Sport : „Im Ernstfall werde ich ausgeflogen“

Der ehemalige DDR-Auswahltrainer Bernd Stange über Krieg, Angst und sein Vorhaben, die irakischen Fußballer zu trainieren

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Herr Stange, wo sind Sie?

Na, raten Sie mal. Ich sitze in Bagdad, im Sheraton-Hotel. Ich haue gerade mit meiner flachen Hand auf den Schwarz-Weiß-Fernseher ein – und siehe da, jetzt kommt plötzlich Farbe.

Was gibt es denn zu sehen im irakischen Fernsehen?

Ach, hier kommen einfach Bilder aus dem Land. Fünfmal am Tag werden die Religionspflichten verkündet. Oft gibt es auch Nachrichten, aber die verstehe ich nicht. Ich drehe hier ständig am Knopf rum, aber bislang habe ich keinen englischsprachigen Sender gefunden.

Sie wollen Nationaltrainer des Irak werden. Wie gefällt Ihnen das Land?

Ich bin seit Donnerstag hier, und ich muss sagen, Bagdad ist total aufregend. Mich erinnert die Stadt an Istanbul. Auf den Straßen gibt es ein Gewusel der unterschiedlichsten Menschen, der Verkehr ist chaotisch, die Märkte sind hoffnungslos überfüllt.

Das klingt ja alles ganz normal.

Natürlich gibt es auch schlechte Seiten, die Sanktionen haben Spuren hinterlassen. Auf den Straßen fahren nur alte Autos, die Infrastruktur ist ziemlich kaputt. Wenn ich mal vom Hotel aus die deutsche Botschaft anrufen möchte, dann funktioniert das Telefon oft nicht. Und als ich ein Fax nach Deutschland schicken wollte, sagte man mir: „Germany interrupted.“ Nun soll ich es in zwei Tagen noch einmal versuchen.

Wie sind Sie ausgerechnet auf den Irak gekommen?

Seit drei Monaten lag mir das Angebot vor, ich habe hin und her überlegt. Jetzt bin ich hergeflogen, um die letzten Dinge zu klären. Ein paar Kleinigkeiten müssen noch geregelt werden, dann werde ich am Wochenende einen Vier-Jahres-Vertrag unterschreiben.

Was für Kleinigkeiten?

Ich möchte sichergehen, dass ich den Vertrag auch wieder auflösen kann. Ich will eine Ausstiegsklausel für den schlimmsten Fall – falls es Krieg gibt.

Haben Sie Angst?

Nö, überhaupt nicht. Viele Orte auf der Welt sind gefährlich. Wissen Sie, in Australien gibt es die meisten Giftschlangen unseres Planeten. Oder stellen Sie sich vor, ich hole mir an einem Imbissstand in China etwas zu essen, und plötzlich ist da Rattengift drin… Das kann alles passieren. Die Welt von heute ist sehr wunderlich geworden.

Und deshalb fliehen Sie vor der Welt nach Bagdad?

Ich reihe mich ein in die Reihe der Menschen, die hier ihrer Arbeit nachgehen. Natürlich habe ich ein mulmiges Gefühl, über allem schwebt die Ungewissheit. Aber das Außenministerium hat mir zugesichert, dass ich im Ernstfall ausgeflogen werde.

Fühlen Sie sich sicher als Deutscher im Irak?

Die Deutschen sind hier sehr beliebt, gerade wegen des Neins der Bundesregierung zu einem Krieg. Für mich hat die Haltung der deutschen Politik den Ausschlag gegeben, hierher zu kommen. Und ich glaube, auch der irakischen Seite war das wichtig. Einen englischen oder amerikanischen Fußballtrainer kann sich hier niemand vorstellen. Ich dagegen begreife mich als ein Botschafter des Friedens.

Blenden Sie nicht aus, dass Sie dem Regime eines Diktators dienen?

Ich glaube an das olympische Ideal. Der Sport ist in der Lage, die Machenschaften von Herrschenden zu umgehen. Ich werde mich nicht missbrauchen lassen. Das habe ich als DDR-Nationaltrainer lange genug getan. Zur Politik werde ich kein Wort sagen.

Und die weltweite Isolation des Irak ist Ihnen völlig egal?

Sportlich ist der Irak nicht isoliert. Das Land ist ein normales Mitglied des Fußball-Weltverbandes Fifa, und es gibt hier viele reguläre Fußballspiele. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Frankreich hat es ein Spiel zwischen dem Iran und den USA gegeben. Warum soll es so etwas nicht auch mit dem Irak geben?

Sie wollen mit Ihrem Team also zur Weltmeisterschaft?

Mein Ziel ist die WM 2006 in Deutschland, ganz klar. Ich möchte ähnlich viele Schlagzeilen machen wie Winfried Schäfer, der als Trainer nach Kamerun gegangen ist und dann bei der WM in Asien mit seinem Team gefeiert wurde. Das hatte dem auch niemand zugetraut.

Haben Sie schon mit Ihrer Mannschaft gesprochen?

Nein, aber ich habe die irakischen Fußballer bereits spielen sehen. Vor einem Jahr war ich Nationaltrainer des Oman, und meine Mannschaft hat in der Hauptstadt Maskat den Irak geschlagen. 1:0 haben wir gewonnen, vor 40 000 Zuschauern – so etwas gab es noch nie. Die Iraker haben toll gespielt, achtmal haben die an den Pfosten geschossen. Das hat mich beeindruckt. Seit diesem Spiel habe ich Kontakt gehalten mit dem irakischen Fußballverband. Und da haben die sich wohl gesagt: Der Bernd Stange ist der richtige Mann für uns.

Wissen Sie sonst noch etwas vom irakischen Fußball?

Sie müssen mal diese Fußball-Begeisterung hier sehen. Bei den Meisterschaftsspielen sind die Stadien ausverkauft, da stehen noch Tausende draußen vor den Toren und schauen sich das Spektakel auf Leinwänden an. Im Irak zählt allein der Fußball. Wenn ich hier aus dem 15. Stockwerk des Hotels auf die Stadt gucke, dann sehe ich nur Bolzplätze. Auf jedem Hof, auf jeder Wiese wird Fußball gespielt.

Sie klingen ja richtig begeistert...

Ich habe so lange in meinem Haus in Jena gesessen und auf ein Angebot gewartet. Ich war arbeitslos, habe im Garten den Rasen gemäht und die Rosen geschnitten. Das Nichtstun hat mich fertig gemacht. Jetzt kann ich alles hinter mir lassen, ich fühle mich wieder elektrisiert. Deshalb bin ich hier in Bagdad und mache dieses komische Ding .

Das Gespräch führte Robert Ide.

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