• Im Ewald-Prozess lautet die entscheidende Frage, wie viel der frühere Sportchef gesteht

Sport : Im Ewald-Prozess lautet die entscheidende Frage, wie viel der frühere Sportchef gesteht

Frank Bachner

Carola Beraktschjan hatte jahrelang Albträume vom Schwimmen. Sie war 15, als sie in der DDR mit Dopingpillen gemästet wurde und Weltrekord schwamm. Erst als der Pilot-Prozess gegen Doping-Trainer und -Ärzte begann, schlief sie ruhiger. Dafür fühlt sie sich jetzt "veralbert". Beraktschjan ist eine von bislang sieben Nebenklägerinnen im Prozess gegen den Drahtzieher des gesamten DDR-Dopingprogramms, den früheren Vorsitzenden des Deutschen Turn- und Sportbundes, Manfred Ewald. Der Spitzengenosse steht am 2. Mai vor Gericht. Und zwar, so wie es aussieht, nur am 2. Mai. Ein Verhandlungstag, nicht mehr, bei einer Anklage von 142 Fällen von Beihilfe zur Körperverletzung an Minderjährigen. "Ich habe kein Verständnis, dass man kleine und mittlere Funktionäre vor Gericht zieht, während der Gesamtverantwortliche für das flächendeckende Doping im Schnellverfahren behandelt wird", sagt Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes. Verfahren im Schnelldurchgang, so kommt das auch Beraktschjan vor. Aber "veralbert fühlte mich schon beim Kipke-Prozess". Das Verfahren gegen den früheren Sportarzt Lothar Kipke, der erst gestand und sich dann wand wie ein Aal, dauerte auch nur einen Tag. Urteil: 15 Monate Haft auf Bewährung.

Michael Lehner, der Vertreter der Nebenklage im Ewald-Prozess, hat grundsätzlich nichts gegen ein kurzes Verfahren. "Aber dann muss der Angeklagte umfassend gestehen, dann muss auch ganz klar seine Verantwortlichkeit herausgestellt werden. Da genügt nicht bloss ein Geständnis von einer Stunde." Ewald, der zusammen mit dem einstmals hochrangigen Sportmediziner Manfred Höppner vor Gericht stehen wird, hat gegenüber der Staatsanwaltschaft gestanden, darauf deutet die Verfahrensdauer hin. Dafür spricht auch, dass keine Zeugen geladen sind. Nur: Was hat er gestanden? Und, noch wichtiger: Wie wird Ewald vor Gericht auftreten? Das sind für Lehner die entscheidenden Fragen. Kipke hatte auch - grundsätzlich - gestanden, aber dann alle Schuld auf Andere abgewälzt.

Sollte Ewald sich auf gleiche Weise präsentieren, dann will Lehner das Verfahren mit Beweisanträgen ausdehnen. Im Fall Kipke hatte er Beweisanträge gestellt, doch die wurden vom Gericht abgeschmettert. Begründung: Für das Verfahren nicht relevant. Doch Lehner geht es auch um Aufklärung. "Es kann nicht sein", sagt Lehner, "dass ein Staatsanwalt nur die Anklageschrift herunterrattert, so dass man kaum etwas mitbekommt. Im Ewald-Prozess darf das nicht passieren." Im Kipke-Verfahren hatte ein rhetorisch schwacher Staatswalt die Anklagepunkte heruntergeleiert, als würde er im Radio Verkehrsmeldungen verlesen. Aber da, mutmaßt Lehner, gab es auch eine Absprache zwischen Staatsanwalt, Verteidigung und Gericht. Geständnis - dafür kurzer Prozess und Bewährungsstrafe. Im Klartext: Die Details der Verhandlung waren eher Nebensache. Eine Absprache vermutet der Advokat jetzt auch im Ewald-Verfahren.

Justiz-Pressesprecherin Michaela Blume wehrt sich allerdings gegen den Vorwurf des Schnellverfahrens gegen Ewald. "Das Gericht muss entscheiden, in welcher Form ihm ein Geständnis genügt. Wenn es zweifelsfrei der Meinung ist, der Angeklagte sei schuldig, kann es auch ein kurzes Verfahren geben. Sollten Zweifel auftauchen, kann man natürlich noch Zeugen laden." Aber umfassende Aufklärung? "Ein Gericht", sagt Blume, "muss nur jene Punkte aufklären, die für das Verfahren relevant sind. Mehr nicht."

Zweifellos steht das Gericht unter Zeitdruck. Obwohl der Doping-Experte Werner Franke den DTSB-Präsidenten schon 1991 anzeigte, wird erst jetzt gegen Ewald verhandelt. Aufgrund der absoluten Verjährungsfrist muss bis zum 3. Oktober 2000 ein erstinstanzliches Urteil gefällt werden.

Carola Baraktschjan wird, als Nebenklägerin, Ewald beim Prozess gegenüber sitzen. Mit geringen Erwartungen allerdings: "Dabei wird doch nichts herauskommen."

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