Sport : Ihr bleibt immer Paris

Mit 37 springt Heike Drechsler bei der EM und spricht schon von der WM 2003

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Von Frank Bachner

Berlin. Heike Drechsler liegt am Strand auf dem Rücken und hat das rechte Bein angewinkelt. Sie trägt hochhackige Schuhe und einen knappen Badeanzug. Es ist keines dieser erotischen Fotos, für die Sportlerinnen sonst so posieren. Heike Drechsler wirkt nicht lasziv, sondern lässig. Mehr Erotik empfände sie wohl als unpassend. Selbst bei ihren Nacktfotos für die Anti-Pelz-Kampagne einer Tierschutzorganisation gibt sie nichts von sich preis. Das sollen die Jüngeren machen, die 20-Jährigen. Heike Drechsler ist 37 und hat einen zwölfjährigen Sohn.

Aber natürlich transportiert sie eine Botschaft mit solchen Fotos. Sie will zeigen, dass es für sie auch eine Welt ohne Sport gibt. Und sie will auch beweisen, dass eine fast 40-Jährige noch einen schönen Körper haben kann. Doch dass sie überhaupt mit ihrem Körper kokettiert, besser gesagt: dass sie das Gefühl hat, damit kokettieren zu müssen, das ist die eigentliche Botschaft dieser Bilder. Heike Drechsler ist zweimalige Olympiasiegerin im Weitsprung, zweimalige Weltmeisterin, viermalige Europameisterin, 1999 sogar zur Leichtathletin des Jahrhunderts gewählt. Aber die Titel bestimmen nicht mehr allein das öffentliche Bild der Heike Drechsler. Wer von ihr redet und von ihren Leistungen schwärmt, schiebt immer diesen Zusatz nach: und das in dem Alter.

Heike Drechsler stört dieses Bild ganz gewaltig. Sie würde das so offen nie zugeben, sie deutet es auf ihre nette, charmante Art an. Als bei den Deutschen Meisterschaften 2001 in Stuttgart eine Journalistin die Weitspringerin suggestiv fragte, nach der EM 2002 in München, die heute beginnt, da sei doch dann aber ganz bestimmt Schluss, da antwortete Heike Drechsler, dass sie das jetzt noch nicht sagen könne. Und gerade hat sie mitgeteilt, dass sie sich in München auf keinen Fall vom Sport verabschiede.

Warum sollte sie auch? Wegen des Alters? Also bitte, sie wurde in Sydney noch mal Olympiasiegerin im Weitsprung. Da war sie 35. Sie sprang 6,99 m, eine Weite, die ihr kaum noch jemand zugetraut hatte. Damals, vor den Spielen, starrten alle auf ihre Bilanz von 409 Sprüngen über die Sieben-Meter-Marke. Alle sagten, sie werde nie mehr die sieben Meter übertreffen. „Ich will nicht in der Grube sterben, aber warum soll ich aufhören, wenn ich noch mal Medaillen gewinnen kann“, hat sie später verkündet. Medaillen sagte sie, nicht „eine Medaille“. In München hat sie auf jeden Fall eine Medaillenchance. Am Mittwoch ist das Finale im Weitsprung. Vielleicht wird sie sogar Europameisterin. Was besagt es schon, dass die Russin Tatjana Kotowa mit 7,42 m die Jahresbestenliste anführt und 2002 mehrmals über sieben Meter gekommen war. 2000 hatte Heike Drechsler auch Marion Jones besiegt, die überragende Weitspringerin in jenem Jahr.

Heike Drechsler ist vor kurzem, beim EM-Test in Leverkusen, 6,85 m gesprungen. Das war deutsche Jahresbestleistung. „Die erste richtige Weite in dieser Saison“, sagte sie begeistert. Schließlich hatte sie eine langwierige Wadenverletzung und Trainingsrückstand. Doch jetzt fühlt sich Heike Drechsler wieder gut. Jedenfalls sagt sie das: „Ich habe gute Kraftwerte, bin schnell, der Anlauf passt. Jetzt will ich Tatjana Kotowa Paroli bieten." Vor allem aber will sie es all denen zeigen, die sie als Sport-Oma, die überraschend weit springen kann, betrachten.

Früher ging sie selbstironisch mit ihrem Alter um. Da musste sie noch nicht so hart gegen dieses Bild der Oma ankämpfen. Schon als 32-Jährige hatte sie gesagt: „In meinem Alter klappert es halt ein bisschen mehr als bei anderen.“ Aber wer ihr gut zuhörte, der wusste schon damals, wie gereizt sie mitunter auf dieses Alter reagierte. Sie saß  in der Stuttgarter Schleyer-Halle bei einem Sportfest und erzählte, wie eine Journalistin sie acht Wochen zuvor nach ihrem Alter gefragt habe. Das empfand sie als ungehörig. „Eine Dame fragt man doch nicht nach ihrem Alter“, sagte Heike Drechsler in Stuttgart, als wäre sie schon in den Wechseljahren. Sie war gerade mal 31.

Jetzt ist Heike Drechsler 37 und sagt: „Wegen des Geldes müsste ich nicht weitermachen. Mir geht es blendend.“ Sie macht weiter, weil sie wahrscheinlich doch ein bisschen Angst vor dem Leben nach dem Sport hat – und weil sie noch Weltklasse ist. 2003 sind die Weltmeisterschaften in Paris. „Paris?“, sagt Heike Drechsler, „klar denke ich an Paris."

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