Sport : Im Hass vereint

Chelsea und Liverpool kämpfen ihre Feindschaft aus

Raphael Honigstein[London]

Der „nur nach vorne“ schauende, „immer nur von Spiel zu Spiel“ denkende Berufsschlag des Profifußballers unternimmt selten gedankliche Ausflüge in die Vergangenheit. Aber heute im Champions- League-Halbfinale zwischen dem FC Chelsea und dem FC Liverpool an der Stamford Bridge (20 Uhr 45, live bei Premiere) geht es ausnahmsweise mal nicht nur ums Hier und Jetzt, nicht nur um den Einzug ins Endspiel in Athen. Aus Sicht der Hausherren soll eine alte, bittere Schmach getilgt werden. Das Aus gegen Liverpool im Halbfinale der Champions League vor zwei Jahren, als sich José Mourinhos scheinbar unaufhaltsame Ergebnismaschine ausbremsen ließ, brennt allen Beteiligten noch immer unter den Nägeln.

Erst diese Woche hat Chelseas Trainer wieder jenes „Phantomtor“ von Luis García bejammert, das nach dem 0:0 im Hinspiel den Ausschlag gab. Der Ball war damals erwiesenermaßen nicht über der Linie. Folglich, argumentiert der Portugiese, sei man ungeschlagen, ja unfair ausgeschieden. Der spätere Champions-League-Sieger hätte den Titel also überhaupt nicht verdient. Liverpools Trainer Rafael Benítez konterte, leicht genervt, wie immer mit dem Hinweis auf Petr Cechs rot- und elfmeterwürdige Foul, das dem „Treffer“ vorausging. Seit zwei Jahren zanken die Fans beider Klubs um die Deutungshoheit, die Animosität zwischen den Vereinen sucht derzeit in Europa ihresgleichen. In Liverpool nennen sie den 44-jährigen Mourinho nur „Moaninho“, das kann man mit „Meckerinho“ übersetzen. Für Liverpools Xabi Alonso stellt Mourinhos beleidigtes Nachkarten „eine spezielle Motivation“ dar: „Chelseas Gerede, das sind doch saure Trauben. Wir hoffen, dass sich die Geschichte wiederholt.“

Das Rückspiel in Anfield in der kommenden Woche wird das 15. Duell der beiden Teams in drei Spielzeiten sein – und mit jedem Treffen versteht man sich schlechter. Das ursprünglich herzliche Verhältnis der Trainer ging vor zwei Jahren in die Brüche. „Wir waren Freunde – so lange, bis wir anfingen, gegen sie zu gewinnen“, sagt Benítez sarkastisch. Zwischen den Spielern gibt es ebenfalls zahlreiche Reibungspunkte. Steven Gerrard zum Beispiel nimmt Ricardo Carvalho übel, Wayne Rooneys Rote Karte im WM-Viertelfinale gegen Portugal „provoziert zu haben“, mit Chelseas Frank Lampard konkurriert der Engländer zunehmend um die Rolle im zentralen Mittelfeld des Nationalteams.

Das schwierige Verhältnis zwischen Nord- und Südengländern spielt bei dem Streit die übergeordnete Rolle. Die bis vor kurzem unterschiedlichen Eigentumsverhältnisse der Vereine verstärkten diesen Streit. Die Reds aus Liverpool hielten den über Nacht zur Großmacht aufgestiegenen Blues gerne einen Mangel an Tradition vor. „Geschichte kann man nicht kaufen!“, skandierten Liverpools Fans. Doch seit die US-Millionäre Tom Hick und George Gillett den Verein im Februar übernommen haben, hält man sich in Liverpool zurück. „Man kann Geschichte nicht kaufen? Aber man kann sie anscheinend verkaufen!“, spotten sie jetzt in Westlondon.

In emotionaler Hinsicht müsste es also heute ein tolles Spiel werden. Oft gab es bei den Duellen der Klubs außer den Hassgefühlen nicht viel zu bewundern; die taktisch ähnlich ausgerichteten Teams bekämpften sich gegenseitig so gekonnt, dass das Spektakel sich schnell erschöpfte. Mourinho muss dabei am Mittwoch auf den gesperrten Michael Essien verzichten, der Einsatz des am Knöchel verletzten Michael Ballack ist ebenso fraglich wie die Teilnahme von Verteidiger Ricardo Carvalho. Immerhin braucht sich Mourinho, im Gegensatz zum Viertellfinale gegen den FC Bayern vor zwei Jahren, diesmal nicht in einem Wäschekorb aus der Kabine schmuggeln lassen. Wie die „Times“ nun berichtet, umging der Portugiese mit diesem Slapstick-Trick seine von der Uefa auferlegte Spielsperre und das Verbot, die Kabine zu betreten. Sanktionen hat er nach der späten Enthüllung nicht zu befürchten. „Diese kritische Episode sollten wir alle lieber vergessen“, sagt Uefa-Sprecher William Gaillard. Der Verband hält es wie die Spieler: nur nach vorne schauen, bitte.

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