Sport : Im Fliegenglas der Formel 1

Zum 35. Geburtstag des Weltsportlers Michael Schumacher

Wolfram Eilenberger

Ich will nicht mehr blöd im Kreis herumfahren.“ Vermutlich muss man Österreicher sein, um solche Äußerungen zu prägen. Niki Laudas Rücktrittsbegründung von 1979 wurde zum Klassiker. Und doch gehört sie zu jenen Sätzen, die viel zu unmittelbar einleuchten, um das Eigentliche zu treffen. In ihrem Stil gleicht Laudas Selbstbeschreibung gar dem platten Befremden pseudokultivierter Fußballverächter, die „nicht verstehen können, wie 22 erwachsene Männer einem Ball nachjagen“. Wer Sport so beschreibt, offenbart lediglich, dass er zum Thema besser geschwiegen hätte. Ein echter Kenner wie Lauda besann sich deshalb bald eines Besseren. Keine drei Jahre nach dem Rücktritt brannte der Schlaukopf wieder darauf, mit anderen „im Kreis herumzufahren“ und sein Leben aufs Spiel zu setzen. Der Gute wurde 1984 nochmals Weltmeister. Den kleinen Kreis der Formel 1 hat er bis heute nicht verlassen.

Auch der unsterbliche Michael Schumacher wird weiter rasen. Zu gewinnen hat er indes nichts mehr. Und auch nichts zu beweisen. Dass der seit gestern 35 Jahre alten Familienvater sich dennoch nicht lösen will und eine Verlängerung seines Ferrari-Engagements erwägt, gehört zu den großen Rätseln des Sportjahres. Selbst der versierte PR-Profi Schumacher vermag sein Beharren nicht besser zu erläutern, als dass auch er weiterhin im Kreise Vertrauter seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen wolle.

Schumacher mag seinen Sport wahrhaftig lieben. Aber eine solche Begründung wird ihm nicht gerecht. Zu offensichtlich widerspricht sie der Logik seines Erfolges. Mit der diesjährigen Verweigerung des Karriereendes blieb der sechsmalige Champion weit hinter seinem Entscheidungsniveau zurück. Und Schumacher ist selbst ein viel zu klarsichtiger Analytiker, um zu verkennen, dass er den richtigen Zeitpunkt zum Abschied nun verpasst hat.

Zukünftige Rechtfertigungsprobleme dürften ihm dabei weniger von sportlicher Seite drohen. Ungleich kritischere Fragen ergeben sich aus der Natur seiner Lieblingsbeschäftigung. Die Formel 1 ist nun einmal lebensgefährlich. Mit jedem Testfahrtcrash, jeder absehbaren Startkarambolage wird sich Schumacher zukünftig fragen müssen, ob es sich bei dem geliebten Rennkitzel nicht um den einen – und womöglich einzigen – Luxus handelt, auf den ein verantwortungsvoll handelnder Mensch in seiner Position verzichten sollte. Schließlich nützt selbst einer sanierten Bilderbuchfamilie wie den Schumachers ein unsterblicher Papa nur unter der Voraussetzung, dass er lebt. Dass Schumacher dies alles präziser als jeder andere weiß, kein konkretes Ziel mehr vor Augen kennt und es dennoch nicht sein lassen kann, offenbart den Weltsportler von seiner menschlichsten und schwächsten Seite.

Schließen wir die Möglichkeit der Todessehnsucht aus, nährt Schumis überraschende Unfähigkeit anderseits die Ahnung, das Bestreiten eines Formel-1-Rennens berge tatsächlich eine einzigartige Erfahrung in sich. Eine sportliche Erfahrung, die sich dem Betrachter von außen nur schwer erschließt. Denn nach all den Jahren, all den sonnigen Sonntagen vor dem Fernseher und trotz feinster Analysen von Kai Ebel, ist es mir nicht gelungen, in diesem Sport etwas anderes zu erkennen als 20 Wagenlenker, die wie „blöd im Kreis herumfahren“. Wohlgemerkt, ich verpasse kein Schumi-Rennen. Nur, worum es mir und den anderen hundert Millionen Fans dabei eigentlich geht, bleibt schwer zu begreifen. Auf der Suche nach Erhellung stieß ich auf einen weiteren, ebenfalls legendären aussagekräftigen Österreicher, den Philosophen Ludwig Wittgenstein. „Was ist dein Ziel in der Philosophie?“, fragte sich Wittgenstein, von eigenen Zweifeln gequält, und antwortete im Gegenzug: „Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“

Ein wirklich erhellendes Gleichnis für die Formel-1-Manie: 20 Kreaturen, die wie Fliegen im Glase vor aller Augen um ihr Leben rasen. Ein jeder, Fahrer wie Zuschauer, auf eigene Weise gefangen. Und am Ende gewinnt Schumi. Glückwunsch.

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