Sport : Im Dopen der Beste

Die nun veröffentlichten Dokumente und Beweise der US-Dopingjäger zeigen, wie Lance Armstrong das größte Betrugsnetzwerk des Radsports aufbaute.

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Schatten seiner selbst. Lance Armstrong, 41, überführter Radsport-Held. Foto: AFP
Schatten seiner selbst. Lance Armstrong, 41, überführter Radsport-Held. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Lance Armstrong, der lange Unberührbare, gibt jetzt den Ungerührten. Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilte der mit erdrückenden Dopingbeweisen konfrontierte US-Radstar mit: „Was ich heute Abend mache? Mit meiner Familie abhängen, ungerührt.“

Seine Fans, auch viele ehemalige, taten sicher etwas anderes. Sie lasen im Internet nach, was die amerikanische Anti-Dopingagentur Usada hartnäckig zusammengetragen hat und was in den letzten Jahren von der Ahnung zur Gewissheit geworden ist: Lance Armstrong, siebenfacher Gewinner der Tour de France, hat gedopt. Er hat seine Teamkameraden, die ihn im Feld abschirmten, zu Helfern auch seines Betrugs gemacht, er hat mit allen Tricks und der Beihilfe von Kontrolleuren und Funktionären des Radsportverbandes UCI negative Dopingproben herbeigeführt und positive zu verschleiern versucht.

Am Mittwochabend veröffentlichte die Usada eine 202 Seiten lange Urteilsbegründung im Fall Armstrong und stellte am darauffolgenden Tag noch 1000 Ermittlungsakten zum Beweis ins Internet. Was zu beweisen war, führte der Chef der Agentur Travis Tygart aus: Er bezeichnete Armstrongs Dopingstrategie „als die umfassendste in der Geschichte des professionellen Sports“. Die UCI hat nun drei Wochen Zeit, zu regieren und Armstrong seine Titel abzuerkennen.

Überraschend an den Dokumenten ist vor allem die Chuzpe, mit der Armstrong und die ihn unterstützenden Ärzte wie Michele Ferrari zu Werke gingen. Schon bei der Spanien-Rundfahrt 1998 wurde munter gedopt. Das war nur wenige Monate, nachdem die französische Polizei im Zuge der Festina-Affäre ganze Berge an Dopingmitteln beschlagnahmt hatte, Fahrer und Betreuer im Gefängnis landeten und der Rest des Tour-de- France-Pelotons die Klospülungen im Hotel auf Niagara-Modus stellte, um sich der Pillen und Ampullen zu entledigen. Als „Wendepunkt im Radsport“ wurde der Skandal damals bezeichnet, als Neuanfang. Nun weiß die Welt, dass dies nur ein Märchen war.

„Ich wurde von einem Teammitglied gebeten, Testosteron zur Vuelta zu transportieren“, erinnerte sich Armstrong-Masseurin Emma O'Reilly gegenüber der Usada. Der damalige US-Postal-Profi Jonathan Vaughters sah Armstrong im Hotelzimmer Epo injezieren. „Jetzt, da du selbst Epo nimmst, kannst du kein Buch mehr darüber schreiben“, habe Armstrong ihm triumphierend ins Gesicht gesagt. Armstrong war so sehr auf Doping aus, dass dies sogar die Kapazitäten seines Teams überstieg. Weil Teamchef Johnny Weltz kein Kortison im Auto hatte, Armstrong es aber dringlich forderte, mogelte Weltz ihm stattdessen eine Aspirinpille unter.

Ein Qualitätssprung in Sachen Doping setzte im Jahr darauf mit Johan Bruyneel als Teamchef und einer intensiveren Zusammenarbeit mit dem italienischen Dopingarzt Michele Ferrari ein. Laut Usada verschleierte Ferrari die Epo-Zufuhr mit einem Aufenthalt im einem Sauerstoffzelt. Während durch die Epo-Einnahme zwar mehr rote Blutkörperchen im Organismus sind, die körpereigene Produktion aber eingestellt wird und Epo-Gebrauch wegen des Mangels an Retikulozyten nachzuweisen ist, regt das Sauerstoffzelt die Retikulozytenproduktion an. Ferarri erhielt in mehreren Zahlungen zwischen 1996 und 2006 mehr als eine Million US-Dollar für Dienstleistungen solcher Art, Armstrongs falsche Erfolge machten auch ihn reich.

Bruyneel heckte einen Logistikplan aus: Ein französischer Motorradfahrer namens Philippe Maire brachte Epo rechtzeitig zu den Etappenorten. Von Maire gibt es im Internet ein Foto von 1999 mit Armstrong. Und ein weiteres, wesentlich jüngeres, mit den Radioshack-Profis Jens Voigt und Fränk Schleck. Das heißt noch nichts. Um Fotos kann jeder Fan bitten. Dass Maire in Kleidung des Radsponsors Trek beim Armstrong-Nachfolgerennstall herumläuft, lädt jedoch zu Fragen ein.

Fragen muss sich auch der Weltverband UCI gefallen lassen. Nicht nur im Hinblick auf die Geldzahlungen Armstrongs in sachlichem und zeitlichem Zusammenhang mit dem Unterdrücken einer positiven Probe bei der Tour de Suisse 2001. Sondern auch, warum ihr Blutpass-Profil nicht zu den gleichen Schlussfolgerungen kam wie Christopher Gore. Der australische Experte bemerkte in Armstrongs Blutproben der Jahre 2009 und 2010 „klare Hinweise auf Manipulation“.

Stets konnte der Texaner auch auf mangelnde Charakterstärke seiner Kollegen setzen. Heulsusenartig lesen sich die unter der Last der Beweise abgegebenen Geständnisse von George Hincapie und Levi Leipheimer, David Zabriskie und Tom Danielson. Sie alle erwecken den Anschein, durch Armstrong und Bruyneel zum Dopen gedrängt worden zu sein. Dabei hätten sie sich anders entscheiden können.

Armstrong unterschlägt nichts. Er gibt erst gar nichts zu. Er hängt ab, ungerührt.

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