Sport : „Ich stand kurz vor dem Aufhören“ Verletzungen und Selbstzweifel

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Von Oliver Trust

Einen Drückeberger haben sie Mehmet Scholl genannt und ihn verspottet, weil er „viel Wahres“ in Büchern über den Buddhismus gefunden hatte. Es müssen einsame Tage für ihn gewesen sein an der Säbener Straße in München, beim Aufbautraining auf dem Gelände des FC Bayern München. Und in den Arztpraxen, wo die Mediziner versuchten, seine Karriere zu retten, während die deutsche Nationalmannschaft in Korea und Japan bis ins Finale stürmte. Ohne ihn. Er hatte abgesagt, und keiner hatte verstanden, warum. „Keiner hat gewusst, wie es mir geht“, sagt Mehmet Scholl empört. „Mensch, ich stand kurz vor dem Aufhören.“

Er hat dann geschwiegen, trotz der Vorwürfe und der Schlagzeilen. „Es war mir egal, was die Leute denken. Es war die richtige Entscheidung, nicht zu fahren", sagt Scholl heute.

Mehmet Scholl ist 32. Ein reifes Alter für Fußballspieler. Und vor der WM, das war wohl seine letzte Chance auf ein einigermaßen ordentliches Ende der Laufbahn. „Jetzt wechsle ich den Verein nicht mehr. Mit 32 Jahren kauft mich keiner mehr“, sagt Scholl. Und dann, trotzig: „Ich muss keinem mehr etwas beweisen. Ich habe alle Titel außer dem des Weltmeisters gewonnen, wirklich alle.“ Meister, Pokalsieger, Weltpokalsieger, Europapokal, Uefa-Cup.

Wochen und Monate mit Verletzungen und Zweifeln liegen hinter Mehmet Scholl. Verklebte Bänder im linken Bein, Muskelfaserriss, Innenbandriss und dann der leichte Bandscheibenvorfall. „Ich habe auch zu früh wieder angefangen", sagt er. Dann eine lange Pause, als letzte Zuflucht für einen überanstrengten Sportler.

Am Ende der vergangenen Saison, als Regisseur Stefan Effenberg ausfiel und die Einnahmequelle Champions League für Bayern München auf dem Spiel stand, hatte er trotzdem gespielt. Er musste. „Ich konnte keine Linkskurve laufen“, erinnert er sich. „Ich musste mich erst ganz drehen und dann loslaufen". Ein grauenvolle Bilanz für einen, über den Klubkollege Ze Roberto einmal gesagt hat: „Mehmet ist eigentlich kein Deutscher, er ist mehr Brasilianer.“ Ein Dribbler eben, eine kreative Kraft, der die Abwehrspieler des Gegners zur Verzweiflung treibt.

„Wenn er fit ist, spielt er“, sagt sein Trainer Ottmar Hitzfeld. Heute, meint Scholl, fühle er sich gut, „sehr gut. Das war ein Aufbau von Grund auf, der immer noch nicht abgeschlossen ist". Noch zwickt es. Im Rücken und manchmal im Bein. „Wer nie gespielt hat, kann überhaupt nicht nachvollziehen, wie es ihm ging“, sagt Münchens Manager Uli Hoeneß. „Wir haben keinen Druck ausgeübt, damit er doch noch zur WM fährt. Er wußte genau, was er zu tun hatte.“

Jetzt muss sich Scholl dem Druck der neuen Konkurrenz im Bayern-Kader stellen. Ballack, Ze Roberto und vielleicht Deisler. Es wird eng in Mittelfeld und Angriff der Bayern. Nur gesund hat er da eine Chance. Und immer noch sind da ein paar Zweifel, wie es weitergeht und wie lange er gesund bleibt. Schaffen es die Muskeln, halten die Bänder und meldet sich der Rücken? „Ich bin in einer tollen Verfassung und fühle mich unheimlich wohl“, sagt Scholl. „Es passt im Augenblick alles“, meint er.

Scholl geht nun in seine elfte Saison in München – ohne weitere Belastungen durch Länderspiele. Nach 36 Einsätzen und acht Toren ist er zurückgetreten, weil es ihm der Körper mit eindeutigen Signalen befohlen hatte. „Die Entscheidung steht.“

Der Rest an Energie gehört dem Comeback. „Wir hoffen sehr, die ganze Arbeit zahlt sich aus“, sagt Hoeneß, der zu Scholl schon lange ein besonderes Verhältnis pflegt. Der Karlsruher gehört zur Familie. Wenn Scholl dem Manager frech über den Mund fährt, weil dieser Trainer Ottmar Hitzfeld unter Druck setzt, dann gibt es keinen Krach.

Mehmet Scholl sitzt beim Grillabend im Trainingslager in Otterstadt, einem kleinen Ort in der Nähe von Speyer, und lacht. Er erzählt Witze, und alle prusten. Man merkt: In solchen Momenten spürt er etwas von der Ausgelassenheit, die ihm in den vergangenen Monaten verloren gegangen war und die er für sein Spiel doch so dringend braucht. Einen „Artisten voller Geheimnisse“ hat ihn jemand einmal genannt. Er selbst sieht das so nicht. Er will nun einfach wieder Fußball spielen, ohne Schmerzen. Dafür hat er lange gegen Vorwürfe und Selbstzweifel angekämpft.

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