Sport : Im Bus der Verlierer

Skispringer Sven Hannawald möchte heute in Titisee-Neustadt die ersten Weltcuppunkte in dieser Saison holen

Benedikt Voigt

Berlin. Als Sven Hannawald in den Bus stieg, der ihn zur Sprungschanze in Titisee-Neustadt fahren sollte, blickte er sich erstaunt um. „Ich habe dort mit Leuten gesessen, deren Gesichter ich nicht kannte“, sagte Hannawald. Das lag freilich nicht daran, dass sich der Sieger der Vierschanzentournee so schlecht an die Kameraden erinnern kann. Vielmehr sah er manche Fahrzeuginsassen tatsächlich zum ersten Mal in seinem Leben, da er an einem für ihn ungewohnten Ort saß. Er saß im Bus der Verlierer, jenem Fahrzeug, dass die Skispringer befördert, die als erstes in der Qualifikation springen müssen, weil sie noch keinen Weltcuppunkt in dieser Saison geholt hatten. Wie Sven Hannawald.

Bereits die Tatsache, dass sich der überragende deutsche Skispringer der vergangenen Saison in Titisee durch die Qualifikation kämpfen musste, ist ungewöhnlich. Doch Hannawald sucht nach seiner Knieoperation im Mai nach seiner früheren Form. Immerhin schaffte er gestern mit einem Sprung auf 123 Meter und Platz 15 locker die Qualifikation für das heutige Weltcupspringen (13.45 Uhr, live in RTL). Was nicht selbstverständlich war nach dem peinlichen Hüpfer auf 56 Meter im Weltcupspringen in Kuusamo. „Das ist abgehakt“, sagte Hannawald, „ich schaue nach vorne und will möglichst schnell in die Spitze zurückkehren.“

Bei Sven Hannawald ist alles möglich. Seine Leistung kann zwischen einem Hüpfer auf 56 Meter und vier spektaktulären Siegen bei der Vierschanzentournee schwanken. Mehr als andere Springer hängen Hannawalds Ergebnisse von seiner mentalen Verfassung ab. Vor dieser Saison hat ihn die Verletzung derart verunsichert, dass er beim Weltcupspringen in Kuusamo Letzter wurde. Sein Heimtrainer Wolfgang Steiert und Bundestrainer Reinhard Heß verzichteten auf das folgende Weltcupspringen und ließen ihn gemeinsam mit Martin Schmitt in Lillehammer trainieren. „Dort hat er sein Selbstvertrauen wiedergewonnen“, sagte Steiert. Und dann sind da die kleinen Psychotricks. Hannawald nahm für die Qualifikation wieder jene Skier, mit denen er die Vierschanzentournee gewann.

Das scheint zu helfen. „Das ist schon mal ein positives Gefühl“, sagte Hannawald nach der gelungenen Qualifikation. „Ich brauche jetzt einfach Sprünge, Sprünge und nochmal Sprünge.“ Auch alle anderen sieben deutschen Springer schafften es ins Hauptfeld. Nur Martin Schmitt, der ebenfalls eine Knieoperation hinter sich hat, setzt noch aus. Der Mannschaftsolympiasieger wird erst am kommenden Wochenende in Engelberg in den Weltcup einsteigen.

Michael Uhrmann musste sich in Titisee-Neustadt gar nicht erst qualifizieren. Als Dritter des Gesamtweltcups in dieser Saison ist er für das heutige Springen bereits gesetzt. Dahin möchte auch Sven Hannawald wieder kommen, doch dazu müsste er heute die ersten Weltcuppunkte sammeln. Gelingt ihm das nicht, ist das vielleicht auch nicht so tragisch. Dann hat er noch mehr Zeit, die neuen Kollegen im Bus der Verlierer kennen zu lernen.

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