Sport : Im Auftrag Seiner Majestät

Ganz Schweden, sogar die Königsfamilie, hat Henrik Larsson zum Comeback bewogen. Zu Recht

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Lissabon – Es war ein klarer Fall von Kompetenzüberschreitung, der letztlich dazu führte, dass sich Bulgariens EMAuftaktspiel zu einer nationalen Tragödie auswuchs. Denn eigentlich hätte Henrik Larsson am Montag gar nicht auf dem Platz stehen dürfen. Er hätte in der Sonne liegen, mit seinem Sohn spielen oder sonst was tun können, aber nicht zwei Tore beim 5:0-Sieg Schwedens über Bulgarien in Lissabon schießen sollen. Nach der Weltmeisterschaft 2002 hatte sich der damals 30-jährige Stürmer den Strapazen schließlich nicht mehr gewachsen gefühlt und seinen Rücktritt aus dem Nationalteam verkündet.

Seinen Anfang nahm Bulgariens Debakel also im Büro von Lennart Johansson. Der hat sich als Präsident des Europäischen Fußballverbands (Uefa) eigentlich nicht in nationale Belange einzumischen, Henrik Larsson Ende des vergangenen Jahres aber trotzdem einen Brief geschickt. In dem bat er ihn, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken. „Schön, wenn man vom mächtigsten Mann im europäischen Fußball einen Brief bekommt“, sagte Larsson. „Aber das ändert nichts.“ Er irrte. Denn er hatte in diesem Moment die Hartnäckigkeit seiner Landsleute unterschätzt.

Schon 2002 war der Abschied des Publikumslieblings nicht als endgültig akzeptiert worden. Schweden mochte nicht auf den Mann verzichten, der in 73 Länderspielen 23 Mal getroffen hatte und 1994 WM-Dritter geworden war. Je näher die EM rückte, desto weniger wollte das Land Larssons fortwährende Abwesenheit tolerieren.

Ein bisschen Schuld hat der Stürmer von Celtic Glasgow auch selbst. Larssons Einsatz im April 2003, als er im Qualifikationsspiel gegen Ungarn aufgrund vieler Verletzungen kurzfristig eingesprungen war, hatte Zweifel an der Unumstößlichkeit seines Entschlusses aufkommen lassen. Wenige Wochen vor Beginn der EM schließlich konnte er die Rufe seiner Landsleute auch im fernen Glasgow nicht mehr überhören. Johanssons Brief war der Vorbote einer regelrechten Volksbewegung: Die Zeitung „Aftonbladet“ sammelte 110 000 Unterschriften, um Larsson zum Umdenken zu bewegen, selbst Ministerpräsident Göran Persson und Mitglieder der Königsfamilie nahmen an der Aktion teil. „Es ist immer schön, wenn man sieht, dass die Menschen viel von einem halten“, sagte Larsson; er klang beeindruckt.

Um die Meinung eines Mannes, zumal eines so zielstrebigen und erfolgsorientierten, aber wirklich ändern zu können, bedurfte es noch eines: einer offenen Rechnung. Die katastrophale EM 2000 – drei Spiele, zwei Niederlagen, Aus nach der Vorrunde – nagte noch an Larsson. Er wusste: „Es ist die Chance da, das vergessen zu machen.“ Ende April musste Henrik Larsson eine Entscheidung treffen. Es war sein Sohn Jordan, der sie ihm abnahm. „Warum machst du eigentlich nicht mehr mit? Geh doch!“ Henrik Larsson ging.

Die Reaktionen der Menschen ließen die Vermutung aufkommen, Schweden habe den Titel bereits gewonnen. „Das ganze Land hat eine Gänsehaut bekommen“, sagte Nationaltrainer Tommy Söderberg. Mit Larsson, behauptet er, sei das Team nun „um 30 Prozent stärker“. Auch der Protagonist zweifelt nicht an seinem Entschluss: „Es war richtig, zurückzutreten, und es ist nun richtig, wieder zurückzukommen.“ Denn Larsson glaubt, dass ihn die Nationalmannschaftspause sogar noch besser gemacht hat. „In den Jahren, in denen ich nicht für Schweden gespielt habe, konnte ich im Verein auf europäischer Ebene Erfahrung sammeln“, sagt er. „Die Zeit, in der ich nicht international im Einsatz war, hat meine Karriere verlängert.“

Es besteht sogar die Chance, dass sie nach der Europameisterschaft noch nicht vorbei ist. Zwar will Larsson Celtic Glasgow verlassen und bei einem Verein in einem südlichen Land spielen. Die Nationalmannschaft aber wird ihn wohl so schnell nicht wieder los. „Wenn es gut läuft, mache ich so lange weiter, bis sie mich rausschmeißen“, sagt Larsson. Tsp

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