Sport : „Ich wäre lieber Stürmer“

Daniel van Buyten über Ailton, seine Aufgaben als Kapitän des HSV und den Ehrgeiz, Meister zu werden

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Herr van Buyten, wann haben Sie erfahren, dass der HSV Ailton verpflichten will?

Das war vor ein paar Wochen, im Trainingslager. Unser Manager Dietmar Beiersdorfer und unser Trainer Thomas Doll haben mich gefragt, was ich von dieser Idee halte, ob Ailton zu uns passt und ob er eine Verstärkung ist.

Und?

Ich glaube, dass er uns helfen kann. Wir spielen ein bisschen so wie Werder Bremen vor zwei Jahren. Ailton wird bei uns die Räume bekommen, die er für sein Spiel braucht. Für mich ist es wichtig, dass der Verein einen Topstürmer geholt hat. Ob das jetzt Ailton ist oder ein anderer – egal. Er muss internationale Klasse haben und Tore schießen. Ailton hat in 200 Bundesligaspielen 100 Tore erzielt.

Aber Ailton ist auch als schwieriger Charakter bekannt. Ist der HSV schon stabil genug, einen wie ihn zu ertragen?

Präsident, Manager und Trainer haben lange mit Ailton gesprochen. Sie werden ihm gesagt haben, was unsere Pläne sind und dass er da mitziehen muss. Wenn ein Spieler klar im Kopf ist und sich wohl fühlt, wird er keine Probleme machen. Dann gibt es auch keine negativen Schlagzeilen. Ailton kommt in eine Mannschaft, die Zweiter ist. Ich habe keine Angst.

Ist es normal, dass Transfers mit Ihnen abgesprochen werden?

Als Thomas Doll bei uns Trainer wurde, hat er gesagt, dass er die Mannschaft verändern und dazu meine Meinung hören will. Er hat zu mir gesagt, dass er für alles offen ist. Wichtig ist, dass wir einen sehr guten Austausch haben. Als Spieler siehst du auf dem Platz bestimmte Dinge anders als einer, der außen steht. Trainer und Manager sind relativ jung. Sie wollen sich verbessern und den Verein nach oben bringen.

Der HSV geht also mit dem Ziel in die Rückrunde, Deutscher Meister zu werden?

Nein, der Verein hat das Ziel, unter die ersten fünf zu kommen.

Befriedigt Sie das? Sie sind so nah dran und dürfen doch nicht Meister werden wollen.

Das ist wie im normalen Leben: Das, was du hast, willst du nicht verlieren. Mein Ziel ist es immer, mich zu verbessern und das Beste zu erreichen. Das Team besteht aber nicht nur aus mir, sondern aus vielen Männern, und du kannst nie wissen, was jeder Einzelne im Kopf hat.

Sind Sie ein strenger Kapitän?

Das kommt drauf an. Es gibt Spieler, mit denen du schimpfst – und es wird schlechter. Und es gibt Spieler, die brauchen das. Mit der Zeit merkt man, wer wie reagiert.

Ihr Torhüter Stefan Wächter hat gesagt, dass Sie beim HSV zu einer Persönlichkeit gereift sind.

Das liegt an dieser Binde. Ich war immer schon ein Typ, der geradeaus ist. Aber als Kapitän kommt eine ganz andere Verantwortung hinzu. Ich investiere mehr für den HSV. Als der Verein mich verpflichtet hat, hat man mir gesagt, dass man um mich herum eine neue Mannschaft aufbauen wolle. Das hat mich schon beeindruckt. Hier wächst etwas. Der Verein hat Mut bewiesen und viele gute Spieler geholt. Wir wollen mal zu den Top Ten in Europa gehören. Und das Wichtigste ist: Der Verein macht, was er sagt.

Was ist der Unterschied zur Vorsaison?

Die Mannschaft hat eine neue Mentalität. Aus normalen Spielern sind jetzt richtige Gewinner geworden. Wenn wir heute unentschieden spielen, sehe ich in den Augen meiner Mitspieler, dass sie traurig sind: Mist, wir haben zwei Punkte verschenkt. Es ist gut, wenn wir in der Woche hart trainieren und uns schön fit machen, aber es zählt nur, dass wir am Wochenende diese verdammten drei Punkte holen. Wir brauchen Siege, nicht nur schöne Spiele.

Welche Rolle spielt Ihr Trainer Thomas Doll bei dieser Entwicklung?

Er lebt uns den Willen vor, den du brauchst, um nach oben zu kommen. Thomas war ein großer Spieler, und er ist auf dem Weg, auch ein großer Trainer zu werden. Manchmal macht er noch bei uns im Training mit. Wenn er einen Fehlpass spielt, beschimpft er sich selbst. Er versteht da keinen Spaß. In solchen Situationen machst du besser keinen blöden Spruch. Da sagst du dir: Wenn er schon zu sich selbst so streng ist, solltest du dir lieber keine Fehlpässe erlauben. Da gehst du lieber richtig konzentriert zur Sache.

Sie gelten als vorbildlicher Profi. Gibt es beim HSV überhaupt jemanden, der ehrgeiziger ist als Sie?

Ich glaube nicht. Ich bin von ganz unten gekommen: Ich habe bei einem Verein angefangen, der Letzter war in der letzten Liga in Belgien. In der Zeitung musstest du unsere Ergebnisse immer ganz unten suchen. Danach kam nichts mehr.

Woher haben Sie Ihren Ehrgeiz?

