Sport : Im Galopp durch ein Jahrhundert

Reitsportverband feiert in Berlin sein Jubiläum

Ingo Wolff

Berlin - Noch vor wenigen Wochen stand es nicht gut um den deutschen Reitsport. Die Dopingfälle der Pferde von Ludger Beerbaum und Bettina Hoy hatten die Glaubwürdigkeit der erfolgreichsten deutschen Sportart bei Olympischen Spielen beschädigt. Und dass ausgerechnet in dem Jahr, in dem der Dachverband sein erstes zurückliegendes Jahrhundert feiert und sich auf die Weltreiterspiele in Aachen im kommenden Jahr vorbereitet. Gestern beim offiziellen Festakt zur 100-Jahr-Feier merkte man den Reitern die momentane Krise nicht an. Zu viele großartige Erfolge der Vergangenheit hatte die Reiterliche Vereinigung zu feiern, verschwieg jedoch auch die dunklen Kapitel während der beiden Weltkriege und aktuell im Dopingfall nicht.

Bundeskanzler Gerhard Schröder wollte gleich zu Beginn seiner Rede seine Kompetenz im Reitsport unter Beweis stellen – immerhin habe er in seiner Zeit des zweiten Bildungswegs mit einem Sattelmeister die Schulbank gedrückt. Schröder wies mit einem Schmunzeln darauf hin, dass aus seiner Sicht natürlich Oldenburger und Hannoveraner die besten Pferde sind.

Schröder bildete die Spitze einer mit zahlreichen prominenten Gästen besetzen Veranstaltung in der Berliner Franklinstraße. Neben Innenminister Otto Schily, Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und FDP-Chef Guido Westerwelle, dessen Lebenspartner die Weltreiterspiele organisiert, waren auch zahlreiche aktive und ehemalige Reiter wie Hans-Günter Winkler unter den 700 Gästen. Die Dressur-Olympiasiegerin Isabell Werth moderierte den Festakt des erfolgreichsten deutschen Sportfachverbandes auf den Tag genau 100 Jahre nach der Gründung der Vorgängervereinigung „Verband der Halbblutzüchter“ in der Gaststätte „Zum Heidelberger“ in der Berliner Friedrichstraße.

Der Anlass der Gründung erstaunt heute angesichts des überragenden Erfolgs der deutschen Reiter und Pferde. Denn der Grund für die damalige Zusammenkunft war der sportliche und züchterische Misserfolg. Kaiser Wilhelm II hatte ein generelles Startverbot für deutsche Reiter im Ausland erteilt, keiner seiner Offiziere sollte sich mehr bei internationalen Vergleichen blamieren. Zudem war Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts der größte Pferdeimporteur der Welt. Heute sind deutsche Pferde auf der ganzen Welt gefragt. Wenn der Bundeskanzler demnächst zu einer Reise in mehrere arabische Länder aufbricht, werden ihn auch einige Reiter und Züchter begleiten, die dort für deutsche Pferde werben sollen.

Schröder würdigte neben den leistungssportlichen Erfolgen vor allem das Engagement der Reiter für Behinderte. Pferde spielen in der Therapie und Förderung der Behinderten eine enorme Rolle: „Ich weiß, dass nur das Streicheln, das Anfassen so unendlich viel bedeutet.“ Der Kanzler, selbst Mitglied eines der über 7000 Reitvereine, lobte allerdings auch den gesellschaftlichen Stellenwert der Pferdesports in Deutschland. „Mehr als eine Million Menschen reiten in unserem Land regelmäßig. Das zeigt, dass die Reiter keine elitäre Gesellschaft sind.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar