Sport : Im diplomatischen Dienst

Felix Meininghaus

Schalke ist das Zuhause von Olaf Thon, daran gibt es keinen Zweifel. Obwohl sich der Mann in der Küche auf der Geschäftsstelle nur zögerlich zurecht findet: "Große Tassen für einen Cappuccino, wo haben wir die noch gleich?", fragt der 35-Jährige und zieht eine Schublade auf: "Oh, da lagern nur die Zigarren des Managers." Für einen konventionellen Kaffee reicht es allemal - aus kleinen Tassen. Was nichts daran ändert, dass Olaf Thon auf Schalke immer noch eine große Nummer ist. Auch jetzt, da er sich auf der Zielgeraden seiner Karriere befindet. Es ist der leise Ausklang einer großen Laufbahn.

"Das Alter bringt es mit sich, immerhin bin ich 36, wenn mein Vertrag ausläuft", sagt Thon. Ganz so einfach ist die Sache nicht. Es ist mal wieder eine Verletzung, die das Ende beschleunigt: Vor etwas mehr als einem Jahr hat er sich einen doppelten Bänderriss zugezogen, von dem er sich bis heute nicht vollständig erholen konnte. Ein kleines abgesplittertes Knochenstückchen verursachte die Komplikationen. "Ich habe da eine Sache, die es nicht ermöglicht, beschwerdefrei Fußball zu spielen", sagt der 52-malige Nationalspieler. Was andere mit Bestürzung vermelden würden, bilanziert Thon betont ruhig und mit großer innerer Gelassenheit. Ihm wäre der Ausstand "weitaus schwerer gefallen, wenn man noch mithalten kann, aber der Trainer stellt einen trotzdem nicht auf".

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Insgesamt 36 Verletzungen hat "Sport-Bild" einmal gezählt. Thon selbst kommt auf "zehn gravierende Verletzungen, aber das sind schon mehr als genug". So konnte eines der größten Talente in der Geschichte des deutschen Fußballs den vielfach prognostizierten Aufstieg zum Weltstar nie bewältigen: "Ich hätte in Italien spielen und locker hundert Länderspiele machen können", sagt Thon. Es wurde eine Karriere, in der die ganz großen Ausrufezeichen gefehlt haben: Im WM-Finale 1990 musste Thon Littbarski und Häßler den Vortritt lassen, obwohl er im Halbfinale gegen England außergewöhnlich gespielt und den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte. Da nutzte es auch nichts, "dass ich Beckenbauer wie ein Blöder vor der Nase rumgetanzt bin. Er hat mich nicht mal fünf Minuten spielen lassen."

Die Souveränität, das hinzunehmen, hat Thon längst gefunden. Der Mann verfügt über einen Grad an Gelassenheit, nach dem viele seiner Kollegen vergeblich suchen. Einer wie Olaf Thon hebt sich mit seinen Äußerungen bewusst ab vom branchenüblichen Blabla der Profifußballer. Er sagt Sachen wie: "Ich habe immer nach den Dingen gesucht, die mich auf eine höhere Stufe bringen. Von innen heraus." Viele finden es abgehoben, gar altklug, wenn Olaf Thon sich so distinguiert mitteilt. Die früheren Kollegen von Bayern München haben ihm den Spitznamen "Professor" verpasst, in Schalker Fankreisen nennen sie ihn ironisch den "Sohn des Bundespräsidenten". "Ich bin so, wie ich bin", sagt Thon, "ob die Leute Ecken und Kanten an mir finden oder mich rund wie einen Ball sehen, sollen sie für sich beurteilen."

Auf alle Fälle wird Thon mit seinen rhetorischen Möglichkeiten auch ohne Trikot und Stutzen seinen Platz im Schalker Gefüge finden. Irgendwo im Umfeld von Rudi Assauer, dem starken Mann auf dem Managerposten, und Sportdirektor Andreas Müller. Offiziell wird Thon nach Ende dieser Spielzeit als Repräsentant geführt, über die genauen Inhalte seiner neuen Tätigkeit sollen Gespräche mit Assauer in der Winterpause Aufschluss geben. Vielleicht kann er mithelfen, ein Gegengewicht zu schaffen zur Nationalmannschafts-Lobby der Bayern-und-Leverkusen-Fraktion, die Thon für viel zu mächtig hält: "Haben Sie nicht das Gefühl, als ob der Hoeness und der Calmund bei der Mannschaftssitzung dabei sind und die Aufstellung machen?", fragt Thon. "Und dann wird sie dem Franz gegeben, ob das okay ist." Thon findet das Ganze "schon merkwürdig" und sieht Handlungsbedarf: "Vom Stadion her sind wir den Bayern voraus. Aber die haben die Macht."

Als Lobbyist könne er die Schalker Interessen im deutschen Fußball stärker repräsentieren: Olaf Thon im diplomatischen Dienst des FC Schalke 04. Der redegewandte Profi mit dem streitbaren Assauer. Das wäre ein Bild, wenn die neue Doppelspitze die Heimspiele in der Arena gemeinsam qualmend verfolgen würde. Wo die Zigarren gelagert werden, weiß Olaf Thon ja inzwischen.

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