Sport : Im Frühlingsschlaf

Der Sport machte Finnland erst bekannt, dann stürzte er ein ganzes Volk in die Sinnkrise – und jetzt ist auch noch Eishockeystar Saku Koivu sehr müde

Sven Goldmann

Helsinki. Vor ein paar Tagen hat Mika Myllylä das getan, was viele seiner Landsleute in den dunklen Monaten des Jahres tun: Er hat getrunken. Zwei, drei Glas Bier, es können auch zehn, zwölf gewesen sein, dazu wurde wohl noch Koskenkorva gereicht, ein dem Wodka verwandtes Erfrischungsgetränk.

Manche ausländische Touristen empfinden das Verhältnis mancher Finnen zum Alkohol als Kulturschock, wenn sie in diesen Tagen bei der Eishockey-WM das Nachtleben von Helsinki erkunden. Egal, Mika Myllylä war so gut drauf, dass er auf die Bühne des Lokals sprang, um sich seiner Kleidungsstücke zu entledigen. Das wiederum hielt der Wirt für keine gute Idee, und er setzte den angeheiterten Stripper auf die Straße. Am nächsten Tag fand sich die Geschichte auf der Titelseite einer großen Tageszeitung, und die Finnen waren wieder mittendrin in einem Thema, das sie gerne vergessen würden. Der Skilangläufer Myllylä, früher Weltmeister und Olympiasieger, steht für das dunkelste Kapitel finnischer Sportgeschichte, den Doping-Betrug bei der WM vor zwei Jahren in Lahti. Damals wurden sechs Finnen des Dopings überführt und disqualifiziert, an der Spitze der Volksheld Myllylä.

Das war mehr als nur ein Dopingskandal, das war eine nationale Sinnkrise. Finnland schämte sich. Als vor ein paar Wochen Myllyläs frühere Teamkollegen Kajsa Varis wegen überhöhter Blutwerte von der WM im Fleimstal ausgeschlossen wurde, dachten ausländische Trainer laut über einen Boykott finnischer Weltcuprennen nach. Das wurde zwischen Helsinki und Rovaniemi wie ein angedrohter Ausschluss aus der Uno empfunden. Denn wie kaum ein anderes Volk definieren sich die Finnen über den Sport. Das ist so seit Beginn des 20. Jahrhunderts, als Finnland noch russisches Großfürstentum war und als Bühne für seine Autonomiebemühungen die Olympischen Spiele entdeckte. Bei der Eröffnungsfeier der Spiele von 1912 liefen die Finnen hinter der russischen Mannschaft ins Olympiastadion von Stockholm und trugen ein Schild mit der Aufschrift ’Suomi’. Nach den drei Olympiasiegen des Läufers Hannes Kohlemainen wurde zwar die russische Fahne gehisst, doch es war ein finnischer Wimpel an ihr befestigt.

1917 erlangte Finnland die Unabhängigkeit, und wieder war es ein Sportler, der die Existenz des jungen Staates in der Welt verkündete. Paavo Nurmi wurde für seine neun Goldmedaillen zwischen 1920 und 1928 als Wunderläufer gefeiert. Noch heute sagen die Finnen, Nurmi habe sie auf die Weltkarte gelaufen. Seine Karriere endete mit einer Sperre wegen unerlaubt kassierter Startgelder. Schwedische Journalisten hatten dem IOC den Tipp gegeben. Die Finnen brachen die sportlichen Beziehungen zu ihren Nachbarn ab, und richtig verziehen haben sie ihnen bis heute nicht.

Die Helden sind rar geworden

Seit Nurmis Tagen reklamiert Finnland seine besten Sportler als Kämpfer für die nationale Sache. Nach jeder olympischen Goldmedaille spielt der staatliche Rundfunk den Ehrenmarsch der Streitkräfte. Doch die Helden, sie sind rar geworden. Die Skiläufer sind verstoßen, der Formel-1-Pilot Kimi Räikkönen lebt in der Schweiz, der Fußballer Jari Litmanen spielt für Ajax Amsterdam, und die besten Eishockeyspieler verdingen sich fast ausnahmslos in Nordamerika. Anlässlich der WM in Helsinki und Turku sind sie für ein paar Wochen zurück in die Heimat gekommen. Die rechte Freude aber mag nicht aufkommen, denn bis jetzt haben die Finnen nur zweitklassige Gegner aus Österreich, Slowenien und der Ukraine besiegt. Gegen Tschechien und die Slowakei gab es Niederlagen, sodass vor dem Spiel heute gegen Deutschland die kritischen Töne überwiegen. Die Tageszeitung „Ilta Sanomat“ bildete nach dem 1:5-Debakel gegen die Slowaken ein leeres Eishockeytor mit einem Puck darin ab und fragte dazu in großen Buchstaben: „Wie schwer kann so etwas sein?“ Andere Blätter regen ironisch an, das Eishockeyidol Jari Kurri möge seinen Job als Kotrainer eintauschen gegen einen Platz auf dem Eis. Dazu muss man wissen, dass Kurri über zwei Jahrzehnte lang in Edmonton, Los Angeles und New York der kongeniale Partner des großen Wayne Gretzky war, vor fünf Jahren seine Karriere beendet hat und in ein paar Tagen 43. Geburtstag feiert.

Den Krebs besiegt

Seine Nachfolger im Nationalteam kommen nicht gut weg bei dieser WM, vor allem die Stars Saku Koivu und Teemu Selänne. Beiden wird abwechselnd Kraft- und Lustlosigkeit vorgeworfen, was im Falle Koivus noch am besten zu verstehen ist. Der Mittelstürmer war bei den Montreal Canadiens auf dem bestem Wege, so etwas wie der Wayne Gretzky von Finnland zu werden, bis ihn vor zwei Jahren eine Krebserkrankung traf. Koivu hat den Krebs besiegt, aber der acht Monate währende Kampf und die Chemotherapie haben Kraft gekostet. Die Strapazen einer 82 Spiele langen Saison steckt er nicht mehr so leicht weg wie früher. Saku Koivu ist ein anderer geworden, wenn er das blau-weiße Nationaltrikot trägt.

Den richtigen Koivu hat Finnland 1995 bei der WM in Schweden gesehen. Der kleine Mittelstürmer war der Star der Mannschaft, die im Finale die Schweden mit 4:1 besiegte und erstmals den WM-Titel nach Finnland holte. Bewegende Szenen haben sich damals in Helsinki abgespielt. Das Flugzeug mit den siegreichen Helden an Bord wurde von zwei Jagdbombern eskortiert. Bei den Siegesfeiern säumten 100 000 Menschen die Prachtstraße Esplanadi hinunter bis um Kauppatori, dem berühmten Markt am Hafen. Eine Woche lang feierten die Finnen sich selbst. Acht Jahre später ist Saku Koivu müde, das schönste Eishockey bei dieser WM spielen die Schweden, und der Frühling ist so, wie er meistens ist in Helsinki: kalt und windig.

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