Sport : „Ich wäre gern unverfrorener“ Die Macht der 36

Promotor Sauerland vor dem Urkal-Kampf über die Zukunft deutscher Boxer

Stefan Hermanns

erklärt den wahren Konflikt im Deutschen Fußball-Bund Herr Sauerland, Sie hatten einmal die erfolgreichsten Boxer Deutschlands unter Vertrag. Jetzt ist Henry Maske Unternehmer, Axel Schulz tingelt durch alle möglichen Fernsehshows, Sven Ottke wird Golflehrer. Zurzeit stellen Sie mit Markus Beyer nur noch einen Weltmeister.

Am Samstag werden es zwei sein!

Was macht Sie so sicher, dass Ihr Halbweltergewichtler Oktay Urkal den Weltmeister Vivian Harris besiegt? Nur weil der Kampf im Berliner Tempodrom stattfindet, in Urkals Heimatbezirk Kreuzberg?

Nein, weil er der bessere Boxer ist. Schon im ersten Kampf gegen Harris…

… den Urkal im April knapp nach Punkten verlor…

…hatten ihn viele neutrale Beobachter als Sieger gesehen. Es war ein unglaublich enger Kampf, für mich bisher der Kampf des Jahres. Leider waren damals zwei der drei Kampfrichter Amerikaner, das war für Oktay gegen einen amerikanischen Titelverteidiger sicherlich kein Vorteil.

Welchen Stellenwert hat das deutsche Profiboxen heute im Vergleich zu den großen Zeiten von Henry Maske?

Das kommt darauf an, aus welcher Perspektive Sie das sehen. Wenn Sie nur die Spitze betrachten, war Maske eine Klasse für sich. Er steht über allen. Aber in der Breite sind wir in einer viel besseren Situation, als es etwa das Tennis nach dem Rücktritt von Becker und Stich war. Da wartet eine Reihe von Boxern mit Charisma auf ihre Chance.

Zum Beispiel?

Mit Nikolai Walujew, Cengiz Koc und Timo Hoffmann gibt es schon mal drei Leute im Schwergewicht, in den Klassen darunter haben wir Kai Kurzawa und die beiden Abraham-Brüder, von denen unser Trainer Uli Wegner sagt, dass sie die besten Boxer sind, mit denen er je gearbeitet hat. Glauben Sie mir, wir machen uns schon Gedanken, wie es mit dem Boxen in Deutschland weitergeht.

Sie sind bekannt dafür, vor allem deutsche Boxer zu fördern. Urkal ist in Berlin geboren, aber er trägt keinen deutschen Namen. Haben Sie damit ein Problem?

Überhaupt nicht. Oktay ist in Berlin eine Identifikationsfigur. Und er hilft uns, das türkischstämmige Publikum zu aktivieren. Sie werden sehen, was am Samstag los sein wird.

Ihr Hamburger Kollege und Rivale Klaus-Peter Kohl hat es sich recht einfach gemacht und einen Europameister verpflichtet, dem er gleich noch einen deutschen Namen verpasst hat. Seit vier Jahren nennt Adnan Catic sich Felix Sturm. Wird damit beim Heischen um nationale Interessen eine Grenze überschritten?

Nein, das kommt immer auf den Einzelfall an. Wenn der Catic lieber Sturm heißen will, ist das erst einmal seine Sache. Nur wenn man daraus eine Mode macht, wäre das bedenklich. Ich kann doch einem Oktay Urkal nicht einen deutschen Namen verpassen.

Urkal stand früher bei Kohl unter Vertrag.

Stimmt, aber wir haben ihn nicht abgeworben, wenn Sie darauf anspielen wollen. Oktay wurde damals keine Vertragsverlängerung angeboten. Ich vermute mal, da sollte der Preis gedrückt werden. In der Weltrangliste wurde der von Nummer drei auf Nummer sieben runtergestuft, ohne dass sich sein Management darum gekümmert hat. So etwas gibt es im Boxen einfach nicht. Da bin ich mit Uli Wegner auf Oktay zugegangen und habe ihm ein Angebot gemacht.

Der Transfer ging auch schon in die andere Richtung. Vor zwei Jahren hat Ihnen Herr Kohl Ihren Matchmaker Jean-Marcel Nartz ausgespannt.

Ja, das war schon eine seltsame Sache. Herr Kohl hat erst versucht, meine Boxer abzuwerben, das hat nicht geklappt. Dann wollte er meinen Trainer Uli Wegner haben, auch das ging schief. Bei Jean-Marcel Nartz hatte er dann endlich Erfolg. Im Nachhinein kann ich darüber nur froh sein, denn mit Hagen Doering haben wir einen hervorragenden Nachfolger gefunden, der dazu noch den Vorteil hat, dass er 30 Jahre jünger als Nartz ist.

