Sport : Im falschen Strafraum

Von Jens Lehmann bis Jörg Butt: Warum viele Torhüter gerne mal den Torjäger spielen

Claus Vetter

Die Nachspielzeit lief im Weserstadion. Werder führte 1:0. Dimo Wache wollte „nur nach vorn“. Drei Tage zuvor, am 15. März, hatte der Torwart von Mainz 05 im Fernsehen gesehen, wie Keeper Andrés Palop den FC Sevilla mit einem Kopfballtor zum 2:2 in Donezk vor dem Aus im Uefa-Cup bewahrt hatte. „Der Torwart aus Sevilla hatte ein wichtiges Ding gemacht, warum sollte mir das nicht gelingen?“ Wache lief nach vorn. „Ich wollte Unruhe im Bremer Strafraum stiften, meiner Mannschaft helfen.“ Wache half aber den Bremern, unabsichtlich: Jurica Vranjes nahm einen Abpraller auf, schlug ihn auf Diego, und der schoss den Ball zum 2:0 ins verwaiste Mainzer Tor. Wache ertrug es mit Fassung: „Ob du 0:1 oder 0:2 verlierst, ist doch egal.“ Er habe alles richtig gemacht. Fast jedenfalls.

Einen Torwart, der in der Bundesliga als Stürmer in der Nachspielzeit alles richtig gemacht hat, den gab es schon: Jens Lehmann, als er noch für Schalke spielte, am 19. Dezember 1997 im Dortmunder Westfalenstadion. Ecke Olaf Thon, Thomas Linke verlängerte, Lehmann hob im Strafraum des Gegners ab – und ließ seinem Dortmunder Kollegen Stefan Klos mit einem satten Kopfball keine Chance. 2:2 – das Tor zum Endstand und eine Premiere. Nie zuvor hatte in der Liga ein Torwart aus dem laufenden Spiel heraus einen Treffer erzielt.

Der Torwart als Torjäger? Oft geht das schief – wenn das Spiel läuft zumindest. Am ruhenden Ball gibt es Torhüter, die sich aufs Toreschießen spezialisiert haben. Jörg Butt, zurzeit Bayer Leverkusen, ist der erfolgreichste torjagende Torwart der Bundesliga-Geschichte. 26 Treffer hat er schon erzielt – alle per Elfmeter. Für den Hamburger SV gelangen Butt in der Saison 1999/2000 sogar neun Tore, damit lag er auf der klubinternen Torschützenliste auf Platz zwei. Das ging manchem dann doch zu weit. „Ich habe Butt nie als den überragenden Torhüter gesehen, zu dem er während seiner HSV-Zeit gemacht wurde“, sagt der ehemalige Nationaltorhüter Uli Stein. „Seine Elfmetertore haben viele Defizite kaschiert.“

Dabei ist Butt im internationalen Vergleich mit seinen 26 Toren noch weit hinten. Rekordtorjäger der Torhüter ist Rogerio Ceni vom FC Sao Paulo. Der Brasilianer hat schon 68 Tore erzielt. Ceni hat 2006 sogar Freistoßspezialist José Luis Chilavert überboten (62 Tore), der durch seine auffälligen Auftritte mit der Auswahl Paraguays bekannt geworden ist.

Der Torwart als Torjäger? „So etwas gab es zu meiner Zeit nicht“, sagt Enver Maric, 1974 als Nationaltorwart Jugoslawiens WM-Teilnehmer. Bis dahin gab es nur die Ausflüge eines Petar Radenkovic. Der fummelte sich als Torwart von 1860 München schon mal an gegnerischen Stürmern vorbei, ein Tor schoss Radenkovic aber nie. „Ich habe als Aktiver nie einen Torwart erlebt, der ein Tor geschossen hat. Aber heute sind die Torhüter bessere Fußballer“, sagt Maric, nun Torwarttrainer von Hertha BSC. „Wenn ein Torwart in der Schlussminute nach vorne läuft, muss er nicht nur Glück haben.“ Es sei kein Wunder, dass Treffer wie der von Lehmann oder des Sevillaners Palop per Kopf erzielt wurden. „Diese Torhüter haben ein sehr gutes Gefühl für die Situation, die wissen, wo ein Ball hinfliegt.“ Beim Erkennen der Flugbahn seien sie einem Feldspieler sogar eher überlegen. „Denn das gehört ja zu ihrem Job.“ Bei Hertha lässt Maric seine Torhüter oft Torschüsse üben. „Ein Torwart sollte im Training oft gegen den Ball treten“, sagt er. Spätestens seit die Torhüter Rückpässe nicht mehr aufnehmen dürfen, ist der mitspielende Torwart mehr gefragt.

Allerdings ist der Rollenwechsel nicht ganz so einfach für einen Torhüter. Denn an sich ist er zum Toreverhindern da. Das mit der Freude über sein Tor gegen Dortmund sei nicht ganz so einfach, hat Jens Lehmann damals nach seinem großen Auftritt in Dortmund gesagt. „Ich habe mich mehr über die zwei Gegentore geärgert, als dass ich mich über mein Tor gefreut habe.“ Denn bei Gegentoren „hat man als Torwart immer ein schlechtes Gewissen“.

Lehmann hat sein Tor absichtlich erzielt. Es gibt aber auch Torwarttore, die Zufallsprodukte sind. So gelang Kolumbiens Keeper Luis Martinez 2006 mit einem Abschlag ein Tor beim 2:1-Sieg der Südamerikaner in Polen. Und vor zwei Wochen erzielte Paul Robinson in der Premier League einen Treffer mit Folgen: Zuletzt hatte der Keeper von Tottenham Hotspur seinen Platz im englischen Nationalteam an Ben Foster vom FC Watford verloren. Im Spiel gegen Watford bezwang Robinson seinen Rivalen nun mit einem Freistoß aus 75 Metern. Der Schuss sprang im Strafraum des Gegners auf und segelte über den verdutzten Foster ins Tor. Die Spurs siegten 3:1, und Robinson wurde von den Fans als „England’s Number one“ gefeiert. Englands Nummer eins war er dann tatsächlich am 28. März beim 3:0 der Engländer in Andorra wieder. Robinson, der schon für Leeds United mal ein Tor geköpft hatte, hat sich seinen Platz im Tor mit einem Treffer gegen den Konkurrenten zurückerobert. Robinson sah es britisch, also humorvoll. „Schade nur, dass ich keinen Tor-Bonus in meinem Vertrag habe“, sagte er.

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