Im Abstiegsduell : Sogar Köln gewinnt bei Hertha

Im Duell der abstiegsbedrohten Klubs unterliegt Hertha BSC im Olympiastadion dem destruktiven 1. FC Köln 0:1. Die Hoffnungen auf den Klassenerhalt werden für das Team von Trainer Friedhelm Funkel immer geringer.

Sven Goldmann
Hertha BSC - 1. FC Köln
Selten vorn, aber erfolgreich. Milivoje Novakovic setzt sich gegen Steve von Bergen (r) und Nemanja Pejcinovic durch.Foto: dpa

So viel man weiß, war Lucien Favre nicht im Olympiastadion. Macht nichts, aus für gewöhnlich exzellent spekulierenden Kreisen weiß diese Zeitung, was der Schweizer Fußballlehrer gesagt hätte. Über den alles entscheidenden Augenblick bei jener 0:1-Niederlage gegen den 1. FC Köln, die seinen ehemaligen Arbeitgeber am Sonntag ein Stück näher an den Rand der Bundesliga-Existenz schob. Alors, das fiktive Wort hat Monsieur Favre: Es ist klar: Die Balleroberung war nicht gut. Die Kölner sind gefährlich bei den Standards, Novakovic ist sehr groß, guter Kopfballspieler, das wussten die Spieler, deswegen ist es sehr schwer zu akzeptieren diese Niederlage.

Favres Nachfolger Friedhelm Funkel hat das am Sonntag so ähnlich gesagt, allerdings nicht mit dem charmanten frankoschweizer Zungenschlag und eher in der Diktion der Fankurve. „Im Moment hast du die Scheiße am Fuß“, befand Funkel. Es lief die 79. Spielminute, als sich die Fußballmächte der Welt mal wieder gegen Berlins Bundesligisten verschworen hatten. Mit schlechter Balleroberung (vulgo: Foul) verursachte Lukasz Piszczek jenen Freistoß, den Lukas Podolski in den Berliner Strafraum hob, direkt auf den Kopf von Milivoje Novakovic, der höher sprang als Nemanja Pejcinovic und den Ball mit der Stirn ins Tor wuchtete.

Wen interessierte es schon, dass es die einzige Torchance einer an Destruktivität schwer zu überbietenden Kölner Mannschaft war? Was zählt, ist der Kölner Sieg, oder, aus Berliner Sicht noch schlimmer: Herthas neuerliche Niederlage, es war die zehnte im zwölften Bundesligaspiel. Man kann sich ausmalen, was das für das Selbstvertrauen der Darsteller unten auf dem Rasen bedeutet. Gegen wen wollen wir denn noch gewinnen, wenn nicht gegen diese Kölner, die so schwer kriselten, dass sie gar nicht mal versuchten, Fußball zu spielen? (Auch diese Passage ist frei erfunden, was daran liegt, dass sich keiner der Herren in den blau-weißen Leibchen über die schwer zu ertragenden 90 Minuten äußern wollte.)

Der Rückenwind vom 3:2 in der Europa League in Heerenveen, er war nicht stark genug für einen Aufschwung im Ligaalltag. 13 Wochen und noch mal einen Tag wartet Hertha in der Bundesliga nun schon auf einen Sieg. Damals gab es ein 1:0 über Hannover 96, am 8. August. Hertha stürmte, Hertha kämpfte und hatte Pech bei zwei Pfostenschüssen von Raffael. Der Brasilianer war auch am Sonntag vor 48 623 Zuschauern wieder der beste Herthaner, er sah zu allem Berliner Unglück die fünfte Gelbe Karte und fällt damit für das nächste Spiel in Stuttgart aus. Der Verzicht auf Raffaels Schüsse, Ideen und Dribbling trifft Hertha schwer. Denn, so viel Ehrlichkeit muss sein: Mit dem Fußballspielen war es auch gegen Köln nicht weit her.

Friedhelm Funkel durfte sich allein an der schönen Statistik festhalten. 16:2 Torschüsse, 8:1 Ecken, 15:6 Flanken, 55 Prozent gewonnene Zweikämpfe – das klingt schöner als zwei andere Werte, die die gut sortierten Datenbanken am Sonntagabend präsentierten. Erstens: Seit 441 Minuten hat Hertha in dieser Saison kein Tor mehr geschossen. Zweitens: In 46 Jahren Bundesliga hat noch keine Mannschaft, die nach zwölf Spieltagen vier Punkte oder weniger beisammen hatte, den Abstieg verhindert. „Dann werden wir eben die erste Mannschaft sein, die das schafft“, sagte Funkel.

Erst einmal wird der Fast-Meister der vergangenen Saison 13 weitere Tage souverän Platz 18 behaupten, bis es nach der Länderspielpause mit einem Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart weitergeht. Es steht zu erwarten, dass es Hertha BSC dann immerhin mit einem Gegner zu tun hat, dessen Interesse am Zustandekommen eines Fußballspiels nicht gegen Null tendiert. Die vor Saisonbeginn so hoch eingeschätzten Kölner hatten vom Anstoß weg nichts anderes im Sinn, als dieses 0:0 über die Zeit zu bringen. Dass ihnen am Ende noch mehr gelang, werden sie im Rückblick wahrscheinlich selbst kaum verstehen. „Schön, dass wir die drei Punkte haben, aber so viel Glück hast du nicht jeden Tag“, gab Nationalspieler Podolski zu.

Was den Willen angeht und die Kampfkraft, kann man Hertha BSC schwerlich einen Vorwurf machen. Nach einer Viertelstunde schoss Raffael aus 16 Metern knapp vorbei, und kurz vor der Pause gelang dem Brasilianer das bedauernswerte Kunststück, binnen sechs Sekunden gleich zweimal den Pfosten zu treffen. Erst aus gut 30 Metern und dann vom Elfmeterpunkt, nachdem der Ball über eine billardähnliche Rochade den Weg zurück auf seinen Fuß gefunden hatte.

In der zweiten Halbzeit erhöhte der Tabellenletzte noch einmal den Druck. Abermals hatte Raffael Pech bei einem Schuss, Piszczek erging es genauso, dann verweigerte Schiedsrichter Rafati Hertha nach einem Foul an Raffael einen durchaus möglichen Elfmeter. Was folgte, war Kölns einzige Torchance, sie entsprang nicht mal einen gekonnten Spielzug, sondern einem Freistoß. Podolski auf Novakovic, Kopfball, Tor. So einfach und unromantisch kann Fußball sein.

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