Sport : Im Fünf-Wochen-Hoch

Weltmeister Robert Harting sucht nach seiner Energieleistung neue Ziele außerhalb des Rings.

Reinhard Sogl
Foto: AFP
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Moskau – Es ist diesmal nichts verloren gegangen nach dem Gewinn der Goldmedaille – weder die Sportausrüstung, noch die Akkreditierung, noch der Sieger selbst. Nach einem Imbiss nachts um drei im Fast-Food-Restaurant ließ Robert Harting die Feier seines dritten Weltmeistertitels mit einer kleinen Zimmerparty im Hotel ausklingen. Vor einem Jahr hatte er bei den Feierlichkeiten nach seinem Olympiasieg in London noch alles Wichtige verloren und musste die restliche Nacht außerhalb des Olympischen Dorfes in einem U-Bahnhof verbringen.

Robert Harting ist ruhiger geworden. Der 28-Jährige alte und neue Diskusweltmeister hatte sich nach seinem Erfolg auch körperlich gar nicht in der Lage gefühlt, die Nacht zum Tage werden zu lassen. Der im WM-Finale plötzlich schmerzende Rücken tat dem Berliner auch am Morgen danach immer noch weh, zudem schränkte ihn eine Oberschenkelzerrung in der Bewegung ein, die er sich ebenfalls beim Verteidigen seines Besitzstandes zugezogen hatte. „Der Schreck war zuerst groß“, gab er zu.

Ohne Rücksicht auf weitere körperliche Verluste hatte Harting dennoch alles in den vierten Versuch reingelegt, der mit einer Weite von 69,11 Metern für Platz eins reichte. Es war ein körperlicher und mentaler Kraftakt, wie er sagte: „Wenn man was verteidigen muss, kann man was verlieren.“ Jäger zu sein, sei einfacher, als Gejagter zu sein.

Er wird das Spiel weiter mitmachen, so es seine Gesundheit zulässt: im nächsten Jahr bei der EM in Zürich, 2015 bei der WM in Peking und bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Aber er will sich nicht mehr allein auf Edelmetall fixieren. Er habe auch andere Ziele, die ihm wichtig seien: der Bachelor in Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, sein Engagement für eine bessere Sportförderung, die tatkräftige sportliche Unterstützung für seinen Bruder Christoph und seine Freundin Julia Fischer. Damit die beiden Diskuswerfer nicht mehr wie in Moskau als jeweils Dreizehnter der Qualifikation das Finale verpassen. Diese Herausforderungen treiben ihn an. „Wenn dann noch der vierte WM-Titel herausspringen sollte – schön“, sagte Harting.

Der dritte war schon keine Selbstverständlichkeit. Nach den Olympischen Spielen raubten dem Sportler des Jahres zuerst die vielen Medien- und PR-Termine die Energie, dann fiel er nach dem Vorbereitungstraining im Frühjahr in ein körperliches und mentales Loch. „Ich war nur noch im Stand-by-Modus“ sagte Harting. Dass er jetzt in Moskau dennoch wieder sein Trikot zerreißen konnte, habe er zum einen seiner Fähigkeit zu verdanken, sich auf den Saisonhöhepunkt konsequent vorzubereiten. „In diesen fünf, sechs Wochen wieder hochzufahren, das ist meine Stärke.“

Zum anderen schärfte jenes Schlüsselerlebnis in Hengelo seine Sinne, als er nach 35 Siegen in Serie seinem großen Konkurrenten Piotr Malachowski erstmals wieder unterlag. „Es war ein Signal, mal reinen Tisch zu machen“, sagte Harting über die Niederlage. In seine Technik hatten sich Fehler eingeschlichen, die er bis zur WM aber nicht mehr alle korrigieren konnte. Am Ende war es eine pure Willensleistung, den Herausforderer, der 68,36 Meter warf, auf Rang zwei zu verweisen.

Die Saison ist gerettet für Robert Harting, aber noch nicht vorbei. Sollte die Zerrung rechtzeitig ausgeheilt sein, will er noch bei den Diamond-League-Meetings in Stockholm und Zürich antreten, eventuell bei einem Wettkampf in Warschau Malachowski die Chance zur WM-Revanche bieten und sich dann beim Istaf in Berlin präsentieren – als neuer, alter Weltmeister. Reinhard Sogl

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