Sport : „Ich werde mein Talent nicht ruinieren“

Alexandar Mladenow über die neue Zuversicht bei Hertha, sein Talent, eine Kopfwäsche und das Grätschen

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Herr Mladenow, verraten Sie uns, wie Sie mit Drucksituationen umgehen?

Oh, Sie zielen mit Ihrer Frage auf die augenblickliche Situation bei Hertha BSC ab. Wir haben einen schlechten Bundesligastart hingelegt. Das heißt aber nicht, dass das ganze Rennen schlecht laufen muss. Das Spiel in Bochum war ein positiver Schritt.

Während die gestandenen Profis im Team Probleme haben, spielen Sie wie entfesselt auf. Was macht Sie so unbekümmert?

Ich bin zur Zeit sehr gut drauf, das spüre ich. Daraus ziehe ich Selbstvertrauen. Meine innere Bereitschaft ist gewachsen, und wenn man im Kopf weiß, dass man alles gegeben hat, kann eigentlich nichts schief gehen.

Heißt das im Umkehrschluss, dass die Spieler, die momentan nicht ihr Leistungsniveau erreichen, nicht alles geben?

Um Gottes Willen, nein. Jeder von uns will alles geben, strengt sich an und ist bemüht. Langsam spielen wir wieder Fußball. Das macht mich zuversichtlich.

Heute Abend spielt Hertha im UefaCup. Hertha hat bisher noch kein Spiel gewonnen.

Auch wenn wir Groclin Grodzisk schlagen, was ich glaube, bleibt der Druck hoch, das erste Bundesligaspiel zu gewinnen. Am besten schon am kommenden Sonntag gegen den Hamburger SV. Aber der Druck ist doch immer da. Hertha ist der Klub der Hauptstadt. Von mir wurde nicht so viel erwartet wie von neu verpflichteten Spielern und anderen Stammspielern. Wir wissen alle, dass es bisher nicht so gut gelaufen ist, aber wir glauben an uns.

Vor allem glaubt Hertha jetzt an Sie?

Wie meinen Sie das?

Bis vor kurzem galten Sie noch als hoch begabter Schnösel, der dabei war, sein Talent zu verschludern.

Ich kenne diese Vorwürfe. Ich war nicht immer mit der richtigen Einstellung dabei. Als ich nach Berlin kam, war ich 17. Das soll keine Ausrede sein. Aber ich war einsam, hatte Heimweh. Ich wurde unzufrieden und war unglücklich. Meine Familie, die ich brauche, lebt weit weg, in Sofia. Meine Freundin auch. Ich habe hier die Sprache gelernt und trainiert, aber mein Kopf war nicht dabei. Ich war unkonzentriert. Aber diese Zeit ist vorbei. Der Manager und der Trainer haben sich lange mit mir unterhalten ...

... und Sie einer Kopfwäsche unterzogen?

Ich nenne es anders. Sie haben mir Ratschläge gegeben und Vorschläge unterbreitet, mit denen ich sehr einverstanden war.

Was haben sie Ihnen denn so geraten?

Dass ich beispielsweise ein bisschen auf dem Teppich bleiben soll.

Plötzlich stehen Sie, der frühere Pflegefall, als Symbol für die Wende bei Hertha BSC. Die Spieler, die führen sollten, stecken in der Krise, und der, den es zu führen galt, führt jetzt selbst aus der Krise.

Halt, halt! Ich führe nicht. Ich orientiere mich an Spielern wie Kapitän Dick van Burik und anderen Persönlichkeiten im Team. Ich höre genau zu, was sie sagen. Ich gucke mir viel ab, jede Kleinigkeit will ich lernen.

Sie verlassen sich nicht mehr auf Ihr Talent?

Ohne Anstrengungen bringt es gar nichts.

Man hat Ihnen vorgeworfen, dass Ihnen alles zugeflogen, in den Schoß gefallen ist – das Talent, der Profivertrag, das Geld.

Es gibt viele junge Talente, die es gut hatten, die es nicht geschafft haben. Ich habe erkannt, dass ich Fehler gemacht habe. Ich würde es mir nie verzeihen, mein Talent zu ruinieren.

Fühlten Sie sich verkannt?

Manchmal habe ich das gedacht. Jetzt weiß ich, dass ich energisch an mir arbeiten muss.

Sie werden auch grätschen müssen!

Hm, wenn es nötig ist, wenn es der Mannschaft hilft, ja.

Können Sie sich überhaupt quälen?

Das muss ich, um Erfolg zu haben. Und das werde ich auch.

Der Trainer hat Ihnen vorgeworfen, dass Sie zu ballverliebt sind.

Ich weiß. Fußball war schon als Kind meine absolute Liebe. Es ist ein tolles Gefühl, wenn du Gegner ausspielst, wenn dir ein Beinschuss gelingt oder du einen guten Pass spielst. Aber diese schönen Dinge zählen nicht, nicht im Profigeschäft. Die Dinge, die Manager und Trainer mit mir besprochen haben und die ich jetzt angenommen habe, waren keine Neuigkeiten für mich. Das hat mir schon mein Vater mitgegeben.

Der war bulgarischer Nationalspieler, spielte als Profi jahrelang in Portugal und ist jetzt Trainer von ZSKA Sofia.

Ja, und ich hoffe, dass wir im Uefa-Cup aufeinander treffen. Mein Vater hat mich nie gedrängt, Fußballer zu werden. Und dass ich in Portugal aufgewachsen bin, hat mich geprägt. Wir haben von früh bis spät am Strand Fußball gespielt. Auf dem Weg zur Schule habe ich nur an das Ende der letzten Stunde gedacht. Ich glaube, ich spiele Fußball wie ...

… Marcelinho, mit dem Sie sich in seiner Muttersprache sehr gut unterhalten können?

Nein, ich kann mich nicht mit ihm vergleichen. Nicht mit meinen drei Spielen.

Marcelinho wird bald wieder ins Training einsteigen. Fürchten Sie seine Rückkehr?

Wie kommen Sie darauf? Ich freue mich, wenn er zurückkommt. Er ist sehr wichtig für uns. Aber ich weiß nicht, warum die Leute denken, dass ich dann nicht spielen werde?

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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