Vielleicht gibt es bald neuen Ärger. Die Brüder Wladimir und Witali Klitschko drängen auf eine Trennung von Klaus-Peter Kohl. Sie sollen schon bei Ihnen angefragt haben, ob Sie in Deutschland nicht als Ihr Veranstalter auftreten könnten.

Darüber kann ich erst etwas sagen, wenn die juristische Auseinandersetzung zwischen Herrn Kohl und den Klitschkos beendet ist. Am 11. November ist eine neue Beweisaufnahme angesetzt. Ich kenne die beiden, es sind nette Jungs, wir spielen ab und zu mal Golf miteinander. Sie haben ja ihre eigene Vermarktungsagentur, aber für die Kampforganisation fehlt ihnen natürlich das Know-how.

Das haben Sie.

Ja, und wir würden auch gern helfen, auch wenn wir damit kein großes Geld machen können. Aber im Rahmenprogramm würden natürlich ein paar von meinen Jungs kämpfen.

Und der Prestigegewinn wäre auch nicht zu verachten. Immerhin würden Sie mit den Klitschkos die populärsten Kämpfer ihres ewigen Rivalen präsentieren.

Ach, das sehe ich nicht so verbissen.

Wirklich nicht? Sie haben sich mal als den FC Bayern des Boxens bezeichnet und Kohl als Unterhaching. Als der dann mit den Klitschkos groß rauskam, hat er gekontert: Jetzt ist Bayern abgestiegen und Unterhaching Meister.

Ja, das ging ein paar Mal hin und her zwischen uns. Wir verfolgen halt in etwa das gleiche Geschäft.

Neiden Sie Herrn Kohl etwas?

Gute Frage. Vielleicht wäre ich manchmal ganz gern so unverfroren, so kaltschnäuzig wie er. Ich bin halt ein Harmonie bedürftiger Rheinländer.

Dabei haben Sie mal gesagt, es sei dem Geschäft förderlich, wenn man mal einen kleinen Skandal produziert. Wann kurbeln Sie denn mal in diesem Sinne das Geschäft an?

Für Skandale müssten schon meine Boxer sorgen. Ich sage ihnen immer wieder: Lasst euch doch mal öfter scheiden, nehmt euch ein Beispiel an eurem Chef! Aber da ziehen die nicht nach, sie sind einfach zu brav, und das macht sie ja gerade so sympathisch.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und Michael Rosentritt

Es soll ja immer noch Menschen geben, die die Querelen um das Amt des DFB-Präsidenten in diesem Sommer für den großen Machtkampf im deutschen Fußball gehalten haben. Die folglich froh sind, dass heute mit der Wahl Theo Zwanzigers zum Kopräsidenten wieder Frieden einkehrt in die große Familie Deutscher Fußball-Bund. Das ist eine recht naive Ansicht. Sie ist schon deshalb naiv, weil gestern kurz vor der Eröffnung des Bundestages in Osnabrück noch zweifelhaft war, ob es überhaupt einen zweiten Präsidenten geben würde.

Wenn der Streit zwischen Theo Zwanziger und Gerhard Mayer-Vorfelder ein Machtkampf war, dann war es allenfalls der Stellvertreterkrieg in einem viel größeren Konflikt. Im Grunde stehen sich Amateure und Profis gegenüber, und letztlich sind sowohl Zwanziger als auch Mayer-Vorfelder die Vertreter der Amateure. Der eine – Zwanziger – mehr, der andere weniger. Die entscheidenden Differenzen gibt es zwischen dem DFB und der Deutschen Fußball-Liga. Rechtlich ist die DFL nur einer von 21 Landesverbänden des DFB , längst aber hat die Vertretung der 36 Profivereine ein Eigenleben entwickelt, das vom Dachverband nur noch bedingt kontrolliert wird. Das hat sich in Osnabrück wieder gezeigt.

Kurz vor Beginn des Bundestages haben die Mitglieder der Liga gegen den neuen Grundlagenvertrag mit dem DFB aufbegehrt. Er sah unter anderem eine Ausländerbeschränkung für die Profivereine vor. Dagegen wehren sich die Klubs. Und die DFL hat dem großen Dachverband, der Vertretung von sechs Millionen Freizeitfußballern in Deutschland, noch einmal eindeutig gezeigt, wer inzwischen die Macht im deutschen Fußball besitzt: Wenn ihr unserem Kompromissvorschlag nicht zustimmt, verweigern wir eurer Satzungsänderung die Zustimmung. Mit anderen Worten: Dann gibt es auch keinen Präsidenten Zwanziger. Man kann das Erpressung nennen. Oder einfach: die Realität.

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