Sport : Im fünften Ring: Ein olympischer Fiebertraum

Helmut Schümann

Olympia und Fieber - schön ist das nicht. Wir hatten einen Traum, einen olympischen Fiebertraum. In dem Traum waren wir beim Gewichtheben. Ronny Weller hatte gerade Weltrekord gehoben, 210 kg. Dann kam Rezazadeh Hossein aus dem Iran an die Reihe. Auch er hob Weltrekord, 212,5 kg. Erst ging er noch ein Stück mit dem schweren Gewicht auf die Kampfrichter und Funktionäre zu, die da johlten und gröhlten, weil so ein Weltrekord ja eine tolle Sache ist. Aber dann kam er zum Stehen. Er pustete seine Backen auf, alles spannte, der ganze Körper spannte, der ganze dicke 147,48 kg schwere Körper. Und dann platzte er. Dann platzte Rezazadeh. Erst war es nur ein kleiner Riss in der Bauchmitte, aber dann wurde der Riss immer größer und heraus quollen Spritzen, Ampullen, Katheter, Pillen, Fläschlein, Döschen, Kanülen und Spritzen, immer wieder Spritzen. Die Hantel hatte sich mit jedem Teil, das aus dem Körper kam, ein bisschen tiefer gesenkt und sich am Ende wie schützend über die Hülle von Rezazadeh gelegt.

Den Kampfrichtern und den Funktionären aber lagen die Berge aus Pharmaka vor der Nase. Erst hatten die Herren verdutzt geguckt, den Versuch aber gültig gegeben.

"Aber das sind doch Dopingmittel", hatte einer von den Zuschauern gesagt. "Das sind schwere Anschuldigungen, die Sie da machen", antwortete ein Funktionär, "das muss man erst einmal beweisen." Ein anderer Funktionär hatte sich eingemischt: "Wenn einer das ganze Zeug in sich hineinstopft, der müsste ja platzen." "Eben" sagte der Zuschauer. "Unsinn" sagten die Funktionäre, "räum doch mal einer das Zeug weg damit wir weitermachen können."

Wir sind dann aufgewacht. Vermutlich haben sie alles wieder reingestopft in Rezazadeh und ihn wieder zugenäht. Er war nämlich bei der Siegerehrung. Vielleicht war ja alles auch nur ein Unsinn, ein olympischer Fiebertraum eben. Wir werden sehen.

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