Sport : Im Auge der Giganten

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Von Andrea Nüsse

Riad. „Unsere traditionellen Sportarten sind Schießen, Ringen, Kamelrennen und natürlich Reiten“, sagt Saleh Hammadi, der Chefredakteur der größten saudischen Sportzeitschrift „Al-Riyaddiya". Ein Blick in sein modernes, verglastes Büro in Riad belegt dies: An den Wänden hängen Fotos arabischer Vollblutpferde, die Hammadi und sein Vater auf ihrem eigenen Gestüt züchten.

Zahlreiche Preise haben sie bei Rennen in den Golf-Staaten gewonnen. „Aber Fußball ist die beliebteste moderne Unterhaltung für junge Saudis“, sagt der groß gewachsene Mann in dem traditionellen bodenlangen weißen Gewand, dem so genannten Thaub . In der Tat sind Fußballspiele einige der wenigen Gelegenheiten, bei denen junge Saudis öffentlich Gefühle zeigen dürfen: Nach einem Sieg des Riader Klubs Al-Ahli fahren die Fans hupend mit der Klubfahne durch die Straßen Riads. Ansonsten ist es in der saudischen Beduinenkultur verpönt, öffentlich Emotionen zu zeigen. Fußball sei jedoch mittlerweile ein Vergnügen für die ganze Familie, betont der Journalist. Nicht dass Frauen in dem Land mit der strikten Geschlechtertrennung ins hochmoderne Stadion in Riad oder in Jeddah mitgingen. Zu Hause, im Wohnzimmer, fieberten auch die Frauen mit, sagt Hammadi. Oft würden Wetten abgeschlossen, weil nicht alle Familienmitglieder der gleichen Mannschaft die Daumen drücken. Insgesamt gibt es in Saudi-Arabien 152 Fußballklubs, davon spielen zwölf um die Meisterschaft und jeweils zehn in der ersten und zweiten Division. Das hört sich nach Erster und Zweiter Bundesliga an. Doch die saudischen Fußballligen sind noch nicht einmal zehn Jahre alt, sagt Hammadi. Daher sei man sehr stolz, dass Saudi-Arabien sich bereits zum dritten Mal für die WM-Endrunde qualifiziert habe.

Stolz ist er auch, dass der saudische Nationalspieler Nawaf Al-Temyat, der zum besten asiatischen Fußballer des Jahres 2000 gekrönt worden war, gerade für mehrere Millionen Dollar an einen niederländischen Verein verkauft wurde. Der Journalist ist sich allerdings nicht sicher, dass Saudi-Arabien bei dieser Weltmeisterschaft an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen kann, 1994 habe die Mannschaft Belgien und Marokko besiegt, und fast hätte Saudi-Arabien auch noch die Niederländer geschlagen, erklärt er.

Bei der Weltmeisterschaft 2002 sei Saudi-Arabien allerdings in einer „sehr harten“ Gruppe gelandet. Man spiele gegen die „Giganten“ des Weltfußballs, am Sonnabend zum Beispiel gegen Deutschland (13 Uhr 30, live in Premiere und in der ARD). Hammadi macht sich keine Illusionen: „Wenn die Deutschen ihr Bestes geben, haben wir keine Chance, Aber wer weiß, ob sie zur Höchstform auflaufen?“ Der Chefredakteur wünscht sich, dass die Deutschen die Saudis unterschätzen.

Dann hätten die Außenseiter größere Erfolgschancen. Aber Teamchef Rudi Völler respektiere „die Leistungen des saudischen Fußballs“. Dennoch denkt Hammadi, dass Saudi-Arabien auf jeden Fall auf der Gewinnerseite stehen wird: „Die WM ist eine große Chance für den jungen saudischen Fußball. Er kann dadurch hinzulernen.“

Gelernt haben die Saudis seit Jahrzehnten: Erst hätten britische Trainer den saudischen Fußball beeinflusst und dabei auf Stärke gesetzt, sagt Hammadi.. „Aber wir Saudis sind nicht so groß und kräftig wie etwa die deutschen Spieler.“ Daher habe man von den Siebzigerjahren an erst Brasilien und später Kamerun als Vorbild genommen. Heute habe der saudische Fußball seine „eigene Chemie“, ein Gemisch aus europäischem und südamerikanischem Fußball, gefunden. Und so fiebern Hammadi und seine 17 Millionen Landsleute der WM entgegen.

Auch der Chefredakteur der auf rosa Papier gedruckten „Al-Riyaddiya“ kann nur als Gewinner aus der Weltmeisterschaft in Fernost vorgehen: Während die tägliche Auflage üblicherweise bei etwa 130 000 Exemplaren liegt, rutscht sie im heißen Sommer, den viele Saudis in kühleren Ländern verbringen, auf nur noch 90 000. Das gilt jedoch nicht, wenn ein sportliches Großereignis stattfindet. Während der Fußball-Weltmeisterschaft, da ist sich der Chefredakteur sicher, werde die Auflage auf 200 000 Exemplare steigen.

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