Sport : „Ich war zu vorsichtig“

Herthas Trainer Falko Götz über Risiko, die richtige Fußball-Taktik und Christoph Daum

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Herr Götz, Sie haben eine rasante Entwicklung erlebt: Im Sommer galten Sie noch als Verantwortlicher für den Abstieg von 1860 München aus der Bundesliga, in der vorigen Woche dann waren Sie schon ein potenzieller Meistertrainer.

Das ist beides sehr weit von der Realität entfernt. Außerdem ging es in dieser Saison ja auch hier nicht so berauschend los.

Nach fünf Unentschieden und dem Aus im Pokal …

… bin ich bei den Medien schon in die Kritik geraten.

Dieter Hoeneß hat gesagt, bei 1860 hätten Sie gelernt, mit Misserfolgen umzugehen. Hat Ihnen das bei Hertha geholfen?

Da muss ich widersprechen. Mit Misserfolg könnte ich nie leben. Ich habe aber in München die Erfahrung gemacht, dass es auch Rückschläge geben kann. Menschlich war das für mich sehr wichtig.

Haben Ihnen Leute in Berlin nach Ihrer Rückkehr aus München gesagt: Du hast dich verändert?

Ja, einige. Als ich hier vor drei Jahren zum ersten Mal Trainer wurde, war ich vollkommen unbelastet. Es gab keinen Druck, gar nichts. So haben wir auch Fußball gespielt. Bei Sechzig ging das nicht, weil ich nicht die spielerische Qualität hatte. Den Schalter dann wieder umzulegen auf Hertha BSC – das hat eine Weile gedauert. Am Anfang habe ich einfach zu vorsichtig spielen lassen. Allerdings hat uns das auch die defensive Stabilität gebracht, von der wir jetzt profitieren.

Wann waren Sie bereit, wieder mehr Risiko einzugehen?

Nicht, dass Sie das falsch verstehen: Die Defensive war wichtig. Ich konnte nicht einfach sagen: Wir machen einen Haken hinter die letzte Saison, und jetzt geht es immer ab nach vorne. Du kannst nur Risiko spielen, wenn du Selbstvertrauen hast. Am Anfang der Saison haben die Ergebnisse noch nicht gepasst, trotzdem hat die Mannschaft gemerkt: Wir stehen gut. Wir haben fast alle Spiele dominiert, und als wir das Risiko dann gesteigert haben, haben wir auch bessere Resultate erzielt.

Wie viel macht die Taktik am aktuellen Erfolg von Hertha aus?

Alles. Ohne taktische Grundordnung kannst du nicht Fußball spielen. Wenn du in dieser taktischen Grundordnung deine individuellen Stärken auf der richtigen Position einsetzt und durchsetzt, wirst du Erfolg haben.

Ist das System, das Sie Hertha jetzt verpasst haben, Ihr Wunschsystem? Oder ist es eher ein realistisches System, das man mit dieser Mannschaft spielen kann?

Ich arbeite mit hervorragenden Fußballern zusammen. Wir sind mit das Spielstärkste, was es in der Bundesliga gibt. Da muss man auch laufen lassen können. Trotzdem gibt es Regeln auf dem Platz, eine gewisse Ordnung.

Aber ist Herthas Heimschwäche nicht auch eine Folge des Systems mit dem massiven Mittelfeld und nur einem Stürmer? Im Grunde ist es das perfekte Auswärtssystem.

Das größere Problem sehe ich darin, dass andere Mannschaften bei uns genau das machen, womit wir auswärts erfolgreich sind. Die stehen sehr tief und versuchen, uns möglichst wenig Räume zu lassen. Selbst die Bayern stehen bei uns fest und wollen uns auskontern. Bei uns macht keiner mehr auf. Wir müssen daher zu Hause sehr viele offensive Zweikämpfe gewinnen, um Druck aufzubauen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass Marcelinho oder Gilberto oder Bastürk das Spiel entscheiden. Da müssen wir variabler reagieren.

Gibt es für Sie ein ideales Spielsystem?

Meine Ausgangsposition ist immer der Kader, den ich zur Verfügung habe. Es ist nicht wichtig, welches System wir spielen. Es ist wichtig, dass die Spieler wissen, welche Aufgabe sie in dem System haben. Bei uns können sie die meistens auch erfüllen.

Haben Sie eine Idee vom perfekten Fußball?

Die habe ich, aber wann trifft man die schon? Wir haben gegen Mönchengladbach 6:0 gewonnen, aber ich habe noch genug gefunden, was kein perfekter Fußball war. Das ideale Spiel wird es nie geben. Das wäre ein Spiel ohne Fehler.

Wie bilden Sie sich taktisch weiter?

Indem ich Fußball beobachte, Spieler und Systeme. Es gibt eine Flut von Spielen im Fernsehen.

Im Fernsehen sieht man vieles nicht.

Ich bin auch oft im Stadion. Vor zwei Wochen habe ich mir Deutschland gegen Argentinien angeschaut. Das ist eine wunderschöne Sache, wenn man, komplett ohne Druck, im Stadion sitzen kann und einfach mal zuguckt.

Könnten Sie ad hoc die taktische Grundordnung vom FC Chelsea aufs Papier malen?

Ja, könnte ich. Letzte Woche gab es im „Kicker“ einen schönen großen Artikel über Chelsea. Da steht alles drin.

Ist Chelsea im Moment die reifste und modernste Mannschaft in Europa?

Sagen wir so: Da ist eine Mannschaft ohne jegliche finanzielle Zwänge zusammengestellt worden, mit einem Trainer, der es versteht, die Positionen mit den richtigen Spielern zu besetzen.

Reden Sie nicht gerne über taktische Dinge?

Öffentlich ist es schwierig, weil ich sehe, was medial daraus entstehen kann. Ich werde mich nie an die Taktiktafel stellen und zeigen, wo es lang geht. Ich habe doch mitbekommen, was bei anderen Kollegen daraus gemacht wurde.

Sie meinen Ralf Rangnick, der im Sportstudio mal die Viererkette erklärt hat.

Der ist vorgeführt worden. Das muss ich nicht haben. Dass ich an der Taktiktafel arbeiten kann, sieht man jeden Samstag. Aber ich würde das nicht öffentlich tun, nur damit irgendwelche klugen Leute sagen können: Guck mal, der tut, als hätte der den Fußball erfunden! Ich glaube, dass viele Kollegen genauso denken.

Dann stellen Sie sich und Ihre Arbeit öffentlich anders da, als sie in Wirklichkeit sind?

Mag sein. Aber da richte ich mich nach dem, was von mir verlangt wird.

In den vergangenen Monaten sind die jungen Trainer Klopp, Rangnick, Doll und Sammer als Vorreiter des modernen Fußballs gefeiert worden. Ihr Name ist in diesem Zusammenhang nie genannt worden. Haben Sie nicht den Anspruch, modernen Fußball zu spielen?

Doch, den Anspruch habe ich – weil ich modernen Fußball spiele. Was beeinflusst mich da, wer welche Meinung von mir hat?

Welcher Ihrer vielen Trainer war aus heutiger Sicht der modernste?

Christoph Daum. Er hat immer geguckt, welches Spielermaterial er hat und daran sein System und seine Taktik ausgerichtet. Das war das Überragende an seiner Arbeit. Den gleichen Ansatz habe ich auch.

Das Gespräch führten Stefan Hermanns und Friedhard Teuffel.

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