Sport : Im freien Fall

Unfälle, Absagen und eine Gewichtsdiskussion: Das Skispringen kommt in diesem Winter nicht aus den negativen Schlagzeilen

Benedikt Voigt

Berlin. Wie sich die Bilder gleichen: Wieder überschlägt sich ein Skispringer im Flug, wieder knallt er mit dem Rücken auf den Hang, wieder muss er sofort ins Krankenhaus transportiert werden. Glücklicherweise ähnelt der Sturz des Koreaners Heung Chul Choi in Engelberg aber auch in der Diagnose jenem dramatischen Salto des Österreichers Thomas Morgenstern in Kuusamo. Auch der Koreaner durfte am Montag wieder das Krankenhaus in Stans verlassen. Er kam mit Prellungen und Zerrungen davon. Doch was ist das für eine seltsame Skisprungsaison, in der innerhalb von vier Wochen zwei Springer spektakulär stürzen?

„Dem Skispringen klebt das Pech an den Stiefeln“, sagt Koreas deutscher Trainer Jochen Danneberg dem Sportinformationsdienst. Von acht Wettkämpfen mussten drei wegen widriger Witterungsbedingungen abgesagt oder abgebrochen werden. Innerhalb von vier Wochen stürzen zwei Springer dramatisch ab und bringen die zögerliche Jury in Bedrängnis. Und dann schwebt auch noch seit Frank Löfflers Vorwürfen („Das ist Kampfwiegen“) eine Gewichtsdiskussion über dem Skispringen. „Solche Geschehnisse sind blanke Negativwerbung für unsere Sportart“, sagt Danneberg.

Nun, für das schlechte Wetter in diesem Winter kann das Skispringen nichts. Das ist höhere Gewalt. Allerdings können sich die Verantwortlichen darauf einstellen, dass aufgrund der Erderwärmung noch weitere warme und stürmische Winter auf sie zukommen können. Die entscheidende Frage aber ist, wie die Verantwortlichen des Internationalen Skiverbandes (Fis) mit widrigen Wetterbedingungen umgehen.

Das Springen am Sonntag in Engelberg war vor Chois Sprung bereits mehrfach wegen des schlechten Wetters unterbrochen worden. ARD-Fernsehkommentator Gerd Rubenbauer wunderte sich live im Fernsehen, dass der Koreaner in die Spur geschickt wurde. Sein Monitor hatte eigentlich eine unzulässige Windgeschwindigkeit angezeigt. Doch Fis-Renndirektor Walter Hofer weist erneut eine Mitschuld von sich. „Bei einem Athleten, der mit 100 Stundenkilometern durch die Luft fliegt, ist halt ein Gefahrenmoment vorhanden.“ Trotz des Sturzes wurde das Springen noch kurzzeitig fortgesetzt, ehe ein Schneesturm den seltsamen Wettkampf endgültig beendete.

Die Trainer fordern inzwischen Konsequenzen aus dem erneuten Unglück. „Es darf nicht auf Kosten unserer Athleten und der Sicherheit gehen“, sagt der ehemalige Skispringer Danneberg. Eine Möglichkeit wäre, selber mehr Verantwortung zu übernehmen. Der deutsche Bundestrainer Wolfgang Steiert wollte das Springen sogar verhindern. „Ich habe einen Versuch gemacht, dass wir uns als Trainer für die Absage des Wettkampfes einsetzen“, sagte Steiert, „das Ergebnis war kollektives Kopfschütteln.“ Ein geschlosseneres Auftreten der sportlichen Verantwortlichen hätte durchaus Gewicht gehabt. „Neben den Trainern sind es vor allem die Athleten, auf die wir hören“, sagte Hofer.

Der Renndirektor steht im Zuge der Kommerzialisierung seiner Sportart unter großem Druck. 14 Millionen Euro pro Jahr zahlt allein RTL dem Deutschen Skiverband, damit er dessen Veranstaltungen übertragen darf. Am Sonntag übertrug die ARD live aus Engelberg. Zu den Wünschen der Fernsehanstalten kommen die Anliegen der Sponsoren und der Organisatoren. Alles zusammen könnte ein Motiv dafür gewesen sein, das Springen trotz widriger Umstände so lange fortzusetzen. Danneberg sagte: „Wenn wir das Springen durchgebracht hätten, wäre es doch höchstens für die am Geld interessierten Organisatoren befriedigend gewesen.“

Immerhin ist der Internationale Skiverband bei der Gewichtsdiskussion aufgeschlossener. Bereits in den vergangenen Jahren hatte er versucht, durch Regeländerungen beim Anzug dem Trend zu den untergewichtigen Springern entgegenzuwirken. Nun überlegt die Fis, für jede Körpergröße ein Idealgewicht vorzugeben. Ein Skispringer, der weniger wiegt, müsste dann mit kürzeren Skiern und damit mit einer kleineren Tragfläche fliegen. Diese Pläne sind frühestens zur nächsten Saison durchsetzbar.

Bei der Vierschanzentournee, die am 29. Dezember mit dem Springen in Oberstdorf beginnt, gelten noch die alten Regeln. In Oberstdorf dürften sich die Jurymitglieder noch gründlicher überlegen, ob das Springen sicher ist. Vielleicht spielt aber auch ausnahmsweise mal das Wetter mit.

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