Sport : Ihre nordische Botschaft

Claudia Pechstein trainiert künftig in Norwegen – und fährt am Wochenende zum ersten Mal mit der Fähre

Sven Goldmann

Berlin - Claudia Pechstein sagt: „Irgendwann muss man die Sätze, die man mal gesagt hat, überstülpen.“ Das ist kreativ formuliert und bedeutet wohl so viel wie: Was schert mich mein Geschwätz von gestern? Mit dieser Maxime hat Konrad Adenauer in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Politik gemacht.

Claudia Pechstein ist bekennende CDU-Sympathisantin, vor drei Jahren hat sie in der Bundesversammlung Horst Köhler mit zum Bundespräsidenten gewählt. Damals hat sie noch geschworen, nie, nie, nie in diesem Eisschnellläufer-Leben unter einem anderen Trainer als Joachim Franke zu arbeiten. Doch Franke ist jetzt 67 Jahre alt und mag nicht mehr. Claudia Pechstein müsste also aufhören. Mit fünf olympischen Goldmedaillen und immerhin auch schon 35 Jahren ließe sich so ein Rücktritt gut begründen. Aber sie will weitermachen, auf jeden Fall bis zur Weltmeisterschaft 2008 in ihrer Heimatstadt Berlin, vielleicht sogar bis zu Olympia 2010 in Vancouver. Sie sagt, sie habe immer noch Spaß auf dem Eis. Was sie nicht sagt: Sie kann auf diese Weise auch die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) ärgern. Denn Claudia Pechstein setzt ihre Karriere nicht in Deutschland fort. Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin geht nach Norwegen.

Zur Verkündung dieser Nachricht hat Pechsteins Manager Ralf Grengel in die norwegische Botschaft geladen. Grengel sagt, es sei ein Armutszeugnis für die DESG, dass sie der besten Läuferin kein angemessenes Trainingsumfeld bieten könne. Es habe nicht mal einen Anruf gegeben. „Aber das bin ich ja gewöhnt“, sagt Claudia Pechstein. Neben ihr sitzt Norwegens Botschafter. Björn Tore Godal freut sich, denn „Claudia ist bei uns sehr bekannt und beliebt, sie wird bewundert“. Wahrscheinlich wundert er sich, dass es in Deutschland anders ist. Die Deutsche Presseagentur titelt am Mittwoch: „Claudia Pechstein flieht nach Norwegen.“

Der Krach ist so neu nicht. Mal ging es um Pechsteins Sponsoren, dann passte ihr der Bundestrainer nicht, und überhaupt nichts anfangen kann sie mit dem neuen Konzept des Verbandes, nach dem Frauen und Männer getrennt voneinander trainieren. Da fehle der Speed, schon in der vergangenen Saison seien ihr die Männer in ihrer Berliner Trainingsgruppe zu langsam gewesen, wie solle das erst aussehen, wenn sie nur noch mit deutlich schwächeren Frauen laufe?

Hier treffen sich ihre Interessen mit denen von Anni Friesinger, ihrer Lieblingsfeindin aus alten Zickenzofftagen. Die Bayerin Friesinger trainiert mittlerweile in den Niederlanden. „Sie hat mich sogar gefragt, ob ich nicht mitmachen will“, erzählt Claudia Pechstein, aber das sei irgendwo zwischen Eisoval und Bankett gewesen, „ich habe es nicht weiter ernst genommen“. Holland sei nie ein Thema für sie gewesen, für die Holländer wohl auch nicht, „sonst hätten die mal gefragt“.

Also hat Pechstein selbst gefragt. Franke hat einen guten Draht zum norwegischen Nationaltrainer Peter Mueller, einem Amerikaner, der auch mal Bundestrainer war. Franke sagt, Mueller arbeite ähnlich wie er, „Claudia wird dort ein sehr gutes Umfeld vorfinden“. Sie trainiert mit der Nationalmannschaft und wohnt bei der Spitzenläuferin Maren Haugli (das wäre bei Anni Friesinger problematisch gewesen). Ihren genauen Wohnort hat sie nicht zur Hand, „er steht in einer E-Mail, na ja, ich habe ein Navigationssystem im Auto und finde das schon irgendwie“. Am Samstag werde sie „ganz früh aufstehen“ und mit der Fähre von Kiel nach Oslo übersetzen, „das wird sehr aufregend, ich bin noch nie mit einer Fähre gefahren“.

Claudia Pechstein erzählt von ihrer Reise zur neuen Eisschnelllauf-WG wie eine Studentin vom Auslandssemester. Nur dass sie nicht von Bafög leben muss. Manager Grengel sagt, die DESG beteilige sich ein wenig an den Kosten, es könne ja auch nicht angehen, „dass Claudia das alles aus eigener Tasche bezahlt“.

Gewiss verdankt die DESG viel ihrer Reputation den Erfolgen der Läuferin Pechstein, aber die ist durch das Eisschnelllaufen Millionärin geworden. Zur Abschiedsveranstaltung hat sie alle ihre Sponsoren mit in die Norwegische Botschaft gebracht. Ein Mobilfunker schenkt ihr ein Handy, ein Getränkefabrikant vergleicht ihre Energie mit der seines Fitnesstrunks. Zum Schluss kommen alle zusammen mit dem Botschafter aufs Abschiedsbild.

Aber was heißt schon Abschied? Claudia Pechstein sagt, sie werde weiter für ihren Verein Eisbären Juniors starten und öfter mal zum Training nach Berlin reisen. Und der Kontakt zu Joachim Franke wird auch nicht abreißen. Er hat ihr auch die Trainingspläne für den Sommer geschrieben. Was sich 16 Jahre lang bewährt habe, müsse man nicht ändern, findet Claudia Pechstein, „da sage ich: keine Experimente!“ So hieß Konrad Adenauers Kampagne im Bundestagswahlkampf 1957.

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