Sport : Ignorierte Warnsignale

Der Sturz des Skispringers Mazoch weckt bei Thomas Morgenstern Erinnerungen an seinen eigenen Unfall

Frank Bachner

Berlin - Seine eigenen Bilder tauchten erst auf, als Thomas Morgenstern die Zeitung las. Er sah das Foto mit dem regungslos daliegenden Jan Mazoch, Sekunden nach dessen Sturz; das erschütternde Bild des Skisprung-Weltcups in Zakopane. Morgenstern sollte kurz nach Mazoch von der Schanze und rein in die Böen, die über die Anlage jagten. Aber Morgenstern, der Doppel-Olympiasieger von 2006 aus Österreich, musste nicht mehr springen. Der Wettkampf wurde abgebrochen. Morgenstern wollte über die Schanze, der 20-Jährige hatte weder von den Böen noch von Mazochs Sturz „viel mitbekommen“. Sonst hätte er sich wohl schon in diesem Moment an seine eigene Geschichte erinnert: den fürchterlichen Sturz von Kuusamo, Finnland.

Morgenstern denkt nur noch selten an damals, an das Weltcup-Springen am 29. November 2003. „Ich habe das gut verarbeitet“, sagt er. Bis er das Foto von Mazoch sah, den Tschechen, der sich eine Schädelprellung zuzog und immer noch im künstlichen Koma liegt. „Da konnte ich nichts mehr verdrängen“, sagt Morgenstern. Auf den Fotos, die es von ihm aus Finnland gibt, landet er mit dem Kopf auf dem Boden, da liegt er wie tot im Auslauf, umringt von Sanitätern und Ärzten. Das konnte man sehen. Die beklemmende Stille im Stadion und das Entsetzen der Zuschauer konnte man nur erahnen. Aber es fiel nicht schwer.

Morgenstern war damals 17 Jahre alt, ein Riesentalent, zu unbekümmert, um Warnsignale zu akzeptieren. Ein starker Wind wehte an diesem Tag, und „jeder hatte den Schwanz eingezogen“, auch die Routiniers. Ein Alarmzeichen für Neulinge. „Aber ich“, sagt Morgenstern, „witterte gerade dadurch meine Chance. Ich war extrem risikobereit.“ Er hatte zuvor schon ein Warnsignal ignoriert. „Vor dem Sprung sah ich in der Fantasie Bilder von mir, Bilder von einem schweren Sturz.“ Das hatte er noch nie erlebt. Aber er verdrängte diese Szenen. Später fragte er sich, ob er gerade wegen der Vorahnung stürzte, ob er sich wegen dieser Vorstellung unbewusst dafür programmierte. Eine Antwort fand er nie.

Die Schanze war in gleißendes Licht getaucht, als er am Schanzentisch abhob, es war noch Nachmittag, aber es war schon dunkel. Morgenstern legte sich zu schnell nach vorne, der Aufwind von schräg unten drückte die Ski noch stärker an seinen Körper, er verlor die Stabilität, der Sprung wurde zum unkontrollierbaren Sturzflug. „Da kann man nichts mehr ausgleichen“, sagt Morgenstern.

Er knallte so brutal auf die Piste, dass sich ein Fernsehreporter entsetzt fragte, ob der Österreicher sich das Genick gebrochen habe. Morgenstern kann sich an den Aufprall nicht mehr erinnern, er weiß nur, dass „das Abrutschen am Hang fürchterlich wehtat“. Er lag zwar leblos auf dem Schnee, aber wie durch ein Wunder war ihm nichts Ernsthaftes passiert. Er hatte Prellungen am ganzen Körper und eine leichte Gehirnerschütterung, aber mehr war nicht. Auf dem Weg zum Rettungswagen, als er wieder ansprechbar war, verlangte der Österreicher ein Handy, dann teilte er seinen Eltern mit, dass es ihm einigermaßen gut gehe. Eine Nacht lag er im Krankenhaus von Kuusamo, allerdings nur zur Beobachtung.

Vier Wochen später sprang er wieder, zum Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf wurde er gleich Zweiter. Kein Psychologe half ihm bei der Verarbeitung seines Sturzes, er habe auch keinen benötigt, sagt er. „Mir war ja nichts passiert. Ich weiß aber nicht, wie es ausgesehen hätte, wenn ich schwer verletzt gewesen wäre.“ Jetzt, da er alles weiß über Mazochs Sturz und die Böen von Zakopane, sagt Morgenstern: „Ich bin doch sehr froh, dass man abgebrochen hat.“

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