Sport : "Ich spüre die Zärtlichkeit der Fans"

Marcelinho (26) ist ein Berliner. Der Brasilianer

Marcelinho (26) ist ein Berliner. Der Brasilianer fühlt sich ausgesprochen wohl in Deutschland. Während viele seiner Landsleute Heimweh haben und oft verspätet aus dem Heimaturlaub wieder einfliegen, konnte es Marcelinho nach eigener Aussage kaum erwarten, zurück nach Berlin zu kommen. Anfang der Saison kam Marcelinho aus Porto Alegre zu Hertha BSC. In der Offensive hat er sich sofort einen Stammplatz erobert und wurde inzwischen sogar brasilianischer Nationalspieler.

Marcelinho, kennen Sie den Gag, der gern auf den Rängen des Olympiastadions erzählt wird?

Welchen meinen Sie?

Es heißt, es gibt zwei Brasilien. Eins, aus dem Sie kommen, der für Hertha schon viele Tore geschossen hat. Und ein anderes, aus dem Ihr Mannschaftskollege Alex Alves kommt, der in dieser Saison noch kein Tor geschossen hat.

Was soll ich Ihnen darauf antworten? Alex durchläuft eine problematische Zeit. Er war oft verletzt und hat wenig gespielt. Ich tue was ich kann, um ihm seine Zuversicht wiederzugeben. Für mich lief es vom ersten Tag an in Berlin sehr gut. Als ich über Weihnachten in Brasilien war, habe ich meiner Familie und Freunden davon erzählt.

Was haben Sie denen denn erzählt?

Sie verfolgen mein Leben ja, so gut es geht. Sie kriegen mit, wenn ich ein Tor geschossen habe. Aber dieses Mal habe ich ihnen von Deutschland erzählt, besonders von Berlin. Ich bin verliebt in diese Stadt, ich mag unsere Mannschaft.

Sie haben es schon einmal in Europa versucht, in Marseille. Dort kamen Sie nicht zurecht und flüchteten schnell nach Brasilien. Was war oder ist anders in Berlin?

Es gibt viele Unterschiede. Bei Hertha sind die Mitspieler aufrichtiger und sie präsentieren sich als Einheit. Sie haben mich gut empfangen und unterstützt. Außerdem komme ich gut mit Trainer Jürgen Röber aus, der sich auf mich eingelassen hat.

Hatte Sie Ihr Marseille-Erlebnis nicht misstrauisch gemacht?

Zum Thema Fotostrecke I: Bilder der Saison 01/02
Fotostrecke II: Hertha Backstage Nein, schon die ersten Gespräche in Brasilien verliefen ganz anders. Und als ich das erste Mal in Berlin ankam, hat mich sogar der Herr Hoeneß am Flughafen erwartet. Als ich damals in Marseille ankam, war niemand da. Kein Mensch hat mich erwartet. Aber ich wollte es noch einmal probieren. Wenn man heute ein bedeutender Spieler werden will, muss man sich in Europa durchsetzen. In Spanien, Italien oder in Deutschland.

Sie wurden in Berlin brasilianischer Nationalspieler.

Ich hatte vor Hertha schon sechs gute Monate bei Gremio Porto Alegre, ich schoss 16 Tore in 22 Spielen, und wir holten zwei Titel. Als ich anschließend nach Berlin kam, gelangen mir ebenfalls gleich einige Tore und wir gewannen den Liga-Pokal. Das gab wohl den Ausschlag für meine Nominierung in die brasilianische Nationalmannschaft.

die sich nur mit Mühe für die WM qualifiziert hat.

Was meinen Sie, was in Brasilien los war. Aber wir haben es geschafft, und jetzt sind alle etwas entspannter.

Sie sind ein gutes halbes Jahr in Deutschland. Welche Spieler der Bundesliga haben Sie am meisten beeindruckt - mal abgesehen von Elber, Lucio und Ze Roberto?

Ha, Pizarro und Amoroso fehlen jetzt noch in der Liste. Nein, es gibt einen Spieler, den ich bewundere. Das ist Sebastian Deisler. Er ist sehr jung und bewahrt Ruhe auf dem Platz. Leider ist er verletzt. Aber seine körperliche Kraft und seine Technik sind herausragend.

Er ist aber nicht unbedingt ein typisch deutscher Fußballer, oder?

Der Fußball hier ist schwierig, es wird schneller und körperlicher gespielt, nicht so individuell. Manchmal spiele ich den Ball ab und erwarte einen Doppelpass oder eine andere bestimmte Reaktion. Aber die bleibt oft aus.

Sie werden sich noch Ihre Technik verderben, wenn das so weitergeht.

Da kann ich Sie aber beruhigen. In Deutschland wird nun mal anders gespielt. Als ich ankam, war ich für kurze Zeit entsetzt. Aber dann habe ich mir gesagt, gut, sie wollen es hier so. Also habe ich versucht, mich anzupassen.

Ist der deutsche Fußball denn wirklich anders, oder ist er nicht einfach nur ein bisschen schlechter zurzeit?

Er ist auffallend anders, und er ist nicht weniger erfolgreich. Das war eine besondere Erfahrung für mich.

Sie haben also noch eine andere gemacht?

Selbstverständlich - meine wichtigste Erfahrung ist die neue Sprache. Ich muss sie noch besser lernen, denn sie hilft mir, auf dem Platz genauer zu kommunizieren.

Ihr Dolmetscher, Alcir Pereira, behauptet, Sie würden schon ganz gut Deutsch sprechen.

Glauben Sie ihm kein Wort.

Das müssen wir aber. Er übersetzt für uns schließlich auch dieses Gespräch.

Er ist listig, nicht wahr? Also gut, ich verstehe schon einiges und könnte Ihnen schon was erzählen, aber ich schäme mich noch.

Sie sind ja schüchtern.

Na ja, was meine Begegnungen mit den Schiedsrichtern anbelangt, hat das ja seine Vorteile.

Weil Sie nicht etwas Unüberlegtes sagen und vielleicht vom Platz gestellt werden?

Ich habe Angst vor Roten Karten. Ich wurde in Brasilien zwei- oder dreimal vom Platz gestellt. So eine Phase möchte ich in Deutschland nicht erleben.

Vermutlich würden speziell Ihnen die Fans so etwas auch verzeihen.

Das ist ja das Allerschönste hier. Die Fans. Ich spüre ihre Zärtlichkeit. Sie treibt mich immer wieder neu an. Und ich werde Ihnen noch etwas sagen: Was die Meisterschaft anbelangt, habe ich meine Hoffnungen für dieses Jahr noch nicht aufgegeben. Die Entfernung zum Ersten ist nicht abschreckend groß. Wenn wir unser erstes Spiel in Dortmund gewinnen ...

lassen Sie sich Ihre Haare wieder färben. Derzeit sind sie blond, zwischenzeitlich waren die Haare blau. Wovon ist das abhängig?

Wir Brasilianer sind ein bisschen anders in solchen Dingen. Wir spielen nicht nur mit dem Gegner gern, sondern auch mit uns. Haarfarbe benutze ich vielleicht einmal im Monat. Aber ich glaube, ich werde sie blond lassen, weil sich die Fans daran gewöhnt haben.

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