Ich hatte schon als Kind einen großen Willen. Für meine Mutter war wichtig, dass ich die Schule abschließe, Abitur mache, aber im Kopf hatte ich nur Fußball. Ich hatte keine Wahl. Für mich war klar, dass ich alles tun werde, um Profi zu werden, und ich bin dafür verlacht worden. Mein Vater hat mir gesagt: Du wirst viel schwitzen und auf viel verzichten müssen. Er selbst war Profisportler, er wusste, wovon er spricht. Wenn ich mal keine Lust hatte, war er hinter mir her. Wenn du deinen Vater so sehr liebst, willst du ihn auch nicht enttäuschen.

Haben Sie mal mit einem Mentaltrainer zusammengearbeitet?

Nein, aber ich habe mir vorgenommen, mich mit unserem Mentaltrainer zu unterhalten. Ich habe einige Fragen: Ich will wissen, was er denkt, was er sieht, von der Mannschaft, von mir. Und vielleicht hat er ja auch ein paar Fragen an mich.

Wer hat Ihnen diese Fragen bisher gestellt?

Ich bin mein eigener Mentaltrainer, früher war es mein Vater. Mein Vater hat mich immer wieder neu motiviert. Ohne ihn wäre es sehr schwer geworden, Profi zu werden. Natürlich liebt ein Vater seinen Sohn. Aber das Schlimmste ist, wenn du schlecht gespielt hast, und er dich trotzdem lobt. Mein Vater hat mich gefragt: Soll ich ehrlich sein? Und dann hat er losgelegt: Es war eine Katastrophe. Du bist doch keine Frau auf dem Platz. Guck dir die Zweikämpfe an, wo warst du? Du bist ein Schisshase. Manchmal hat er mich so kaputtgemacht, dass ich geheult habe. Das tat weh, aber heute danke ich ihm dafür. Ich habe den Charakter meines Vaters.

Ihr Vater war Catcher. Würden Sie sich heute trauen, gegen ihn anzutreten?

Er würde nicht gegen mich antreten. Mein Vater ist alt. Aber Angst hat er vor niemandem.

Hat Ihr Vater Sie manchmal beschützt?

Als Kind war ich sehr klein, trotzdem habe ich schon mit 16 bei unserem Dorfverein in der ersten Mannschaft gespielt. Ich erinnere mich an ein Spiel, in dem ich meinem Gegenspieler den Ball abgeluchst und vor Freude losgeschrieen habe. Mein Gegenspieler war 28 und einen Kopf größer als ich. Er hat mich angebrüllt: „Schnauze, du mit deiner Mädchenstimme! Da wird man ja taub!“ Er ist richtig aggressiv geworden. Ich war eiskalt, habe mich vor ihm aufgebaut und ihn von unten angeschaut. Er hat eine Kopfnuss angedeutet, zwei Sekunden später stand mein Vater neben ihm. „Das machst du noch einmal …“, hat er gesagt. Ich habe eine Gänsehaut bekommen.

Lebt Ihr Spiel allein vom Ehrgeiz?

Ich mache viel über Körpersprache und Ehrgeiz. Aber Charakter ist am wichtigsten. Ich will mich technisch verbessern, ich will besser laufen und besser schießen. Früher hatte ich Schwächen in der Drehung, aber ich habe daran gearbeitet. Warum? Weil ich es wollte. Und auf dem Platz will ich Zeichen setzen. Ich bin Kapitän und mich nervt, wenn einer nicht richtig reingeht. Deswegen spreche ich viel auf dem Platz. Meine Mitspieler sollen nicht nur wissen, dass ich hinter ihnen stehe, sie sollen es auch hören. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass das hilft.

Inwiefern?

In Marseille habe ich mit Frank Leboeuf gespielt. Etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren. Leboeuf war ein ausgezeichneter Lehrer. Er kam von Chelsea, hatte bei großen Vereinen gespielt, war Welt- und Europameister. Ich war 23, kam aus dem kleinen Belgien und war natürlich noch sehr unsicher. Leboeuf hat sehr viel mit mir gesprochen. Das hat mir geholfen, schneller besser zu werden. Ich habe mich einfach wohler gefühlt. So versuche ich es jetzt auch mit Khalid Boulahrouz. Er ist noch jung, aber seine Jungheit darf ihn nicht davon abhalten, Verantwortung zu übernehmen. Boula weiß wahrscheinlich gar nicht, wie gut er ist. Ich finde ihn wirklich sensationell. Er ist vielleicht der beste Spieler, den wir beim HSV haben.

Besser als Rafael van der Vaart?

Van der Vaart spielt vorne. Da stehst du einfach mehr im Mittelpunkt als wir Abwehrspieler. Die Spieler, über die am höchsten gesprochen wird, sind Stürmer: Ronaldo, Drogba, Eto’o. Eto’o ist unheimlich. Ich habe mal gegen ihn gespielt und ein bisschen gefühlt, wie er so ist. Die Ballannahme, seine Bewegungen – ich habe gedacht: Wow! Dabei war das ein Benefizspiel, und er hat nur 50 oder 60 Prozent gegeben.

Hört sich fast an, als wären Sie neidisch?

Ich bin schon ein bisschen traurig, dass ich nicht mehr vorne spiele. Fußball ist Tore schießen – nicht Tore verhindern. Es ist ein wahnsinniges Gefühl, Tore zu schießen. Aber das kannst du nur, wenn du auch vorne spielst. Als mich mein Trainer in der Jugend in die Abwehr gestellt hat, habe ich das so hingenommen. Mit dem, was ich heute weiß, würde ich zu ihm sagen: Nee, ich bleibe vorne.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Michael Rosentritt.

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