Sport : "Ich muß nicht schon mit 25 Jahren die Tour de France gewinnen"

Jan Ullrich will seinem Kapitän Bjarne Riis im Bonner Team Telekom keine Konkurrenz machen / "Indurain hat auch sechs Jahre lang für Delgado gearbeitet" FRAGE: Die Deutsche Telekom hat versprochen, Ihr Engagement bei Ihrem Rennstall von sieben auf zehn Millionen Mark aufzustocken.Dabei war lange fraglich, ob es das Team weiter geben wird.Hat Ihnen die Ungewißheit Bauchschmerzen bereitet? ULLRICH: Ein bißchen schon, vor allem zu Beginn der Tour de France.In der ersten Woche wußte niemand, ob Telekom verlängern würde.Ich glaube, daß uns die Ungewißheit in dieser Phase zusätzlich motiviert hat und ein wichtiger Ansporn war. FRAGE: Sie haben den Start bei Olympia abgesagt, und ein prominentes Rennen in Hamburg mußte auf Sie verzichten.Sie scheinen gut zu wissen, warum Sie wo in die Pedale treten und wo nicht? ULLRICH: Prinzipiell habe ich mit den Veranstaltern keine Probleme.Bei Olympia fühlte ich mich vom Bund Deutscher Radfahrer hintergangen.Und in Hamburg hatte ich abgesagt, weil am selben Tag ein Weltcuprennen stattfand, das mir wichtiger erschien. FRAGE: Ihr Teamchef Walter Godefroot sagt, Sie haben das Zeug zum Tour-de-France-Sieger.Aber im nächsten Jahr sieht er Sie noch nicht ganz vorn. ULLRICH: Ich habe in diesem Jahr gesehen, daß ich es drauf habe, und natürlich will ich diese Chance irgendwann nutzen.Momentan haben wir mit Bjarne Riis den Tour-Sieger im eigenen Team.Ich werde ihm keine Konkurrenz machen und bin froh, daß er für zwei Jahre verlängert hat.Von ihm kann ich noch viel lernen.Wenn du von den Amateuren kommst, kannst du nicht gleich Kapitän sein wollen.Ich gehe ins dritte Profijahr und bin erst 23 Jahre alt.Indurain hat auch sechs Jahre für Delgado gearbeitet.Ich muß nicht schon mit 25 die Tour de France gewinnen. FRAGE: Ihr zweiter Platz bei der Tour war also eine Art "Betriebsunfall"? ULLRICH:So ähnlich könnte man sagen.Ganz ehrlich: dieser Durchbruch war in diesem Jahr noch nicht geplant. FRAGE: Das sollte Ihnen Chancen bei der Wahl zum Sportler des Jahres eröffnen? ULLRICH: Um bei einer solchen Wahl ganz vorne zu sein, muß man sich wohl über viele Jahre in der absoluten Weltspitze behaupten.Boris Becker haben sie auch nicht gleich im ersten Jahr über alles hochgejubelt.Außerdem ist der Stellenwert des Radsports in Deutschland überhaupt nicht mit dem von Tennis oder der Formel 1 zu vergleichen.Aber mit unseren Erfolgen können wir manches verschieben.Das merke ich schon jetzt.Auf einmal interessieren sich Leute für mich, die vor zwei Jahren noch gar nicht wußten, was Radsport ist. FRAGE: Warum verzichten Sie auf die Sechstage-Rennen in der Vorbereitungsphase? ULLRICH: Ich hatte verlockende Angebote für Sechstagerennen, will mich aber auf die Straße konzentrieren.Fünf Wochen nach der Tour war für mich die Luft raus.Ich bin noch jung, bin anders konstituiert als die älteren Fahrer.Ich muß dem Körper dringend benötigte Phasen der Ruhe und Regeneration gönnen.Später kann ich immer noch Sechstage-Rennen fahren.Aber ich möchte gern in Berlin dabei sein und an einem Tag zumindest eine Ehrenrunde fahren.Immerhin verbinden sich mit dem Standort der neuen Radsporthalle einige Erinnerungen.Als noch die Werner-Seelenbinder-Halle hier stand, bin ich als Junior zweimal mit um die Piste gefahren.

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