Sport : Im biblischen Alter

Justine Henin-Hardenne will ihren Titel in Berlin verteidigen – und fühlt sich mit 23 „alt fürs Tennis“

Benedikt Voigt

Berlin - Schließt man die Augen und hört die Worte, die Justine Henin-Hardenne spricht, könnte man glauben, eine 80-Jährige säße vor einem. „Mein einziges Ziel ist es, gesund zu bleiben“, sagt sie. Ein anderer Satz beginnt mit: „Nach meiner Viruserkrankung.“ Wie bei einer alten Dame, die von Arzt zu Arzt rennt, ist die Gesundheit zum Lebensthema geworden. Macht man die Augen wieder auf, sitzt eine muntere 23-jährige Frau am Tisch. „Mit 23 Jahren ist man im normalen Leben jung“, erklärt Justine Henin-Hardenne, „aber im Tennis ist man alt.“

Es ist also eigentlich eine alte Frau, die bei den Katar German Open in Berlin ihren Vorjahrestitel verteidigen will. Heute startet die verletzungsgeplagte ehemalige Weltranglistenerste gegen die Italienerin Mara Santangelo in das Turnier an der Hundekehle. Neben der Weltranglistenersten Amelie Mauresmo aus Frankreich, der Vorjahresfinalistin Nadja Petrowa aus Russland sowie der Schweizerin Patty Schnyder zählt sie zu den Favoritinnen. „Ich bin glücklich, wieder hier zu sein“, sagte die Belgierin. Das lässt sich auch an der Siegerliste ablesen. Dreimal hat sie dieses Turnier gewonnen, nur Steffi Graf ist das öfter gelungen. Ihr erster Sieg in Berlin 2002 war ihr erster größerer Turniersieg.

Eigentlich sind die Ergebnisse der aktuellen Weltranglistenvierten noch nicht herausragend. Siegen in Sydney und Dubai sowie dem Australian-Open-Finale gegen Mauresmo, das sie verletzt aufgeben musste, steht eine Niederlage in der ersten Runde in Miami gegen Meghann Shaughnessy aus den USA gegenüber. „Aber seit dem Fed-Cup fühle ich mich sehr gut“, sagt Justine Henin-Hardenne. Nun beginnt der wichtigste Abschnitt des Jahres für sie: die Sandplatzsaison. „Ich mag diesen Untergrund“, sagt sie. Im letzten Jahr hat sie auf Sand eine Siegesserie von 24 Matches hingelegt. Am Ende stand der Titel bei den French Open. Danach gelang ihr ein Rekord für die Geschichtsbücher, den sie lieber streichen würde: Als erste amtierende French-Open-Siegerin verlor sie in Wimbledon in der ersten Runde.

„Ich hätte dort nie antreten dürfen“, sagt sie. Sie war angeschlagen auf den Platz gegangen, ein Oberschenkel-Verletzung ruinierte den Rest der Saison 2005. „Das letzte Jahr war ein Jahr des Übergangs“, erklärt sie. Das aktuelle soll nun endlich wieder ohne größere Verletzungen vorüber gehen – aber mit Erfolgen. „Der Titel in Paris wäre mir am wichtigsten“, sagt sie. Als sie die letzten beiden Male in Berlin siegte, gewann sie anschließend auch die French Open.

Justine Henin-Hardenne verkörpert die aktuelle Powertennis-Generation – und deren Probleme. Martina Hingis, Kim Clijsters, Serena und Venus Williams sind ebenfalls früh in der Weltrangliste ganz oben aufgetaucht – und verletzten sich ebenso früh. Bei Henin-Hardenne kam eine hartnäckige Viruserkrankung hinzu, die sie vor zwei Jahren lange Zeit außer Gefecht gesetzt hat. „Ich höre jetzt besser auf meinen Körper“, sagt sie, „wenn es nötig ist, nehme ich mir drei, vier Tage zur Regeneration.“

Das große Ziel der Saison ist die Teilnahme an der WTA-Weltmeisterschaft der besten acht Spielerinnen im Oktober in Madrid. „Das würde bedeuten, dass ich die Saison verletzungsfrei überstanden habe“, erklärt sie. Zweimal hatte sie für das abschließende Turnier des Jahres wegen einer Verletzung absagen müssen. Obwohl sie ein für Tennisspielerinnen offenbar biblisches Alter erreicht hat, will sie in diesem Sport noch älter werden. „Ich möchte noch fünf, sechs Jahre spielen“, sagt Justine Henin-Hardenne. Letztlich wird das ihr Körper entscheiden.

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