Sport : "Ich sehe Alba als ein Stückchen von meinem eigenen Leben an"

TAGESSPIEGEL: Was waren Ihre Gründe, nicht zu Alba Berlin zurückzukehren?

KARASSEW: Der Hauptgrund waren meine Familie und meine Kinder.Der Sohn war fünf Jahre alt, sollte in die erste Schulklasse kommen.Wir haben gesehen, daß seine Entwicklung in Deutschland gestoppt war.Er hatte keine Freunde, keine Kontakte mit Kindern.Und in ihrem eigenen Land kann die Familie leichter leben.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie sich überlegt, ob ihr Sohn nicht für ein Jahr bei der Oma leben könnte und Sie mit Frau und Baby in Berlin bleiben?

KARASSEW: Es wäre vielleicht eine Möglichkeit gewesen, aber Familie war für mich das Wichtigste, und ZSKA hat auch ein vernünftiges Angebot gemacht.Vielleicht, wenn mein Sohn etwas älter gewesen wäre.Aber das ist jetzt eine wichtige Phase in seinem Leben - er kommt zur Schule.So sind wir nach Moskau gegangen, obwohl bei Alba alles perfekt war.

TAGESSPIEGEL: Es heißt, Sie hatten noch einen gültigen Vertrag in Berlin ...

KARASSEW: Ja, ich hatte.Das weiß ich jetzt.Aber ich hatte erst gedacht, daß nicht.Wegen meiner Sprachprobleme hatte ich den Inhalt des Vertrages nicht richtig verstanden.

TAGESSPIEGEL: Ab wann wußte Alba eigentlich, daß mit Ihrer Rückkehr definitiv nicht zu rechnen ist?

KARASSEW: Bevor ich mit der Nationalmannschaft zum Supercup nach Deutschland kam Anfang Juli, habe ich zuerst mit meinem Agenten gesprochen.Danach haben wir Coach Pesic in Jugoslawien informiert, daß ich bei ZSKA bleiben will.Beim Supercup in Bremen habe ich auch mit Manager Marco Baldi gesprochen.Alba hat mir zum Beispiel einen Vertrag mit besseren Konditionen als vorher angeboten.Für mich war Geld nicht der entscheidende Punkt, sondern die Familie.

TAGESSPIEGEL: Beim Turnier in Belgrad nahmen ZSKA Moskau und Alba Berlin teil.Hatten Sie dort Kontakt zu Ihren ehemaligen Mitspielern oder Svetislav Pesic? Wenn ja, wie ging man miteinander um?

KARASSEW: Selbstverständlich war sofort Kontakt da, wir haben das ganze Jahr zusammen gespielt.So viele Dinge haben uns verbunden.Wir haben miteinander ein ganz normales, gutes Verhältnis.Ich auch mit Pesic.Ich habe über das ganz normale Leben mit ihm gesprochen.Aber ich hatte das Gefühl, daß Pesic wegen meiner Entscheidung ein bißchen beleidigt war.

TAGESSPIEGEL: Sie haben sich in Berlin nicht recht wohl gefühlt, davor in Istanbul auch nicht - ist damit für Sie das Thema erledigt, im Ausland zu spielen?

KARASSEW: In Berlin habe ich mich recht wohl gefühlt, in Istanbul nicht.Das Thema Ausland ist für mich nicht abgeschlossen.Für uns ist jetzt unser Kind wichtig.Und wir sehen, daß der Junge sich jetzt ganz gut entwickelt, Kontakte hat und so weiter.Wenn er ein bißchen älter wird, dann gehe ich davon aus, daß ich wieder in einem anderen Klub spielen kann.Die Entscheidung für Moskau fiel auch, weil sie mir dort gute Konditionen angeboten haben.Aber wir leben in einem Land, wo keiner weiß, was in den nächsten Monaten passiert.

TAGESSPIEGEL: Wie ist jetzt die Situation bei ZSKA? Kann es passieren, daß Sie Ihre Entscheidung wieder ändern, aufgrund finanzieller Dinge, wenn Gehälter nicht bezahlt werden?

KARASSEW: Bei uns ist alles möglich.Niemand gibt irgendeine Prognose, wie es in unserem Land weitergeht.

TAGESSPIEGEL: Die wirtschaftliche Krise in Rußland füllt die deutschen Zeitungen.Müssen Sie sich Sorgen machen um Ihren Arbeitsplatz beziehungsweise Ihr Gehalt machen?

KARASSEW: Ich muß mir schon Sorgen machen! Aber im Moment ist das schwer zu sagen.Meine Konditionen, die ich von Anfang an mit ZSKA abgesprochen habe, haben sie alle erfüllt.Es gibt natürlich Probleme.ZSKA sagt, alle Probleme werden gelöst.Es braucht aber etwas Zeit.Die Spieler sind aber schon etwas nervös.

TAGESSPIEGEL: Es heißt, ZSKA Moskau sei quasi identisch mit der russischen Nationalmannschaft.Die wurde immerhin Vizeweltmeister.Wird ZSKA jetzt also Sieger in der Europaliga?

KARASSEW: Viele Basketball-Spezialisten sagen, daß die Europaliga ein höheres Niveau hat als eine Weltmeisterschaft, von ein paar Spielern einmal abgesehen.Das Niveau ist sehr hoch.Man kann aber ein Weltmeisterschaftsturnier von zwei Wochen nicht vergleichen mit einer Europaliga über sieben Monate mit ganz starken Mannschaften, wo außer der NBA die besten Spieler der Welt verteilt sind.

TAGESSPIEGEL: Wie ist jetzt die Stimmung bei ZSKA? Geht es weiter vorwärts?

KARASSEW: Letzte Saison war sehr schwer für ZSKA, die Spieler hatten danach fast keine Pause wegen der WM-Vorbereitung.Dann die WM.Jetzt starten wir in unserer Liga und der Europaliga.Das heißt, wir haben keine Erholung gehabt.Aber ich denke, wir kriegen jetzt langsam unsere Bestform.Beim Turnier in Belgrad hatten wir noch nicht unsere beste Form.

TAGESSPIEGEL: Was für eine Reaktion des Berliner Publikums erwarten Sie, wenn Sie mit ZSKA am Donnerstag abend in der Max-Schmeling-Halle antreten müssen? Welche wünschen Sie sich?

KARASSEW: Das einzige, was ich mir nicht wünsche, ist eine negative Reakion des Berliner Publikums, weil ich weiß, wie heftig das Berliner Publikum reagieren kann.Ich erinnere mich sehr genau an das Halbfinale der letzten Saison gegen Trier.Da hatte der Amerikaner Thompson unseren Spieler Marko Pesic schlimm in Trier gefoult.In Berlin ist er bei jedem Ballkontakt stark ausgepfiffen worden.Ich verstehe, daß ich diesmal als Gegner komme.Aber trotzdem haben wir letztes Jahr zusammen gespielt, mit gewissem Erfolg.Ich sehe Alba als ein Stückchen von meinem eigenen Leben an.

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