Sport : Im Geist der Intrige

Harald Irnberger

Dass der FC Barcelona "mehr als ein Club" sei, haben dessen Anhänger immer schon behauptet. Seit gut einer Woche hat die Formel noch eine andere Bedeutung: Barca sei ein "Puti-Club", heißt es jetzt. So pflegt man in Spanien umgangssprachlich ein Bordell zu bezeichnen. Anlass für die Neudeutung ist das hartnäckige Gerücht, vor dem Spiel gegen Rayo Vallecano hätten einige der Spieler in ihrem Mannschaftshotel in Madrid ein etwas zu geselliges Beisammensein mit jungen Damen von zweifelhaftem Ruf zelebriert. Zum öffentlichen Thema wurde dies, nachdem das Millionärs-Ensemble tags darauf gegen den Tabellenletzten saft- und kraftlos verloren hatte.

Obwohl vom Präsidenten bis zum Mannschaftskapitän alle Funktionsträger die erotische Sonderschicht der Ballkünstler eine Wochen lang entschieden dementiert hatten, kam das Publikum schon hochgradig erregt zum Heimspiel gegen Osasuna. Statt Vereinsfahnen wurden auf den Rängen Slips geschwenkt und ein Transparent mit der Aufschrift "- Follar + Jugar". Diskret übersetzt bedeutet dies, die jungen Herren sollten sich weniger auf die Kraft ihrer Lenden und mehr auf die Fertigkeiten ihrer Beine besinnen.

"Für einige Spieler hat sich der Ball heute in eine Bombe verwandelt", registrierte hernach Trainer Carles Rexach. Prompt setzte es für Barcelona erneut eine Niederlage, womit die Katalanen auf den neunten Tabellenplatz abrutschten - sieben Punkte hinter Spitzenreiter Real Madrid. Nach dem schleichenden Niedergang der letzten Wochen gerieten die Fans endgültig außer Rand und Band. Journalisten wurden als Überbringer schlechter Nachrichten teils tätlich attackiert. Und auch über die Vereins-Oberen auf der Ehrentribüne brach eine noch nicht erlebte Flut von Verwünschungen herein.

Natürlich hat der Aufstand der selbst ernannten Anständigen tiefere Wurzeln. Das absurde Drama währt exakt seit dem Sommer 1996, als mit Johan Cruyff der erfolgreichste Coach der mehr als hundertjährigen Vereinsgeschichte entlassen wurde, weil er die eitlen Vorstandsmitglieder - allen voran den Langzeit-Präsidenten Jose Luis Nuñez - in die Schranken zu weisen trachtete. Der selbstbewusste Holländer hatte eine Equipe geschaffen, die alles gewann, was es zu gewinnen gab, und dazu noch schönen Fußball spielte. Als der Trainer überzeugt war, dass die Zeit seines Dream Teams zu Ende gehe, wollte er nicht auf teure Einkäufe setzen, sondern den eigenen Nachwuchs nach oben führen. Cruyff holte den damals unbekannten Luis Figo aus Lissabon und füllte den Kader mit Kickern aus der Juniorenmannschaft auf. Weil dieses Experiment nicht auf Anhieb weitere Titel brachte, hatte Nuñez endlich einen Vorwand für die Entlassung Cruyffs.

Seitdem saßen Bobby Robson, Louis van Gaal und Llorenc Serra Ferrer auf der Trainerbank, es gab auch Erfolge - doch der Erzfeind Real Madrid war fast immer noch erfolgreicher. Die wenigen charismatischen Spielerpersönlichkeiten sahen in Barcelona keine Perspektive mehr. Zuerst ging Figo, dann Guardiola. Und wenn es doch einmal wirklich gut lief, meinten nicht wenige Nostalgiker, "den Geist von Johan" gesichtet zu haben.

Verbittert über so viel Undank trat Nuñez im Sommer 2000 zurück. Sein Nachfolger wurde der langjährige Vizepräsident Joan Gaspart - und damit blieb einer der traditionsreichsten Fußballvereine der Welt weiterhin in Geiselhaft des halbseidenen Sektors von Barcelonas Besitzbürgertum: Viele reden mit, Entscheidungen kommen per Zufall und Intrige zu Stande. So wurden in den vergangenen beiden Jahren für mehr als 180 Millionen Euro neue Spieler verpflichtet - doch nicht einer von ihnen schlug wirklich ein. Im vergangenen Sommer verpflichtete der Klub den 20-jährigen Argentinier Javier Saviola und feierte ihn öffentlich als besten Spieler der Welt. Eigentlich ging es nur darum, den Jubel des Erzrivalen Real Madrid zu übertönen, der gerade den französischen Superstar Zinedine Zidane gekauft hatte. Der öffentliche Druck überforderte Saviola und löste in der Mannschaft zusätzlichen Streit und Neid aus. Inzwischen gilt es als gesichert, dass das Gerücht von der Orgie zu Madrid den Reportern direkt aus der Mannschaft zugetragen wurde.

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