer Viererreihe oder, wenn wir zu dritt im Mittelfeld spielen, auf einer Halbposition. Wir haben ein sehr hohes Potenzial. Bei Jose Mourinho, dem Trainer, bin ich aber immer ein fester Bestandteil der Mannschaft. Das sagt alles.

Der dominante Spieler, der Sie beim FC Bayern waren und in der deutschen Nationalelf sind, ist bei Chelsea Frank Lampard. Auf ihn und nicht auf Sie ist Chelseas Spiel zugeschnitten.

Da will ich Ihnen nicht widersprechen. Aber der Prozess ist nicht abgeschlossen, und ich fühle mich in Chelsea wohl. Jeder Spieler, der neu ist, muss seine Mannschaft und ihr Umfeld erst kennenlernen. Frank ist ein Spieler, der das Spiel von Chelsea geprägt hat und prägt. Das akzeptieren auch die Mitspieler.

Sind Sie nur noch einer von vielen?

Ja, einer von vielen Klassespielern beim FC Chelsea. Ich spiele bei einem der besten Vereine in Europa. Aber klar, ein Spieler wie ich will ein Spiel dominieren, will Tore machen und dem Spiel seinen Stempel aufdrücken.

Fiel Ihnen die Umstellung von der Bundesliga auf die Premier League schwerer als angenommen?

Das würde ich nicht so sehen. Beim FC Bayern hatten wir nun mal keine Außenstürmer, beim FC Chelsea haben wir drei oder vier davon. Und die sind sehr gut. Ein wenig umstellen muss ich mich. Aber gute Spieler kommen überall zurecht.

Ihre Qualität ist, dass Sie viele Fähigkeiten auf sich vereinen. Sie sind zweikampfstark, torgefährlich, können Spiele lenken. Wird Ihnen diese Qualität zum Verhängnis?

Nein. Ich sehe es als absoluten Vorteil an, flexibel zu sein. Ich kann mehrere Systeme spielen.

Eine Statistik der 100 besten Spieler, die in England angefertigt wurde, führt Sie auf Platz 94. Frank Lampard findet sich an vierter Stelle. Ärgert Sie das?

Wissen Sie, ich habe diese Statistik nicht mal gelesen, ich weiß auch nicht, welche Werte da miteinander verglichen wurden.

Anders gefragt: Haben Sie denn Ihr Leistungsvermögen ausgeschöpft?

Das mit Sicherheit nicht. Das geht im Fußball nur schwer. Ein Spieler müsste dafür sehr egoistisch spielen, aber ob das hilft? Jeder muss eben seine Fähigkeiten so einbringen, dass die Mannschaft Erfolg hat.

Kritiker sagen, die Premier League ist zu schnell für Sie.

So, sagt man das? Mit dem Tempo ist das so eine Sache. Im Spiel selbst kriege ich davon nicht so viel mit, ich passe mich dem Tempo problemlos an. Erst in der Analyse erkennt man, dass sehr viel schneller gespielt wird in England. Das liegt an vielen Faktoren, zum Beispiel an den Fans. Die sind unheimlich präsent, sitzen nah dran und puschen. Sobald man den Ball hat, erwarten sie eine Aktion. Sie verzeihen Fehler, aber sie wollen Action. Beim Gegner ist es genauso. Hat der den Ball, passiert gleich etwas. So geht das Spiel immer hin und her. Und so geht alles insgesamt etwas schneller.

Im Vergleich zum FC Bayern haben Sie beim FC Chelsea nicht so viele Ballkontakte. Ist das auch Ihre Wahrnehmung?

Das kann sein. Statistisch gesehen laufe ich mehr als früher. Ich glaube, innerhalb der Mannschaft muss das Vertrauen in einen neuen Spieler wachsen. Das geht nicht von heute auf morgen. Das Spiel eröffnen kann nun mal nur ein Spieler. Es gibt ja auch nur einen Ball, oder?

Warum ist das Lampard und nicht Sie?

Es wäre doch außergewöhnlich, wenn es zum jetzigen Zeitpunkt anders wäre. Er ist seit langem das Herz der Mannschaft. Aber Sie haben nicht ganz unrecht. Der Trainer verlangt von uns eine Balance, die müssen wir alle finden. Er nennt es Dreilinienspiel – einer defensiv, einer mittig und einer offensiv. Der Trainer ist jedenfalls mit meinem Spiel zufrieden.

Der hat Sie ja auch gewollt und geholt.

Ja, aber Jose Mourinho ist kein Trainer, der sich scheut, intern oder auch öffentlich Kritik zu üben.

Herr Ballack, wer ist glücklicher geworden: der FC Bayern ohne Sie oder der FC Chelsea mit Ihnen?

Endlich mal eine Frage, die einfach zu beantworten ist: Beim FC Chelsea freut man sich, dass ich da bin.

Zu Ihrem Geburtstag waren fast alle Mitspieler bei Ihnen zu Hause …

… ja, und ich kann Ihnen sagen, dass es richtig nett war.

Und der FC Bayern? Wie nehmen Sie die Entwicklung aus der Ferne wahr?

Ich habe nicht so viele Spiele gesehen. In der Champions League waren sie bisher stark, in der Bundesliga nicht so. Mich hat aber überrascht, dass man so schnell Felix Magath entlassen hat, trotz des schweren Rückrundenstarts. Aber er hat vier Titel geholt, national das Double verteidigt. Das hat vor ihm keiner geschafft.

Und jetzt ist Ottmar Hitzfeld da.

Das hat mich genauso überrascht. Aber das eine bringt das andere ja mit sich.

War es richtig, Hitzfeld zurückzuholen?

Ich kenne ja Uli Hoeneß. Er ist keiner, der etwas übers Knie bricht. Er wird die Lösung im Hinterkopf gehabt haben.

Franz Beckenbauer sagte neulich, dass Sie eine größere Lücke hinterlassen haben als gedacht. Berührt Sie das?

Ich bin ziemlich frei von solchen Egos. Aber natürlich ist es besser, wenn man vermisst wird. Dass mal versucht wurde, es anders darzustellen, ist doch normal. Grundsätzlich hat der Verein aber oft bewiesen, dass er Lücken schließen kann und Erfolg hat.

Warum so diplomatisch?

Das ist meine Meinung. Und wenn der FC Bayern merkt, dass es Schwierigkeiten gibt, wird Ersatz geholt. So war es schon immer.

Es brodelt beim FC Bayern.

Davon habe ich gehört.

– Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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