Sport : „Im günstigsten Fall mag der Investor Hertha“

Finanzexperte Gassen über Genussscheine und die Gefahr einer Klub-Übernahme

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Herr Gassen, was halten Sie von Genussscheinen?

Genussscheine sind eine interessante Finanzierungsform, denen aber weitgehend eine gesetzliche Normierung fehlt. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie nach dem Fremdkapital, aber vor dem Eigenkapital bedient werden. Zuerst kriegen die Fremdkapitalgeber ihr Geld, also Tilgung und Zinsen, dann erst werden die Genussscheininhaber bedient. Im Gegensatz zum normalen Eigenkapital haben Genussscheininhaber kein Stimmrecht. Dafür erhalten sie eine Rendite, die größer als der gewöhnliche Fremdkapitalzins ist.

Das macht es für den Investor interessant?

In der Regel ja. Ein Fremdkapitalgeber erhält meist einen festen Zinssatz für sein eingesetztes Kapital, als Genussscheininhaber bekommen Sie hingegen eine Rendite, die von der Gewinnentwicklung des Unternehmens abhängt. Wenn das Unternehmen keine Gewinne macht, dann kriegen Sie keine Verzinsung; darüber hinaus kann sogar eine Verlustbeteiligung vereinbart werden. Darin liegt das Risiko.

Hertha gibt Genussscheine im Wert von 25 Millionen Euro aus und macht demnach alles richtig?

Für Fußballvereine sind Genussrechte eine relativ clevere Form der Finanzierung. Bundesligateams müssen laut Lizenzierungsordnung der Deutschen Fußball-Liga von ihren Vereinen kontrolliert werden. Sie können zwar als Kapitalgesellschaft firmieren, wie Hertha, aber als beherrschende Eigentümer kommt nur ein Verein in Frage. Das macht es für Bundesligateams schwer, Risikokapital in Form von klassischem Eigenkapital einzuwerben. Wer das Risiko trägt, der will schließlich auch mitbestimmen.

Das Risiko liegt nur beim Investor?

Mehrheitlich. Er ist Risikoteilhaber. Ein rationaler Investor wird Genussscheine nur zeichnen, wenn seine erwartete Rendite der Risikoposition angemessen ist.

Für ihn wird es nur interessant, wenn er eine risikoangepasste Verzinsung erhält?

Prinzipiell schon. Fußballunternehmen sind per se nicht besonders rentabel. Sie verfolgen zwei Ziele zugleich: Sie suchen den sportlichen Erfolg. Hierbei ist der wirtschaftliche Erfolg als zweites Ziel ein wesentlicher Faktor, aber halt nicht das zentrale Ziel. Für einen Investor ist der sportliche Erfolg aber nur relevant, wenn er auch zum wirtschaftlichen Erfolg führt. Falls, wie in der Presse diskutiert wird, die Verzinsung der Genussscheine auch an den sportlichen Erfolg gekoppelt wird, ergibt sich unter Umständen künftig ein wirtschaftliches Problem für den Verein. Stellen Sie sich vor, dass Hertha in der nächsten Saison den Uefa-Cup erreicht, aber sich wirtschaftlich weiter in einer angespannten Lage befindet. Dann würden sich die auf Grund des sportlichen Erfolges höheren Genussscheinzinsen negativ auf die Liquiditätslage auswirken.

Wann werden Genussscheine lukrativ?

Das hängt von der Ausgestaltung der Genussscheine ab: Bieten sie eine risikoangepasste Verzinsung, sind sie grundsätzlich für Investoren attraktiv. Es ist auch vorstellbar, dass sich Zeichner der Genussscheine einen nicht-monetären Nutzen erhoffen: sei es, dass sie ein strategisches Interesse an Hertha haben oder dass sie sich in der Rolle als „Hertha-Retter“ gefallen.

Wenn die Ausgabe von Genussscheinen so eine clevere Variante ist, warum machen das nicht mehr Vereine?

Zunächst ist für manche Fußballunternehmen klassisches Fremdkapital noch immer die billigere Finanzierungsform. Hinzu kommt, dass einige Bundesligateams relativ konservativ geführt werden, was die Finanzierung angeht.

Wer darf feiern, wenn der Vertrag unterschrieben wird – der Investor oder Hertha?

Ich würde sagen: Eher Hertha. Allerdings hängt das vom Investor ab. Falls dieser Hertha lediglich als „Rendite-Risikoposition“ betrachtet, so ist die Anlageform Herthagenussschein für ihn nur eine von irrsinnig vielen. Für Hertha hingegen sind 25 Millionen Euro nicht unerheblich.

Der Investor muss Hertha also sehr mögen?

Da es sich um eine Beteiligungsgesellschaft handeln soll, könnte man vermuten, dass diese lediglich ökonomisch orientiert ist und sich das Risiko hoch verzinsen lässt. Die Gesellschaft könnte aber auch im Auftrag Dritter handeln, die ein langfristiges Interesse haben. Etwa, weil sie spekulieren, dass über kurz oder lang die Lizenzierungsordnung der DFL modifiziert und die Übernahme von Fußballunternehmen durch Kapitalinvestoren möglich wird, wie heute schon in Großbritannien. Durch ihre Kapitalbeteiligung hätten sie dann „einen Fuß in der Tür“. Im günstigsten Fall könnte es aber auch ein Investor sein, der Hertha einfach mag.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

Joachim Gassen, 35, ist Experte für die Finanzierung und Bilanzierung von Fußballunternehmen. Er ist Professor an der Humboldt-Universität Berlin und dort Instituts-Direktor.

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